Serien-Tipp: »The Handmaid's Tale«

Elisabeth Moss in » The Handsmaid's Tale«

Elisabeth Moss in » The Handsmaid's Tale«

Rot steht für Fruchtbarkeit und Gewalt: Volker Schlöndorff hat Margaret Atwoods dystopischen Roman bereits 1990 als »Die Geschichte der Dienerin« verfilmt. Nun zeigt sich, dass der Stoff sehr viel besser zur Serie taugt

Es ist zum kulturellen Klischee geworden, Filme oder Serien als »aktuell« zu bezeichnen, in denen die Welt, wie wir sie kennen, untergeht, und Zombies, Außerirdische oder schlicht böse Menschen die Herrschaft übernehmen. Auf den ersten Blick passt die Neuverfilmung von Margaret Atwoods dystopischem Roman »The Handmaid's Tale« denn auch wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge zum gegenwärtigen politischen Klima. Die Furcht vor einem Erstarken der autoritären Regime ist allgegenwärtig. In den USA wurden die Versuche von republikanischer Seite, die erkämpften Rechte in Bezug auf Abtreibung, Verhütungsmittel und Frauengesundheitsvorsorge zurückzuschrauben, als »war on women« gebrandmarkt. Die Kanadierin Atwood hat bereits 1985 in ihrem dystopischen Entwurf, der in einem fiktiven Neu-England der nicht allzufernen Zukunft spielt, das mögliche Ende eines solchen Kriegs beschrieben: Abtreibung und Homosexualität sind verboten; Frauen dürfen keiner Lohnarbeit mehr nachgehen, keine eigene Konten mehr haben und weder lesen noch schreiben. Um ihre »natürliche Bestimmung« herum formt sich eine streng hierarchische Ordnung, die Frauen nach ihrer Nützlichkeit aufteilt: in solche, die noch gebären können, und solche, die »nur« mehr zur Hausarbeit taugen – und natürlich solche, die das Privileg eines hochgestellten Ehemanns haben.

Das Interessante an der Neuverfilmung als Serie ist nun aber weniger das, was sich zunächst so »aktuell« im Sinne von »Das könnte uns bevorstehen« anfühlt, der autoritäre Staat und seine Unterdrückung der liberalen Freiheiten. Im Gegenteil, Spannung gewinnt der Stoff gerade dadurch, dass man ihm seine Entstehungszeit in der »guten alten Zeit«, den frühen 80er Jahren, durchaus anmerkt. Der puritanische Fundamentalismus, der in Atwoods Fiktion im Namen von Recht und Ordnung die Macht erringt, besaß damals noch den leichter zu begreifenden Charakter eines »Backlash« auf die »Exzesse« der 60er und 70er Jahre. Was dem Fundamentalismus im Roman an die Macht verhalf, ist nicht nur ruchloses Vorgehen mit Terroranschlägen, sondern auch eine weltweite ökologische Krise, die Atwood mit Hinweisen auf atomare Verseuchung und Umweltverschmutzung durch Industrie und Biowaffen andeutet. Eine Folge dieser ökologischen Krise ist eine zunehmende menschliche Unfruchtbarkeit. Und das Lösungsrezept des puritanischen Fundamentalismus darauf ist die strenge Reglementierung der weiblichen Körper im Allgemeinen und ihrer Sexualität im Besonderen auf die besagte »natürliche Bestimmung« hin.

Atwoods Ideen zur Kleiderordnung allein forderten eine Verfilmung ihres Romans geradezu heraus. Macht über Frauen manifestiert sich bei ihr passenderweise als Farbenschema: Die privilegierten Ehefrauen tragen Blau, die unterprivilegierten Hausarbeiterinnen, »Marthas« genannt, tragen Grün, die sadistischen »Schulungstanten« kleiden sich in Beige, und die »Handmaids« – die deutsche Übersetzung des Romans war »Report einer Magd« – tragen rote zeltartige Kleider und weiße Hauben, die ihr Gesichtsfeld einschränken. Das Rot symbolisiert die Fruchtbarkeit, aber wie Offred, die Handmaid/Magd/Dienerin, aus deren Per­spektive erzählt wird, feststellt, auch das Blut, mithin die Gewalt, die ihnen angetan wird.

Das Rot der Kleider und das Weiß der Hauben sind denn auch verantwortlich dafür, dass die Serie von den ersten Szenen an allein schon durch ihre Ästhetik besticht. Die Frauen, die in Zweiergruppen in ihren weiten signalfarbenen Kleidern und ihren riesigen Hauben durch die ruhigen Straßen von Neu-England spazieren, geben ein sinnlich ansprechendes, angenehm an alte niederländische Malerei erinnerndes Bild ab. Dass nirgendwo Musik spielt, wenig Verkehr auf den Straßen ist und stattdessen die Kreuzungen von Männern in schwarzer Uniform patrouilliert werden, verleiht dem Ganzen jedoch etwas Gespenstisches, das auch sofort das Misstrauen des Zuschauers weckt.

Natürlich stellt sich das Misstrauen schnell als berechtigt heraus. Hinter der ansprechenden Ästhetik verbirgt sich ein Regime, dessen Brutalität bis in die intimsten menschlichen Bereiche reicht. Elisabeth Moss spielt June, die Handmaid des Titels. Ihren Namen hat sie jedoch mit allem Selbstbestimmungsrecht eingebüßt. Man nennt sie Offred, von »of Fred«, nach dem Mann, dessen Haushalt sie zugeteilt ist und dem sie infolge von Vergewaltigungen, die als »Zeremonie« arrangiert sind, Kinder gebären soll.

Will man eine Serie sehen, die eine derartig deprimierende und quälende Welt zeigt? Drei Dinge vor allem sind es, die an »The Handmaid's Tale« trotz seines niederschmetternden Entwurfs fesseln. Zum Ersten ist da die bereits erwähnte Schönheit und Raffinesse der Bildkompositionen. Bruce Miller, der mit »The 100« bereits eine andere dystopische Serie entworfen hat, zeichnet für die Serie verantwortlich und garantiert ihr einen Look, der trotz eines relativ niedrigen Budgets eine cineastische Aura wahrt.

Zum Zweiten sind da die Flashbacks, die sehr viel mehr erzählen, als es Atwood in ihrem Roman tat, und die gerade dadurch, dass sie »unsere« Gegenwart zeigen, mit Smartphones und Starbucks-Kaffee, dem dystopischen Entwurf einen besonderen Kick geben. Wie kann aus einer Gegenwart wie der unseren eine Welt wie die dargestellte werden? Diese Frage stellen die Bilder mit größerem Nachdruck, als der Roman es konnte. Und das »Nichts passiert plötzlich einfach so. Wir waren blind. Wir haben geschlafen« aus der Vorlage bekommt übersetzt in Flashback-Szenen, die etwa eine Demo zeigen, bei der die Polizei in die Menge zu schießen beginnt, ein anderes Gewicht.

Zum Dritten, und vielleicht hauptverantwortlich für die »Lust«, mit der man dem Horror dieser Dystopie folgt, ist da Elizabeth Moss' Erzählstimme aus dem Off. Im scharfen Kontrast zu ihrem demütigen Verhalten nach außen merkt man ihr Trotz und Widerstand an. Vor allem aber klingt sie uns, dem Zuschauer, vertraut, weil Offred durch ihren Duktus, ihre Schwüre und Verfluchungen klarmacht, dass sie aus »unserer« Gegenwart stammt und sich an sie erinnert.

Die erste Staffel von »The Handmaid's Tale« umfasst zehn Folgen und deckt die Handlung des Romans bereits zur Gänze ab – mit den erwähnten Erweiterungen, was die Vorgeschichte der Figuren angeht. Wegen des großen kritischen Zuspruchs bei der Erstausstrahlung in den USA wurde sie bereits um eine zweite Staffel verlängert, was eine vielversprechende Nachricht ist: die Welt, die die Serie mit ihren ersten Folgen etabliert hat, ist so spannungsreich und widersprüchlich und steht darin in so einem komplexen Dialog mit unserer Gegenwart, dass eine Fortsetzung zur Vertiefung geradezu notwendig erscheint.

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