Streaming-Tipp: »I Know This Much Is True«

Mark Ruffalo in »I Know This Much Is True« (Miniserie, 2020). © HBO

Mark Ruffalo in »I Know This Much Is True« (Miniserie, 2020). © HBO

Scham, Schuld und Wut

Was kann so schlimm sein, fragt man sich, dass eine Mutter ihrem erwachsenen Sohn selbst in ihren letzten Zügen auf dem Sterbebett nicht sagen kann, wer sein leiblicher Vater ist? Was für ein Trauma könnte sich hinter diesem Schweigen verbergen? Und das ist nur eines von vielen finsteren und herzzerreißenden Familiengeheimnissen, die Derek Cianfrance in der sechsteiligen Miniserie »I Know This Much Is True« auslegt. Wie zuvor jeder Film des italoamerikanischen Regisseurs kreist nun auch die Serienverfilmung der Romanvorlage von Wally Lamb (bei uns unter dem Titel »Früh am Morgen beginnt die Nacht« erschienen) um schwierige bis toxische Beziehungen in Liebe und Familie. Jeder seiner Filme handle von seinen Eltern, sagt der Regisseur, die Serie haben er und sein Hauptdarsteller und Co-Produzent Mark Ruffalo im Abspann ihren jung verstorbenen Geschwistern gewidmet. 

Gleich in der ersten Szene des Films spielt sich ein fürchterliches Drama ab. Mitten in den neutralen Räumen einer öffentlichen Bibliothek bereitet sich Thomas Birdsey (Mark Ruffalo) mit frenetischen Gebeten darauf vor, sein rechtes Handgelenk mit einem kleinen Säbel zu durchtrennen. Sein Zwillingsbruder Dominick (ebenfalls Ruffalo) wird ins Krankenhaus gerufen, um die Einwilligung zur Rettung der Hand zu geben, während Thomas verzweifelt darum fleht, seine Entscheidung zu respektieren. Schon ist man mitten drin im Wirbelsturm der Gefühle, der durch alle sechs Folgen tost. 

Mark Ruffalo erspielt die ganz unterschiedlichen Temperamente und Wesen der Zwillinge mit großer Intensität. Für den agilen, aufbrausenden Dominick hat er vor dem Dreh knapp zehn Kilo seines Normalgewichts abtrainiert. Nach einer sechswöchigen Drehpause, in der er mehr als zwanzig Kilo zulegen musste, konnte er den psychisch kranken und physisch trägen Thomas mit ganz neuem Körpergefühl und Seelenkostüm angehen. Wenn Dominick im Krankenhaus mit der Entscheidung zwischen emotionalen, moralischen und gesundheitlichen Argumenten ringt, dann macht Ruffalo die widersprüchlichen Gefühle auf subtile Weise, ganz ohne Worte, Schreie und Grimassen transparent. 

Erneut erweist sich Cianfrance als Meister der emotionalen Entblößung, immer darauf bedacht, seinen Schauspielern einen Raum zu eröffnen, in dem das wirkliche Leben sich wahrhaftig ausbreiten kann, weshalb er sich selbst als »dokumentarischen Fiktionalisten« bezeichnet. So balancierte er in »Blue Valentine« die romantische Seite der Liebe mit der tragischen aus, das Glück des Anfangs mit dem Schmerz des Endes, erzählte in »The Light Between Oceans« von einer Liebe, die an Kinderlosigkeit und einer existenziellen Notlüge zerbricht, und hat in »The Place Beyond the Pines« ein tragisches Väter-und-Söhne-Doppel aufgespannt. Wo bei den letzten beiden Filmen die Wahrhaftigkeit der Gefühle von den Konstruktionsprinzipien der Erzählung ein bisschen zu sehr in die Zange genommen wurden, entfaltet sich die tragische Familiengeschichte hier auf sechs Stunden in einer unlösbaren Dynamik zwischen Scham, Schuld und Wut, zwischen Befreiungsdrang und Beschützerinstinkt. Während Dominick in der Gegenwart um das Leben des Bruders kämpft, illuminieren Rückblenden in die Kindheit mit dem strengen Stiefvater, die Jugendjahre im Studium, die gescheiterte Ehe und schließlich die Wurzeln des Familiendramas in der Immigrationsgeschichte des italienischen Großvaters die Vergangenheit. Dass man all diesen Menschen so verdammt nahekommt, hat mit der brüchigen Intensität des Spiels bis in die kleinsten Nebenrollen zu tun (unter anderem Kathryn Hahn, Imogen Poots, Juliette Lewis, Rosie O'Donnell und Melissa Leo), aber auch mit der nervös seismografischen Kamera von Jody Lee Lipes, der wie in »Manchester by the Sea« auch hier ganz behutsam in die Seelen der Figuren dringt. In Dominicks reflektierenden Off-Kommentaren schlägt immer wieder auch die literarische Kraft der Romanvorlage durch, eine sanfte Überhöhung der Wahrhaftigkeit zur künstlerischen Aufarbeitung: I know this much is true.

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