Serien-Tipp: »Mindhunter«

»Mindhunter« (2017). © Netflix

»Mindhunter« (2017). © Netflix

Psycho Killer – Qu'est-ce que c'est?

Der psychotische Geiselnehmer ist überzeugt, er sei unsichtbar. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen«, ruft ihm der junge FBI-Agent zu. »Ich glaube nicht«, sagt der labile Mann und schießt sich ohne weitere Vorwarnung den Kopf weg. Nein, dieser Einstieg in die von David Fincher produzierte und von Joe Penhall kreierte neue Netflix-Serie »Mindhunter« wirkt zunächst nicht sehr vielversprechend. Zu oft schon hat man Psychopathen auf der Leinwand gesehen, nicht zuletzt bei Fincher selbst, der mit »Sieben« eine Ikone dieses Genres schuf. Doch dann nimmt »Mindhunter« eine unerwartete Wendung. Holden Ford, ein ehrgeiziger junger Geiselunterhändler, will verstehen, was bis Ende der 70er Jahre noch nicht als verstehenswürdig galt: Was macht unscheinbare junge Männer ohne Vorstrafen zu tickenden Zeitbomben, die abscheuliche Morde begehen? Ford wird gespielt von dem sympathischen Broadway-Star Jonathan Groff, der hier aber einen hochnäsigen Ermittler verkörpert, der sich mehr und mehr in seine eigene Großartigkeit verliebt. Obwohl er keine klassische Identifikationsfigur abgibt – oder vielleicht gerade deswegen –, ist man weniger an seinem Charakter als an seinem Untersuchungsgegenstand interessiert. Das hat mehrere Gründe.

So leuchtet die Serie behutsam den zeitlichen Kontext der späten 70er Jahre aus. Das FBI ist damals noch sehr bürokratisch. Von der neuen Abteilung für Verhaltensforschung und dem Profiling, das Ford mit seinem älteren Kollegen Bill Tench (Holt McCallany) entwickelt, hält man nicht viel. Die beiden müssen ihr Büro im Keller einrichten. Es ist außerdem die Zeit der Gegenkultur. In den Augen universitärer Psychiater, die Holden um Rat fragt, gilt das FBI als Feind. Unterstützung bekommt er schließlich von der Psychologin Dr. Wendy Carr, gespielt von »Fringe«-Star Anna Torv. Wie Ford ist auch die einsame Lesbe eine Außenseiterin. Es gelingt ihr nicht einmal, eine Katze mit Thunfisch anzulocken.

Ungewöhnlich ist die Serie vor allem durch die geduldige Annäherung an ihr Sujet. Ausgestattet mit einem wissenschaftlichen Fragebogen, gehen Ford und Tench in Gefängnisse. Zu einer Zeit, als es den Begriff Serienmörder noch gar nicht gab, versuchen sie nachzuweisen, dass Menschen nicht als Killer geboren, sondern durch ihre Erziehung geformt werden – eine These, die seinerzeit nicht sehr beliebt war. Die beiden befragen gruselige Typen wie den zwei Meter großen Ed Kemper (Cameron Britton) nach ihren Motiven: Diese Faszination für irre Mörder und deren »Kreativität des Tötens« ist im Kino längst schon inflationär. Doch in dieser Serie hält Fincher ganz bewusst eine visuelle Diät ein. Wenn Kemper erklärt, warum er seiner Mutter den Kopf abtrennte und sie dann oral penetrierte, gibt es keine Rückblende. Die Bluttat wird nicht im Stil von »Das Schweigen der Lämmer«, »Henry: Portrait of a Serial Killer« oder gar einem fiesen italienischen »Giallo« illustriert. Ein Bild, so heißt es, sagt mehr als tausend Worte. In »Mindhunter« ist es umgekehrt. Einige Worte aus dem Mund des Psychokillers sagen mehr als misogyne Bilder, die zeigen, wie schreiende Frauen gequält werden. Im Gegensatz zum Kinofilm, der tendenziell mehr auf visuelle Faszination setzt, arbeitet Fincher in dieser Serie an der sukzessiven Entfaltung eines Diskurses. So findet der Mindhunter allmählich heraus, wie fließend der Übergang ist zwischen einem sadistischen Mörder und einem angesehenen Schulleiter, der seine Schüler nach einem Vergehen nicht bestraft, sondern ihnen die Füße kitzelt.

Doch warum fangen Männer ab einer bestimmten Epoche plötzlich an, Frauen bestialisch zu schlachten? Was treibt einen Charles Manson um? Es ist keineswegs so, wie gelegentlich geschrieben wurde, dass »Mindhunter« das Klischee verbraten würde, wonach stets die Mütter die Schuldigen sind. Stattdessen skizziert die Serie das Bild des amerikanischen Staates, der einst als autoritäre Vaterfigur fungierte. Doch nach dem Vietnamdebakel fühlte jeder sich von seinem Land allein gelassen. Solche Gedanken werden nicht bis zu Ende durchdekliniert. Zwar orientieren Joe Penhall und Jennifer Haley, die Autoren der Serie, sich an einem Sachbuch des ehemaligen FBI-Profilers John Douglas, an den auch Holden Fords Figur angelehnt ist. Dennoch ist »Mindhunter« kein Seminar für angehende Profiler. Die Serie arbeitet mit Elementen der Popkultur. Deswegen ist es kein Zufall, wenn die 1977 beginnende Erzählung das in diesem Jahr erschienene, gleichnamige Album der »Talking Heads« zitiert. In einem Lied auf dieser Platte singt David Byrne von jenem Mann, der nicht schlafen kann, weil sein Bett in Flammen steht. »Psycho Killer – Qu'est-ce que c'est?« Manchmal sind Fragen wichtiger als Antworten – und sprechende Köpfe spannender als ein blutiges Inferno.

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