Streaming-Tipp: »Dispatches from Elsewhere«

Jason Segel in »Dispatches from Elsewhere« (Serie, 2019). © AMC

Jason Segel in »Dispatches from Elsewhere« (Serie, 2019). © AMC

Surreal schrulliger Weltschmerz

Es ist ein deutliches Zeichen für kommende ungewöhnliche, wenn nicht gar ungemütliche Erfahrungen, wenn Richard E. Grant den Zuschauer aus dem Bildschirm heraus anstarrt, ohne ein Wort zu sagen, eine gefühlte Ewigkeit lang, als wäre es ein Test. Schon ist man mittendrin in »Dispatches from Elsewhere«, der neuen Mysteryserie, die irgendwo zwischen existenzialistischer Schnitzeljagd und kollektiver Selbstfindungstherapie mäandert. Mit surrealer Schrulligkeit und Weltschmerz wirkt »Dispatches ...« wie die Kopfgeburt eines manisch-depressivem Charlie-Kaufman-Schülers, und wäre sicherlich ohne dessen Metafiktionen wie »Adaptation« oder »Being John Malkovich« kaum denkbar. Dabei beruht der Zehnteiler auf einem Dokumentarfilm, Spencer McCalls »The Institute« von 2013, über ein rätselhaftes Sozialexperiment, eine haarsträubende Mischung aus Alternate-Reality-Game, Selbsthilfeworkshop und Straßentheater, ausgerichtet vom ominösen »Jejune Institute«, an dem zwischen 2008 und 2010 in San Francisco angeblich mehr als 10 000 Menschen teilgenommen haben, die gar nicht genau wussten, wo­rauf sie sich eingelassen hatten. 

Die Serie verwandelt dieses Kunstprojekt nun in Fiktion und verlegt die Handlung nach Philadelphia, wo vier Protagonisten, allesamt unzufrieden mit ihrem monotonen Dasein, mit unerfüllten Sehnsüchten und Träumen, sich zu einem Spiel bereitfinden, bei dem nicht klar ist, wohin es führt. Peter etwa, gespielt von Serienmacher Jason Segel (»How I Met Your Mother«), der als Datenanalyst eines Musikstreamingdienstes arbeitet und an seinem Alltagstrott still verzweifelt. Als er eigenartige Annoncenzettel an Straßenmasten sieht, meldet er sich und wird schon bald in eine Art Schnitzeljagd hineingezogen, in der es nicht nur eine Realität zu geben scheint. Fast wie Dorothy in »The Wizard of Oz« trifft er auf andere, ebenfalls Verlorene und Suchende: die transsexuelle Simone (Eve Lindley), die in die Jahre gekommene Ehefrau und Mutter Janice (Sally Field) und den obsessiven Fredwynn (André Benjamin, einst schillernde Hälfte des Hip-Hop-Duos Outkast). Sie alle treibt die Sehnsucht, dem Leben etwas Sinn abzuringen. Auf ihrer schrägen Entdeckungsreise scheint kaum etwas zu bizarr, um nicht doch im nächsten Moment zu passieren.

Das Immersive des Projekts suggeriert die Serie immer wieder durch direkte Ansprache des Institutsleiters Octavio (Richard E. Grant), der vor jeder Folge dem Publikum einbläut, sich nun vorzustellen, eine der Personen zu sein. Und wie die Figuren, die jede eine eigene Theorie entwickelt, worum es eigentlich geht, wirft auch die Serie dem Publikum zahlreiche Köder aus. Aus diesem Vortasten, Legen falscher Fährten und leicht überdosierten Lebensweisheiten zieht die Serie ihren Reiz. Der Zuschauer bzw. die Zuschauerin  reagiert auf diese Medikation nach eigener Disposition: euphorisiert vom visuellen Einfallsreichtum oder allergisch auf allzu Esoterisches.

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