Nahaufnahme von Oliver Platt

Oliver Platt in »Shut In« (2016)

Oliver Platt in »Shut In« (2016). © Universum Film

Egal ob als Musketier, Politberater oder Krokodilforscher: Oliver Platt gehört zu den verlässlichsten Nebendarstellern des amerikanischen Kinos. Diesen Monat spielt er an der Seite von Naomi Watts in dem Psychothriller »Shut In«

Der Mann sieht aus, als wäre er fürs Typecasting geboren: breites Gesicht, massive Nase, ein bisschen speckig, ein skeptisch-spöttischer Blick und leicht wulstige Lippen, die immer von einem latent missgelaunten Zug umspielt sind – ein wenig wie ein mürrischer Clown oder ein überdimensionaler Kobold. Wäre Oliver Platt nicht eins neunzig groß, hätte Peter Jackson ihn im »Herr der Ringe« sicher als knurrigen Zwerg besetzt. So brachte er es nur zum jovialen Porthos in »Die drei Musketiere« (1993), der Bonvivant unter den königlichen Leibgardisten. Zu Platts spezieller Ausstrahlung passt aber auch, dass er seinen Durchbruch in »Funny Bones« (1995) hatte, als Sohn eines genialen Komikers, der als Clown erfolglos versucht, aus dem Schatten seines berühmten Vaters zu treten – gespielt von Jerry Lewis, der wie Platt für eine bestimmte Form von Eigensinn steht und mit einem bestimmten Rollentypus verbunden wird. Bei Platt war dieser Typus von Beginn an eine Mischung aus aristokratisch angehauchtem Exzentriker und leicht nerdigem Intellektuellen. Er war ein Krokodilforscher in »Lake Placid« und Redakteur des »New Yorker« in »Briefe an Julia«: Einen Unterschied zwischen Prestigeproduktionen und B-Movies hat er noch nie gemacht. Alles, nur kein Durchschnitt – eine Haltung, die sich mit Platts distinguierter Herkunft als weitgereister Diplomatensohn (Jahrgang 1960) fast schon zu leicht erklären lässt.

In seinem allerersten Film »Die Mafiosi-Braut« (1988) spielte er einen selbstgefällig witzelnden FBI-Agenten, in »Flatliners« einen genialischen Medizinstudenten und in »Einsame Entscheidung« einen nerdigen Ingenieur, der Kurt Russell bei der Befreiung eines entführten Flugzeugs hilft. Anders gesagt, gibt Platt meist den klassischen Sidekick des eigentlichen Helden, den »best buddy«, der ein bisschen Humor und Farbe ins Spiel bringt. Trotzdem hat man nie das Gefühl, dass er sich auf eine bestimmte Masche verlässt. Wenn Platts Charaktere sich ähneln, dann weil er Querverbindungen zwischen ihnen zu entdecken scheint. So spielte er in der John-Grisham-Verfilmung »Die Jury« seinen öligen, grundsympathisch-großspurigen Rechtsanwalt als eine Art Südstaaten-Porthos, ein Musketier wider den dumpfen Rassismus. Der unglückselige Selfmade-Millionär Stavros in der rabenschwarzen Serie »Fargo« ist ein Wiedergänger seines traurigen Provinzunternehmers in der Krimi-Tragikomödie »The Ice Harvest«. Und seinen knochentrockenen Politberater in der Serie »West Wing« darf man getrost als Gegenpol zu dem heillos gestressten Wahlkampfmanager sehen, den er in Warren Beattys großartiger Satire »Bulworth« spielte.

»Fargo« (Staffel 1, 2014). © MGM/Netflix

Nach dem Erfolg in »West Wing« gab es immer wieder Versuche, Oliver Platt zum Serienstar aufzubauen – das Schicksal zahlreicher Schauspieler, denen der »Leading Man« im Kino nicht recht gelingen will. Aber während er auf der Leinwand bis heute ein köstlicher »scene stealer« ist, tendierte Platt in seinen ersten TV-Hauptrollen zur Rampensau. »Er benimmt sich wie ein Zwölfjähriger«, heißt es in der kurzlebigen Serie »Queens Supreme« (2003) einmal über seinen Charakter, einen eigensinnigen Richter. So ähnlich lässt sich auch der Habitus anderer Rollen Platts beschreiben, die zwischen Intellekt und Infantilität changieren. In einer der feinsten Szenen von »Frost/Nixon« will er als hochgebildeter Politikprofessor Richard Nixon die Stirn bieten, erstarrt im Angesicht des Politpatriarchen aber zu einem sprachlosen Schuljungen.

Überhaupt ist Platt oft am besten, wenn er gar nicht viel sagt, wie etwa in Nicole Holofceners wundervollem »Please Give« (2010). Als ungewohnt gewöhnlicher Familienvater am Rande der Midlife-Krise spielt er darin eine seiner wenigen Kinohauptrollen. Anders als sonst kontert er die Widrigkeiten des Lebens hier nicht mit Ironie, sondern mit einer stillen Melancholie, die durch seine massive Körperlichkeit und seine gequälten Gesichtszüge nur verstärkt wird. Fast nur über die Mimik charakterisiert Platt auch den gefürchteten Restaurantkritiker in Jon Favreaus schöner Komödie »Kiss the Cook« beim Verkosten eines Menüs: eine hochgezogene Augenbraue, ein angewiderter Zug um den Mund, spöttische Verachtung im Blick. In gewisser Weise ist dieser Mann so etwas wie die Quintessenz seiner Leinwandpersona: ein Denker und Feingeist, der sich seiner Überlegenheit bewusst ist, den Unzulänglichkeiten seiner Umwelt aber nicht mit Zynismus begegnet, sondern mit gequältem Galgenhumor. Und in der kritischen Mimik des Profi-Essers, diesem Balanceakt zwischen Karikatur und Ernsthaftigkeit, zeigt es sich dann auch wieder, dieses einzigartige Spiel mit der eigenen Physiognomie, das aus Oliver Platt einen »Typ« macht, der sich aber doch nicht auf einen Typ festlegen lässt. 

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