Streaming-Tipp: »Schöne neue Welt«

»Schöne neue Welt« (Serie, 2020). © Peacock/TVNow

»Schöne neue Welt« (Serie, 2020). © Peacock/TVNow

Die Gleichen und die Wilden

Zu oft Sex mit ein und demselben Mann? Kein Wunder, dass Lenina (Jessica Brown Findlay aus »Downton Abbey«) von der Obrigkeit einbestellt wird. Monogamie ist schließlich unerwünscht in New London, jener futuristisch-hedonistischen Gesellschaft, die Aldous Huxley einst in »Schöne neue Welt« entworfen hatte und die nun in Serienform adaptiert wurde. Keine Privatsphäre, keine Familie und Sex bloß nicht mit nur einer einzigen Person, das sind die Grundregeln, die hier das soziale Konstrukt stabil halten sollen, in dem Menschen im Labor gezüchtet werden und schon die kleinsten Gefühlsaufwallungen mittels einer synthetischen Droge namens Soma im Zaum gehalten werden.

In diesem streng in fünf Kasten aufgeteilten System ist Lenina – eine Beta-plus – nicht die Einzige, die sich womöglich nicht ganz so nahtlos ins Gefüge einpasst wie gewünscht. Auch Bernard (Harry Lloyd), der ihr gegen das beziehungsähnliche Privatleben ein paar Orgien verordnet, fühlt sich bisweilen seltsam fehl am Platz, obwohl er als Alpha-plus doch ganz oben in der vermeintlich konfliktfrei-sorglosen Hierarchie steht. Und dann gibt es, nur eine kurze Raumschiffreise entfernt, ja auch noch die Wilden, eine weit weniger fortschrittliche Zivilisation, in der die Menschen ihre Emotionen noch in aller Hässlichkeit ausleben, wie in einer Art Abenteuer-Zoo begafft von urlaubenden New Londonern. Als der sinnsuchende junge John (Alden Ehrenreich), einer dieser Wilden, es nach New London schafft, sorgt er dort mit seinen Launen für Aufsehen – und lässt die Risse dieser ach so aufgeräumten Gesellschaft eklatant zutage treten.

Selbst wer weder die Romanvorlage gelesen hat noch eine der beiden bisherigen TV-Adaptionen aus den Jahren 1980 und 1998 kennt, dürfte in »Schöne neue Welt«, verantwortet von Showrunner David Wiener (»Homecoming«, »Fear the Walking Dead«), vieles wiedererkennen. Kein Wunder, schließlich gehört Huxleys Text zu den einflussreichsten Dystopien überhaupt. Umso bedauerlicher ist es, dass die Serie sich nun so gar keine Mühe gibt, der Geschichte über eine übertechnisierte Menschheit irgendetwas Neues abzugewinnen.

Sicher, es gibt ein paar Anpassungen und zeitgenössische Bezüge, von Johns nostalgischer Vorliebe für Popsongs mit Texten (in der Zukunft verpönt!) über Social-Media-Anspielungen bis hin zum Kaufrausch am Black Friday als Inbegriff der verpönten Wildheit. Doch in der Frage, warum »Schöne neue Welt«, einst im Kontext eines drohenden Totalitarismus geschrieben, im Jahr 2020 relevant sein könnte, wird hier nicht tief geschürft. Genauso wenig übrigens wie in Sachen Sexualität: Die omnipräsenten, sehr weiß und heterosexuell anmutenden Orgien verpuffen als aseptisch anmutende Dekoration.

Was bleibt, ist eine Serienwelt, die nicht neu, aber immerhin schön anzusehen ist. Produktionsdesign, Spezialeffekte und Kostüme sind von ähnlich ausgesuchter Attraktivität wie die Darsteller:innen. Schade, dass letztere sich mit recht eindimensionalen Figuren herumschlagen müssen. Gerade Demi Moore, in einer Nebenrolle als Johns Mutter zu sehen, hätte man ein gehaltvolleres Comeback gewünscht.

US-Trailer:

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