Nahaufnahme von Michelle Dockery

Die Zwanziger stehn ihr gut
Michelle Dockery als Lady Mary in »Downton Abbey« (2019). © Universal Pictures

Michelle Dockery als Lady Mary in »Downton Abbey« (2019). © Universal Pictures

2015, nach sechs Staffeln, ging die beliebte ­englische Historienserie »Downton Abbey« zu Ende. Im September kommt der lang erwartete Film ins Kino. Mit der charismatischen Michelle Dockery als Lady Mary

Mit dieser Rolle wurde sie zum Star: Als Mary Talbot, geborene Crawley, Lady of Grantham auf dem Familiensitz Downton Abbey, ist Michelle Dockery seit 2010 in der bis dahin teuersten britischen Fernsehserie weltberühmt geworden. Mit kantigem Gesicht, der sprichwörtlichen stiff upper lip, einem selbstbewusst schnippischen Ton und einer hinreißenden Figur stolziert sie durch die Folgen, atmet Niederlagen und Schicksalsschläge weg und zeigt nur ganz selten Tränen. Steif und spitz spricht sie aus, was man aus Höflichkeit besser verschwiegen hätte, beleidigt ihre Schwester ebenso wie den Mann, der sie zu heiraten beabsichtigt. Nicht ohne im nächsten Moment so süffisant zu lächeln, dass man ihr einfach verfallen muss.

Nach dem Unfalltod ihres Mannes Matthew Crawley erbt Mary die Hälfte des Familiensitzes – das war für sie als Frau nicht vorgesehen, erscheint aber gerecht. Den gleichen Nachnamen, Crawley, trugen Matthew und Mary als Cousin und Cousine ohnehin. Da es nur weibliche Nachfahren gab, suchte man unter den Cousins nach einem Erben, der dann die älteste Tochter zu heiraten hatte. Man sieht schon, in der Welt des Adels geht es zumindest zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch recht kontrolliert zu. Marys aufbegehrende Schwester Sybill, die jüngste der drei Kinder von Lord und Lady Grantham, die einen Chauffeur heiratet, muss dafür im Kindbett sterben. Die Figur der Lady Mary entwickelt sich allerdings über die sechs Staffeln und die letzte alles überzuckernde Weihnachtsfolge 2015 hinweg am deutlichsten. Ist sie erst das widerwillig erwachsen gewordene verwöhnte Gör, dem nichts recht zu machen ist, mit einem Besenstiel im Rücken, so wird sie zum Schluss zu einer wahrhaft weltgewandten Frau. Und damit zum klaren Pendant von Violet Crawley, ihrer Großmutter und Dowager Countess of Grantham, großartig gespielt von Maggy Smith.

Spätestens mit dem Unfalltod von Matthew, in den Mary sich dann doch noch verliebt hatte, setzt ihre Wandlung ein. Sie heiratet einen nicht wirklich standesgemäßen Mann und zeigt sich auch liberal, was die Beziehungen anderer angeht. Schließlich ist es das Ziel dieser Serie, über das hinauszugehen, was schon »Das Haus am Eaton Place« – im Original »Upstairs, Downstairs« – in den Siebzigern bravourös vorgeführt hatte: die brüchige Grenze zwischen oben und unten, der Lordschaft und den vielfältigen Dienern. Die Gesetze des Adels übertragen sich auf die Hierarchie im Untergeschoss – ebenso die Mittel, sich darüber hinwegzusetzen. »Downton Abbey« aber will mehr. In den ersten drei Staffeln, die vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelt sind, spürt man, wie derartige gesellschaftliche Katastrophen das zivile Leben umwälzen. Am Ende von Staffel 6 ist die Macht des Adels nur noch eine wirtschaftliche. Und wehe dem, der etwa durch die beiden Weltkriege verarmt ist. Was der Spielfilm bringen wird, bleibt abzuwarten. Die Darsteller jedenfalls freuen sich. Unter einem Selfie der Kollegin Laura Carmichael alias Lady Edith stand: »Hat jemand Film gesagt? Wir freuen uns so sehr, dass »Downton Abbey« bald auf großer Leinwand zu sehen ist!«

»Downton Abbey« ist die Welt der guten Manieren und der schönen Kleider. Es ist aber auch die Welt der dunklen Flure und der verborgenen Erotik, wenn man aufpasst und nicht schwanger wird. Michelle Dockery übersteht all diese Rollenwechsel mit einer natürlichen Schönheit, die keine künstliche Grazie braucht. Ihr stehen die Kleider dieser vergangenen Ära so gut, dass sie ein eigenes Modelabel daraus machen könnte (statt für eine glamouröse Weihnachtskampagne die Entwürfe von Burberry vorzuführen). Privat ereilte sie 2015 ein ähnlicher Schicksalsschlag wie ihre Serienfigur Mary. Ihr Partner John Dineen starb im Alter von nur 34 Jahren an Krebs.

Michelle Dockery, 1981 in Essex geboren, wusste früh, was einmal aus ihr werden sollte. Bereits im Alter von neun Jahren trat sie in einer Schulaufführung von »Dick Whittington and His Cat« auf, der Geschichte eines Aufstiegs from rags to riches, in der ein armer Junge seine Katze als Rattenfängerin verkauft. Das Geld, mit dem die Unterrichtsstunden in Schauspiel und Stepptanz an der Finch Stage School bezahlt wurden, musste Dockery sich selbst verdienen. Danach führte ihr Weg über das National Youth Theatre in London bis zum Royal National Theatre. Rollen wie die der Eliza Doolittle in Peter Halls Umsetzung von George Bernard Shaws »Pygmalion« oder der Yelena in Tschechows Drama »Onkel Wanja« folgten. In der TV-Verfilmung von Terry Pratchetts zwanzigstem Scheibenwelt-Roman »Schweinsgalopp« (»Hogfather«) spielte sie blond gelockt ihre erste Hauptrolle. Als Enkelin des Todes ­Susanne Sto Helit wird sie, auch das nicht ohne Komik angesichts der späteren, sich jährlich wiederholenden Aufgaben im Christmas Special von »Downton Abbey«, zur Retterin des Weihnachtsfestes und letztlich der ganzen Scheibenwelt.

Nach vielen kleineren Rollen in Kino und Fernsehfilmen trat sie in Joe Wrights Thriller »Wer ist Hanna?« als Double einer CIA-Agentin (Cate Blanchett) auf, der aber schon bald das Genick gebrochen wird. In Jaume Collet-Serras vertracktem Flugzeug-Thriller »Non-Stop« spielte sie an der Seite von Liam Neeson und Julianne Moore eine Stewardess. Auch hier ist es ihre gefasste Haltung, die unerschütterliche Art, sich dem Unausweichlichen zu stellen, die den Part auszeichnet. Dem Serienfernsehen ist Michelle Dockery nach dem Ende von »Downton Abbey« treu geblieben. In den zwei Staffeln der amerikanischen Dramaserie »Good Behavior« etwa spielte sie eine seit kurzem drogenfreie, auf Bewährung entlassene Betrügerin, die sich in einen Auftragsmörder verliebt. Hier konnte sie, abgesehen von dem etwas aufgesetzten amerikanischen Akzent, ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Nicht so glücklich war ihr Auftritt als hochschwangere, alleinerziehende Tochter von Tony Webster (Jim Broadbent) in Ritesh Batras etwas betulicher Verfilmung des Bestsellers »Vom Ende einer Geschichte« von Julian Barnes. Es gelingt ihm trotz seines Staraufgebots (mit dabei auch Charlotte Rampling und Harriet Walter) nicht, die Gedankenwelt seines Protagonisten zu durchdringen und eigenständig umzusetzen. Das Ensemble bemüht sich sichtlich, kann aber das schwache Drehbuch nicht retten. Und das, obwohl Michelle Dockery selbst bei ­einsetzenden Wehen Haltung wahrt.

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