Think Big – Von der Serie zum Blockbuster

»Mission: Impossible« (TV-Serie 1988-1990)

»Mission: Impossible« (TV-Serie 1988-1990)

Der Trend, Fernsehserien zu Filmen umzuschmieden, hält unvermindert an. In diesem Monat kommen mit »Mission: Impossible 5« und »Codename U.N.C.L.E.« gleich zwei ­serielle Blockbuster ins Kino. Deswegen hier: ein bisschen Retrofeeling mit beliebten Fernsehhelden

Die Addams Family
1964–66, 2 Staffeln;
Die Addams Family (Barry Sonnenfeld, 1991 und '93)

Eine Kindheitserinnerung an die Sechziger, in Schwarz-Weiß, eher dunkel als hell, denn diese Familie war nicht unbedingt eine, die die eigenen Eltern geschätzt hätten. Sie lebte in einem Gothic House, das man aus »Psycho« kannte (falls man den damals schon im Fernsehen sehen durfte), mit eigenem Friedhof. »Exzentrisch« zu sein, war das Mindeste, was man ihnen attestieren konnte. Die beiden Kinofilme von Barry Sonnenfeld (1991 und 1993) mit Anjelica Huston, Raúl Juliá und der sehr jungen Christina Ricci bemühten sich um eine Wiederbelebung des Morbiden, auch mit entsättigten Farben, auch mit der Kameraarbeit, die etwa elegant-rasant dem »Eiskalten Händchen« folgte, das durch die Räume sauste. Aber der Plot war gedehnt-zähflüssig – und welche Neuschöpfung hat schon eine Chance, wenn die eigene Kindheit mit dem Original verknüpft ist?

Frank Arnold

Miami Vice
1984–89, 5 Staffeln;
Miami Vice ­(Michael Mann, 2006)

Als für Stil und Tempo der 80er-Kultserie verantwortlicher Produzent hatte Michael Mann den Alltag der beiden smarten Sitten-Cops aus Miami von vornhe­rein für die Leinwand konzipiert. So ist die Kinoversion unter seiner Regie ein Glücksfall, ein irrer Mix aus verwegener Fiktion und dokumentarisch recherchierter Wahrhaftigkeit, ein kunstvoll eleganter Thriller, der die bunten Pastelltöne der Serie ganz ohne Retronostalgie mit den düsteren Farben des modernen Verbrechens übermalt: »Mir geht es vor allem darum, wie sich die Arbeit von Crocket (Colin Farrell) und Tubbs (Jamie Foxx) verändert hat«, sagte Mann: »Das kriminelle Geschäft ist sehr viel komplexer geworden, vor allem durch das Ende des Kalten Krieges. Der private Sektor ist mit ehemaligen Mitgliedern staatlicher Organisationen überflutet, des albanischen Geheimdienstes, der ostdeutschen Stasi, des israelischen Mossad. Heute können sich die Drogenhändler die beste Spionageabwehr kaufen, auf sehr viel höherem Niveau als früher in diesen Kreisen.«

Anke Sterneborg 
 

Star Trek
1966–69, 3 Staffeln;
Star Trek: The Motion Picture (Robert Wise, 1979)

Star Trek zählt zu den wenigen Fernsehformaten, deren Fortsetzung sich auf der Kinoleinwand behaupten konnte. Dabei landete die Serie in den USA nur auf Platz 52 der Hitskala und wurde 1969 nach nur 79 Folgen eingestellt. Allein die Fans wussten, dass diese Serie ihrer Zeit buchstäblich voraus war. Beharrlich organisierten sie Kongresse, trugen die Uniformen der »Enterprise« und heirateten gar nach klingonischem Ritus. Spock, Pille, Kirk und der Warp-Antrieb wurden Kult. Schließlich war es dann so weit. Star Trek-Erfinder Gene Roddenberry beamte 1979 »Star Trek: Der Film« ins Kino. Es war, als ob man Kindern nachgab, die zehn Jahre lang um ein Spielzeug gebettelt hatten. Mit diesem Hybrid aus Fernsehen und Spielfilm waren die Fans noch nicht ganz einverstanden. Die erste Stunde ähnelte einem Klassentreffen, bei dem die alten Seriendarsteller auftraten. Erst der zweite Teil, »Der Zorn des Khan« (1982), überzeugte die Community, und mit dem vierten Teil von 1986 war die runderneuerte Enterprise im neuen Medium angekommen. Auf einer Zeitreise in die Vergangenheit bringt Spock im Linienbus einen unflätigen Punk mit dem vulkanischen Nervengriff zum Schweigen. Von nun an stimmte die Mischung zwischen Komödie und Drama, Sci-Fi und Nostalgie.

Manfred Riepe 
 

Die nackte Kanone
Police Squad!, 1982, 6 Episoden;
The Naked Gun: From the files of police Squad! (David Zucker, 1988)

Die 80er Jahre waren, filmisch gesehen, das Jahrzehnt der Parodien, und David Zucker, Jim Abrahams und Jerry Zucker (ZAZ) waren ihre Könige. Sicher, auch die Pythons mit »Leben des Brian« und Mel Brooks mit seiner Weltgeschichte oder »Spaceballs« haben da einiges hingelegt – aber nach dem ZAZ-Film »Die nackte Kanone« (1988) waren eigentlich ein Polizeifilm oder eine Polizeiserie nicht mehr möglich. Lt. Frank Drebin, gespielt von dem B-Schauspieler Leslie Nielsen, hat sie als dämlichster Polizist der Welt zu Grabe getragen. Nun, wie das so ist im Entertainment Business – niemand hat sich daran gehalten. Was viele nicht wissen: Nielsen hatte die Rolle schon einmal gespielt, in der ZAZ-TV-Serie »Police Squad!«, sechs Folgen á 25 Minuten, die 1982 sang- und klanglos untergingen. Vieles aus der Serie haben ZAZ in den Film übernommen, etwa dass Drebin beim Einparken immer eine Mülltonne oder einen Hydranten umfährt. Aber die Gags sind in der »Nackten Kanone« einfach dichter, schneller, aberwitziger und absurder. Denken Sie nur an die Szene, in der Officer Nordberg (O. J. Simpson), auch ein neuer Sidekick, Gangster zu stellen versucht und von denen nicht nur erschossen wird, sondern dabei auch noch mit einem Ofenrohr, einem heißen Ofen, einer frisch gestrichenen Tür, einer Torte kollidiert und schließlich in eine Bärenfalle tritt.

Rudolf Worschech 
 

3 Engel für Charlie
1976–81, 5 Staffeln;
Charlie’s Angels (Joseph McGinty Nichol, 2000)

»Another Movie from an old TV-Show«, heißt es gleich am Anfang im Flieger: Es ist die lässig entwaffnende Selbstironie, die diese Kinowiedergeburt der Seventies-Serie ziemlich unwiderstehlich macht. Die Story um den Raub einer revolutionären Stimmerkennungs-Software ist nur der Vorwand für einen rasanten Mix aus Screwball-Dialogen und Körperakrobatik, mit der Stoneface-Komik von Bill Murray in der Rolle des Verbindungmanns Bosley als Bonus. Der adrenalingesteuerte Musikvideo-Look von Regisseur McG lässt die Serie ziemlich alt aussehen. Dabei treibt er den Drahtseilakt zwischen Post-68er-Frauenpower und schamlosem Sexismus noch ein bisschen weiter mit seinen Angels, die ein Jahr vor Angelina Jolies Lara Croft die Ära der Action-Amazonen einleiteten. Sicher, Cameron Diaz, Drew Barrymore und Lucy Liu geben sich in professionellen und privaten Dingen sehr viel agiler und aggressiver als die Urengel um Farrah Fawcett, doch üppiges Dekolleté und wallende Haare sind immer noch mindestens so wichtig wie ihre kämpferischen Fähigkeiten. »Man sollte sich einfach nicht unterkriegen lassen und keine Angst vor den Geschlechtergrenzen haben!« sagte Barry­more dazu und stürzte sich im Engeltrio mit unbändiger Lust und präziser Sprung- und Schlagkraft in den Clinch mit Männern, die dabei glaubhaft den Kürzeren zogen.

Anke Sterneborg 
 

Sex and the City
1998–2004, 6 Staffeln;
Sex and the City (Michael Patrick King, 2008)

Beim Hype um amerikanische Qualitätsserien werden meist »Die Sopranos«, die »Mad Men« und die kernigen Typen aus »The Wire« als Wegbereiter der großen TV-Revolution gefeiert. In Wahrheit aber sorgten die vier Ladies aus »Sex and the City« bereits ein Jahr vor Tony Soprano für Furore. Aber düsterer Machokram ist nun mal besser fürs Feuilleton-Selbstbild als Frauen, die Spaß am Vögeln haben. Mit ihrer übersrprudelnden Energie, der einnehmenden Freude an Glamour sowie den cleveren, auch heute noch ziemlich scharfzüngig wirkenden Dialogen war die Serie nicht nur im prüden US-Fernsehen eine bahnbrechende Novität. Und der Sex-Talk, die schrägen Affären und der Style- Existenzialismus waren eben gerade Teil einer charakterlichen Komplexität, die man von Frauenfiguren im Fernsehen so noch nicht kannte. Diese Qualitäten konnten die Macher zum Glück auch in den ersten Kinofilm hinüberretten, zumal anders als bei anderen TV-Adaptionen die gesamte Originalbesetzung mitwirkte. Zugegeben, ein paar Kniffe waren etwas forciert, aber vier Jahre nach dem Serienfinale entstanden, hatte »Sex and the City – Der Film« etwas von einem leicht melancholischen Epilog. Und es wirkte sogar stimmig, dass am Ende die abgeklärte Bissigkeit der märchenhaften Harmonie üblicher Romcoms wich. So versöhnte sich »Sex and the City« zu guter Letzt auf der Kinoleinwand doch noch mit jenem Genre, das die Serie jahrelang so herrlich auf den Kopf gestellt hatte. 

Kai Mihm 
 

Twin Peaks
1990–91, 2 Staffeln;
Twin Peaks: Fire Walk With Me (David Lynch, 1992)

Zunächst ist da nur weißes Rauschen. Der Fernseher läuft noch, aber es wird nichts mehr gesendet. Als wäre das nicht schon symbolisch genug, saust schließlich eine Axt in den kleinen Kasten und zerstört ihn. Ein bizarres Vorspiel für den Mord, der direkt danach geschieht, und zugleich das deutliche Bekenntnis eines Filmemachers, der gerade erst das Fernsehen revolutioniert hatte. Nun ist es tot, und aus seinen Trümmern steigt ein Film empor, der das radikale Konzept von Lynchs Serie noch viel weiter treibt. Auf der einen Seite ist »Twin Peaks: Fire Walk With Me« tatsächlich ein Prequel, das ein wenig Licht ins Dunkel der Ereignisse vor Beginn der Serienhandlung bringt. Auf der anderen hat er etwas von einem Zerstörungsakt. Jedes Rätsel, das Lynch auflöst, wirft wieder neue Fragen auf. Zudem prallen gegensätzliche Erzählformen voller Wucht aufeinander. Mit seinem gut halbstündigen Prolog, der um den Mord an Teresa Banks kreist, und dem anschließenden Sprung zu den letzten Tagen der Laura Palmer hat »Twin Peaks: Fire Walk With Me« einen seriellen Touch. Der Fernseher wird zerstört. Aber seine Splitter zerfetzen den Film. So weit ist noch kein anderer Regisseur gegangen, weder vorher noch nachher.

Sascha Westphal 
 

Akte X
1993–2002, 9 Staffeln;
The X Files – Fight the Future (Rob S. Bowman, 1998)

Die »Serienrevolution« des letzten Jahrzehnts wird eine Zuschauergruppe nicht überrascht haben: die X-Philes. Die hatten in den Neunzigern schon gemerkt, wie horizontales Erzählen geht und dass Fernsehen nicht aussehen muss, als hätte jemand einen Camcorder im Club Aldiana aufgestellt. Chris Carters Show experimentierte früh mit einem »mythologischen«, die Episoden und Staffeln überspannenden story arc. Im Hintergrund der Geschichte um zwei FBI-Agenten, die sich mit paranormalen Phänomenen befassen, lief eine internationale Politverschwörung mit galaktischer Komponente, die eine Menge sehr smart konstruierter zeitkritischer Bezüge ermöglichte – ­Geeks und Genrefans konnten sich hier endlich mal ernst genommen fühlen vom Fernsehen. Der erste Spielfilm war dann eine Pioniertat in Sachen crossmediales Storytelling; kompromisslos eingepasst in die Pause zwischen Staffel fünf und sechs, trieb er die Haupthandlung in Richtung großes SF-Kino. Jenseits der eindrucksvollen Set Pieces – darunter eine geisterhafte Action­sequenz inmitten riesiger Maisfelder – bewies der Film allerdings auch, dass es nicht Kino sein muss, wenn eine Serie schon so gut ist.

Sabine Horst 
 

Türkisch für Anfänger
2006–08, 3 Staffeln;
Türkisch für Anfänger (Bora Dagtekin, 2012)

»Türkisch für Anfänger« (Film)

Eine deutsche Psychologin und ein türkischer Polizist ziehen zusammen. Ihre jeweiligen Kinder Lena (Intellektuellen-Zicke) und Cem (Macho-Proll) finden sich erst bescheuert und verknallen sich dann ineinander. Die Serie »Türkisch für Anfänger« hatte hitzige, schnelle Dialoge rund um den Kulturclash, Herzschmerzmomente ohne Kitsch. Und Elyas M'Barek als Cem avanciert im Laufe der drei Staffeln zum neuen Sexsymbol. Der Kinofilm drückte die Reset-Taste. Nach einem Flugzeugabsturz treffen Lena und Cem, die sich (Achtung!) noch nicht kennen, auf einer einsamen Insel aufeinander. Finden sich erst bescheuert und verknallen sich dann ineinander. Auch die Eltern sind wieder dabei, sie werden zeitgleich in einem Urlaubshotel zum Paar. Für die Serienkenner ist dieses »Alles auf Anfang« recht irritierend, außerdem wird dick aufgetragen: mit Traumstränden, Menschenfressern und einer quatschigen Mafiageschichte. Aber dann ist die frotzelnde Annäherung zwischen Lena und Cem doch wieder so spritzig und überzeugend, dass es einfach Spaß macht, zuzuschauen. Auch eineinhalb Stunden lang.

Hanna Lucassen 
 

Die Simpsons
Seit 1989, 26 Staffeln;
The Simpsons Movie (David Silverman, 2007)

Unter Marketingaspekten bedeutete die Simpsons-Expansion auf die Kinoleinwand lediglich eine Erweiterung der Produktpalette (neben Tassen, Brettspielen und Actionfiguren). Spannend war hingegen die Frage, ob die dichte Dramaturgie einer 25-minütigen Episode auch im Format eines Kinofilms funktionieren würde. Matt Groening und James L. Brooks hatten jahrelang mit der Idee gespielt, »Die Simpsons« ins Kino zu bringen, das Drehbuch soll mehrere Hundert Male überarbeitet und verworfen worden sein. Denn im Gegensatz zu vielen anderen TV-Franchises, die vor allem von den nostalgischen Gefühlen in die Jahre gekommener Fans zehren, waren »Die Simpsons« höchst lebendig im kulturellen Gedächtnis. Darum stand auch der gute Ruf der Serie auf dem Spiel, als »Die Simpsons: Der Film« 2007 mit überragendem Erfolg bei Fans und Kritik in die Kinos kam. Es war den Machern gelungen, den geballten Irrsinn des Springfield-Kosmos ohne Verlust auf Spielfilmlänge zu übertragen. Der Simpsons-Film war von allem mehr: mehr Gastauftritte, mehr Handlungsstränge, mehr Action, mehr Popreferenzen – und das alles in Cinemascope. Damit waren die Simpsons auch offiziell bigger than life.

Andreas Busche 

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