Nachts auf den Straßen: Deutsche Filme der 50er Jahre

»Viele kamen vorbei!« (1956)

»Viele kamen vorbei!« (1956)

Verrückte Wissenschaftler, Heimat-Horror, sinkende Schiffe und Serienkiller an der Autobahn: Das deutsche Kino der Fünfziger war düster, politisch sensibel und experimentierfreudig. Man muss es nur richtig betrachten. Eine vom Deutschen Institut für Filmkunde konzipierte Retrospektive und in Locarno gezeigte Retrospektive geht jetzt auf Reise durch die Republik. Frank Arnold über Filme, die es zu entdecken lohnt

Trotz aller Rehabilitationsversuche: Der bundesdeutsche Film der fünfziger Jahre hat immer noch einen schlechten Ruf. Oder sollte man besser sagen: Niemand interessiert sich für ihn? Das ist sicher verkürzt, aber wenn man Filminteressierte fragt, welche Produktionen aus dieser Ära sie kennen und schätzen, dürften das entweder Klassiker aus Frankreich, Italien, Großbritannien sein oder aber das amerikanische Genrekino; deutsche Filme tauchen allenfalls als guilty pleasures auf, als schuldhafte Vergnügen, die einen Eindruck hinterlassen haben, weil sie erste Begegnungen mit dem Medium in der Kindheit oder Jugend markieren.

Wer im Jahrzehnt danach mit Karl-May- und Paukerfilmen sozialisiert wurde, der entdeckte dieses Kino im Fernsehen, wo es zum Sonntagnachmittagsprogramm von ARD und ZDF gehörte wie Kaffee und Kuchen. Aber die Oberärzte, Förster und chargierenden Komiker, die sich da tummelten, blieben einem zu Recht fremd. Anfang der achtziger Jahre kehrte dieses Kino dann überraschenderweise in die Programmkinos ein, wo Filme mit Heinz Erhardt zu langen Schlangen an den Kassen führten. Zugegeben: »Immer die Autofahrer« und »Drillinge an Bord« waren in Maßen komisch, aber das junge Publikum wusste sich beim Ansehen auch zu distanzieren. »Ulkig« war die Wirtschaftswundermentalität, aber man wollte nicht gleich eine Zeitreise antreten.

Für mich war das »Erweckungserlebnis« in dieser Hinsicht der Film »Die Halbstarken«, den ein Berliner Kinomitarbeiter damals ausgrub und, ergänzt um andere Halbstarkenfilme, im Nachtprogramm des Weddinger »Alhambra« präsentierte. Diese Figuren waren einem definitiv näher als die erwachsenen Protagonisten des Fünfzigerjahrekinos, nicht nur wegen ihres Alters, sondern auch in ihrer Körperlichkeit. Das weckte die Neugier: Gab es da vielleicht noch mehr zu entdecken?

Es gab! Man wurde fündig in den Videotheken, eher als beim damals startenden Privatfernsehen, denn was man jeden Tag auf SAT. 1 sehen konnte, waren vorrangig Heimat- und Schlagerfilme und »Klamotten«, für die man das Wort Komödien nicht in den Mund nehmen mochte, also jene Filme, die das Negativbild vom Fünfzigerjahrekino zementierten.

Man könnte sagen, dass sich die Wiederentdeckung dieser Kinoära eher auf lokaler Ebene vollzog. In München machte sich ab Mitte der siebziger Jahre Ulrich Kurowski verdient, mit Filmreihen an der HFF und Veranstaltungen des Münchner Filmzentrums im Filmmuseum, begleitet von einer dreibändigen Publikation. Die Münchner konnten »Rosen blühen auf dem Heidegrab« sehen, während in Berlin der schon erwähnte Kinomitarbeiter weitere Schätze hob, darunter auch Carl Boeses Stummfilm »­Geschminkte Jugend« – Jahre bevor der bei der Berlinale zu sehen war –, und es schaffte, dass zur Wiederaufführung von »Das Wunder des Malachias« Bernhard Wicki persönlich anreiste. Gerade die trivialeren Erzeugnisse des Fünfzigerjahrefilms fanden eine Heimstatt an Orten wie dem Münchner Werkstattkino oder dem Kölner Filmclub 813. Und nun das Festival von Locarno: Die dort im August gezeigte Retrospektive mit ungefähr 60 Lang- und Kurzfilmen ist gerade auf Tour gegangen, auch durch Deutschland. Allerdings nicht als 1:1-Übernahme. Vielmehr setzen die einzelnen Spielstätten ihre eigenen Schwerpunkte: das Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt, wo die Reihe im September begann, etwa auf den Heimatfilm, Hamburg auf das Thema Flüchtlinge, während Berlin das umfangreichste Programm plant, in vier Blöcken über das Jahr 2017 verteilt, das zeitliche Spektrum reicht von 1949 (»Der große Mandarin«) bis 1963 (»Venusberg«).

Fast könnte man von einer konzertierten Aktion sprechen, zu der Dominik Grafs »Verfluchte Liebe deutscher Film«, bei der Berlinale erstaufgeführt, den Auftakt gab: Auch dort ging es um vergessenes deutsches (Genre-)Kino, zwei von Grafs wichtigsten Gesprächspartnern sind Autoren beziehungsweise Herausgeber des Retrobuches. In dieser Ballung dürfte auch die Durchschlagskraft des Unternehmens liegen, denn abgesehen von der verdienstvollen Einbeziehung von Kurzfilmen und einigen Titeln aus dem Block »Die Bundesrepublik im Licht des DDR-Films« finden sich bislang keine Titel im Programm, die denjenigen, die sich mit der Thematik beschäftigt haben, vollkommen unbekannt sein dürften. Aber es geht ja nicht nur darum, verkannte Werke neu zu entdecken, sondern auch um den Zusammenhang.

Bezeichnenderweise sind all die nachfolgend gewürdigten Filme in Schwarz-Weiß gedrehte düstere Gegenentwürfe zu der so bunten wie heilen Welt, die in Heimat- und Schlagerfilmen imaginiert wurde. »Heimat« ist aber auch hier ein entscheidendes Stichwort, denn die Protagonisten der Filme sind Heimatlose und Getriebene, die Schauplätze liegen am Rand der nächtlichen Autobahn ­(»Viele kamen vorbei«) oder auf hoher See (»Das Totenschiff«). Die von Georg Tressler inszenierte B.-Traven-Verfilmung »Das Totenschiff« ist bisher nicht Teil der Retrospektive, man konnte sie vor einigen Jahren auf DVD wiederentdecken. Für mich gehört sie zu diesem Gegenentwurf unabdingbar dazu, weil sie Beispiel für ein physisches Kino ist, geprägt von Verzweiflung in ihrer Darstellung der strapaziösen Arbeit unter Deck auf einem Frachtschiff, das dem Untergang ­geweiht ist.

Mit »Viele kamen vorbei« konnte man endlich den fehlenden Film von Peter Pewas wieder sehen, den man vor Jahren in der DVD-Edition seines Werkes schmerzhaft vermisste, weil die Rechteinhaber ihn nicht herausrücken wollten (eine DVD ist jetzt für das kommende Frühjahr angekündigt). Es ist ein Film, in dem die Kraft der Bilder (Kamera: Klaus von Rautenfeld) über so manche Schematismen des Drehbuches triumphiert. Schon das Spiel von Licht und Schatten bei dem Mord unter einer Autobahnbrücke, mit dem der Film beginnt, betont das. Den Perspektiven des jungen Mädchens, das gegen den Willen seiner Eltern trampt, und des Kommissars, der autoritär Verdächtige anherrscht, setzt der Film die des Triebtäters entgegen, der Frauen am Rande der Autobahn auflauert und sie ermordet. Als blinder Passagier im Laderaum eines Lkw gestellt, macht er einen mitleiderregenden Eindruck; wie gefährlich er ist, wird erst nach und nach sichtbar. Er ist ein Getriebener, der ähnlich zwanghaft mordet wie Peter Lorre in Fritz Langs »M« dreißig Jahre zuvor.

Lorre selbst hat diese Figur, die sein Image lebenslang prägte, wieder aufgenommen in seiner einzigen Regiearbeit »Der Verlorene«, für die er 1951 in die Bundesrepublik kam (um nach dem kommerziellen Misserfolg des Films gleich wieder nach Amerika zurückzukehren). Den von ihm selbst gespielten Part des schuldig gewordenen Arztes hat Lorre mit den Schrecken des »Dritten Reiches« verbunden, ein Motiv, das spätere Filme auf einer trivialeren Ebene abhandelten. Ich denke da an Falk Harnacks »Privatklinik Dr. Lund« von 1959, in dem ein Arzt mit Unterstützung eines früheren KZ-Arztes mit Organverpflanzungen experimentiert, um Leben zu retten, für das er seiner Meinung nach »unwertes« Leben, etwa das einer Prostituierten, opfert. Ähnlich agiert der Arzt in Victor Trivas’ »Die Nackte und der Satan« (ebenfalls von 1959) – das Bild mit dem abgetrennten Kopf von Michael Simon auf einer Platte, am Leben gehalten durch Schläuche, vergisst man so schnell nicht. Diese beiden Filme sind bislang nicht Teil der Retrospektive (aber als DVD erschienen), jedoch wichtig, weil sie Zeitgeschichte auf ­einer trivialeren Ebene verhandeln. Zudem sind sie Beispiele für das Fortwirken des fantastischen Films im deutschen Nachkriegskino, das bisher kaum Aufmerksamkeit erfahren hat.

»Der Verlorene« (1951)

In der Retrospektive fallen immerhin zwei Titel in diese Sparte: Arthur Maria Rabenalts Neuverfilmung von Hanns Heinz Ewers' »Alraune« (mit Erich von Stroheim als mad scientist) und Viktor Tourjanskys »Vom Teufel gejagt« (1950), eine deutsche Jekyll-und-Hyde-Variante, in der Hans Albers den Arzt verkörpert, dessen neu entwickeltes Serum alle möglichen Krankheiten heilen soll, tatsächlich aber zu Gedächtnis- und Willensverlust führt. So stiftet der Protagonist Patienten zu kriminellen Handlungen an, um mit der Beute seine Forschungstätigkeit finanzieren zu können – und kann sich, da er sich das Serum auch selbst injiziert, später an nichts erinnern. Wenn da ein Patient mit einem Maschinengewehr um sich ballert, um den Schmuck einer Industriellengattin an sich zu bringen, dürfte das für die zeitgenössischen Zuschauer schon ein ungewohntes Bild gewesen sein. In puncto Gewalt setzt »Im Stahlnetz des Dr. Mabuse« (Harald Reinl, 1961) noch eins drauf: Gleich zu Beginn wird auf offener Straße ein Mensch durch einen Flammenstrahl, der aus einem Lieferwagen kommt, getötet. Dieser Szene nimmt auch der Kontext des fantastischen Films nichts von ihrer Härte.

Es braucht aber nicht unbedingt futuristische Apparaturen und Kontexte, um Gewalt sichtbar zu machen. In Helmut Käutners »Schwarzer Kies«, der von Schiebereien im Zusammenhang mit einer US-Militärbasis handelt, sprechen manche der Protagonisten zwar noch von ihren Träumen, sind aber längst zu zynisch geworden, um daran zu glauben. Während Hauptdarsteller Helmut Wildt hier in seiner Körperlichkeit auch eine gewisse Lässigkeit zeigt, ist Herrmann Schomberg als vierschrötiger Gutsbesitzer in »Rosen blühen auf dem Heidegrab« pure triebhafte Gewalt. Weil die viel jüngere ­Dorothee seinem Werben widersteht, vergewaltigt er sie. Dafür lockt sie ihn ins Moor, wo sie beide den Tod finden sollen – nach dem Vorbild einer Dorfbewohnerin, die dasselbe im Dreißigjährigen Krieg mit einem schwedischen Offizier machte. Weniger die blonde Unschuld von Ruth Niehaus bleibt aus diesem Film im Gedächtnis als der getriebene Mann. Man darf vermuten, dass Niklaus Schilling diesen Film kannte, als er 1972 mit »Nachtschatten« debütierte. ­»Rosen blühen auf dem Heidegrab« ist so eigenartig, dass sich die Frage stellt, ob er ein Solitär, ein Ausreißer im Genre des Heimatfilms war – 1956 gab es immerhin noch den düsteren »Meineidbauer« – und ob sein Regisseur Hans H. König, der überwiegend in diesem Genre arbeitete, später noch Ähnliches vollbracht hat. Auch deshalb ist diese Retrospektive wichtig: weil sie Lust macht, selbst die Filme der Fünfziger zu erforschen – Entdeckungen sind garantiert.

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