M. Night Shyamalan: Der Wahnsinn hat Methode

M. Night Shyamalan am Set von »Servant« (Staffel 1, 2019). © Apple TV+

M. Night Shyamalan am Set von »Servant« (Staffel 1, 2019). © Apple TV+

Mit »The Sixth Sense« landete er einen Hit des »Mindfuck«-Kinos. Dann driftete M. Night Shyamalan ins esoterische Abseits. Seine modernen Horrormärchen haben aber ihren Reiz, wie die Serie »Servant« zeigt

Erinnert sich jemand an die Epidemie der Kornkreise in den neunziger Jahren? Je mehr die Aufmerksamkeit für die vermeintlichen UFO-Landeplätze wuchs, umso schneller vermehrten sie sich. M. Night Shyamalan, der noch nie davor Angst hatte, als Spinner abgestempelt zu werden, nimmt in »Signs – Zeichen« (2002) die Außerirdischenthese ernst. Die Kornkreise in seinem Sci-Fi-Drama erweisen sich nicht wie im wahren Leben als Jux, sondern in der Tat als Zeichen für die Ankunft von Aliens. Die kosmische Attacke wiederum entpuppt sich als Teil eines metaphysischen Plans, der dazu dient, einem verwitweten Farmer, gespielt von Mel Gibson, seinen Glauben wiederzugeben. Ein Hoch auf die göttliche Vorsehung!

Muss man hinzufügen, dass sich die Kinder des Farmers Aluhüte basteln? Doch keiner lacht. Der Plot ist so atmosphärisch inszeniert, seine Rädchen sind so reibungslos verzahnt, dass dem Zuschauer erst nachträglich klar wird, von welcher Verstiegenheit er sich in den Bann ziehen ließ.

Dieses Gefühl der Verblüffung begleitet Shyamalans Werk fast von Anfang an, beginnend mit dem Psychodrama »The Sixth Sense« (1999), das ihm mit 29 Jahren schlagartig den Durchbruch verschaffte. Wenn die Hauptfigur, ein unglücklicher kleiner Junge, sich endlich zu gestehen traut: »Ich sehe tote Menschen«, fliegen ihm alle Herzen zu. Es stimmt, der Satz wurde schnell zum witzig gemeinten Spruch (bis hin zum Plakat der Kapitol-Stürmer »I see dead people vote«). Doch das Mystery-Drama erlöste mit einem Budget von sechs Millionen weltweit 670 Millionen Dollar und wurde für sechs Oscars nominiert.

Auch in seiner neuesten Produktion, der Serie »Servant«, präsentiert Shyamalan dem Publikum einen morbiden Plot, der in manch schwer verdaulichem Detail an David Cronenbergs Geschichten erinnert. Schauplatz ist ein Stadthaus, dessen stimmungsvolles Interieur an ein Vermeer-Gemälde erinnert. Eine Mutter und ihr neu eingestelltes Kindermädchen knuddeln mit Hingabe eine Babypuppe – bis plötzlich ein Baby aus Fleisch und Blut in der Wiege liegt. Noch während man befürchtet, dass der Ehemann den Tausch nicht bemerkt und in seiner heimlichen Wut über den Wahnsinn seiner Frau den Säugling so grob wie das täuschend echte Plastikding durch die Gegend schleudert, lassen sich alle Mitwisser auf die Simulation ein. Sie wollen, sehenden Auges, die Lüge des echten falschen Babys wahr werden lassen.

»Servant«, Shyamalans zweite Fernsehserie nach »Wayward Pines«, ist der erste Hit des jungen Streamingdienstes Apple TV+. Sie beweist wieder einmal, wie gut er aller Kritik zum Trotz die latente Unheimlichkeit unserer Existenz, jenen nagenden Verdacht, dass sie nur ein großer Bluff sein könnte, zu veranschaulichen weiß. Und Kritik musste der eigenwillige Regisseur vielleicht mehr als jeder andere Filmemacher seiner Generation einstecken. Nach »The Sixth Sense« stürzte er vom jungen Genie, das in seinen Filmen mit für Studios existenzgefährdenden Fantastilliarden hantieren durfte, 2011 zum Preisträger der Goldenen Himbeere, der Auszeichnung für die größten Fehlleistungen der Filmbranche, ab. 2015 feierte er mit dem Low-Budget-Film »The Visit«, gedreht mit seinem Regiehonorar für das wüst verrissene Sci-Fi-Drama »After Earth« (2013), ein unerwartetes Comeback. Das raffiniert simple Gruselmärchen, in dem zwei Kinder ihre bis dato unbekannten Großeltern auf dem Lande besuchen, erlöste fast 100 Millionen Dollar.

»The Visit« (2015). © Universal Pictures

Interessanterweise haben bis auf Shyamalans erste filmische Gehversuche »Praying With Anger« (1992) und »Wide Awake« (1998) selbst grandiose Flops wie seine Big-Budget-Abenteuer »Die Legende von Aang« (2010), »The Happening« (2008) und »After Earth« ihr Geld eingespielt. Den schlechtesten Ruf genoss er stets bei Filmkritikern, die nach der ersten Begeisterung über seinen unkonventionellen Stil seine naiv anmutende Spiritualität immer ungnädiger beurteilten. Wurde er anfangs mit Carl Theodor Dreyer oder Friedrich Murnau verglichen, galt er plötzlich als Nachfolger des Trash-Regisseurs Ed Wood.

Der Vorwurf, er sei ein Egomane, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Im Filmmärchen »Das Mädchen aus dem Wasser« (Lady in the Water, 2006), in dem ein Wesen, halb Nymphe, halb Engel und halb Muse, im Pool einer Wohnanlage strandet, spielt er selbst einen Schriftsteller, der am Aufgeben ist. Die Funktion aller anderen Protagonisten besteht darin, ihn zur Erfüllung seiner göttlichen Bestimmung zu bringen – wird doch sein Buch einmal die Welt zum Besseren verändern. Nicht nur seine Rolle eines künftigen Erlösers stieß auf Befremden, zumal Shyamalan ein wirklich schlechter Schauspieler ist. Eine Kampfansage war vor allem die Figur des Idioten unter den liebenswert-skurrilen Apartment-Bewohnern: ein verkniffener Filmkritiker, der als Kenner filmischer Klischees die Bedrohung durch eine übernatürliche Kreatur nicht ernst nimmt – und getötet wird. Dennoch hat der Film mit seiner lässig-esoterischen Weltsicht seinen eigenen Reiz. Es macht einfach Spaß mitzuerleben, wie sich etwa ein paar dummschwätzende Kiffer als Werkzeuge einer höheren Macht entpuppen. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Seit »The Sixth Sense«, in dem der Therapeut (Bruce Willis) eines kleinen Jungen erkennen muss, dass er tot ist, gilt der »Twist« als Shyamalans Markenzeichen. Jene Pointe, mit der zum Filmende das zuvor kunstvoll Suggerierte auf den Kopf gestellt wird, könnte man als filmische »Maya-Demonstration« betrachten. Maya besagt in der hinduistischen Mythologie, dass die uns umgebende Wirklichkeit eine universelle Täuschung ist, hinter deren Chaos sich eine göttliche, jedoch für uns kaum erkennbare Wahrheit verbirgt. Profaner gesagt: Viele Filme Shyamalans funktionieren wie der Uraltwitz vom Autofahrer, der im Radio die Nachricht von einem Geisterfahrer auf seiner Autobahn hört und denkt: »Einer? Hunderte!« In seiner Trilogie »Unbreakable – Unzerbrechlich« (2000), »Split« (2016) und »Glass« (2019) heckte Shyamalan sogar über 20 Jahre hinweg eine düstere Verschwörungstheorie aus. In ihrer Melancholie ist diese Superheldensaga die erwachsene, geerdete Version der parallel gedrehten Marvel- und DC-Comicverfilmungen. Männer mit übernatürlichen Fähigkeiten sind Märtyrer und Mörder statt cooler Typen, sie jobben als Wächter, werden ins Irrenhaus gesteckt und bekommen nie Anerkennung für ihre Heldentaten.

»Glass« (2018). © Walt Disney

Auch gibt es in Shyamalans Filmen null Sex, Action nur sporadisch und praktisch »no fun«, sieht man von der höheren Ironie der Twists ab, die dem Zuschauer klarmachen, wie virtuos er in die Irre geführt wurde.

Es verwundert nicht, dass dieser Regisseur in Hollywood nie heimisch wurde. Sein Heil findet Syhamalan, der 1998 die Produktionsfirma Blinding Edge gründete, seit jeher in Philadelphia. Seine Heimatstadt und auch das pennsylvanische Umland leuchtet er in fast allen Werken so sorgfältig aus wie Woody Allen sein New Yorker Biotop.

Man tritt Shyamalan wohl nicht zu nahe mit der Vermutung, dass die Inspiration für seine mystisch angehauchten Geschichten auch seiner indischen Herkunft – seine tamilischen Eltern, beide Ärzte, wanderten 1960 in die USA aus – geschuldet ist. Den Culture-Clash zwischen Amerika und Indien verarbeitete er in seinem Erstling »Praying in Anger«. Sein zweiter Film »Wide Awake«, in dem ein kleiner Junge über Tod und Religion nachgrübelt, spiegelt Shyamalans Erfahrungen in einer katholischen Privatschule. Sein unbefangener Eklektizismus, mit dem er etwa in einer Gutenachtgeschichte für seine Töchter, aus der er schließlich »Das Mädchen aus dem Wasser« entwickelte, christliche und hinduistische Motive mit Märchenelementen mischt, weist manchmal einen unangenehmen Predigerton auf. Doch seine Geschichten haben mehr Tiefgang als das, was sonst als »Fantasy« bezeichnet wird.

Mit der Sensibilität eines Auteurs gelingt es ihm, seine Mystery-Thriller, die im Grunde moderne Märchen sind, fest in der Alltagsrealität zu verankern und diese umso befremdlicher wirken zu lassen. Als Faustregel kann gelten: Alle Filme, in denen die Darstellung der Monster Computernachhilfe benötigt – etwa das Sci-Fi-Drama »After Earth« – haben einen Anflug von unfreiwilliger Komik. Shyamalan kann kein CGI, wie auch das überladene Fantasy-Abenteuer »Die Legende von Aang« beweist. Das wahre Grauen stellt sich ein, wenn die Monster so unverkennbar handgemacht sind wie in »The Village – Das Dorf« (2004): Hier ziehen sich die gütigen Dorfältesten ein blutrotes Gewand mit Zähnen und Klauen über und schreien »Buh!«, um ihre Kinder davon abzuhalten, die Grenzen des Dorfes zu überschreiten und in die sündige Welt hinauszugehen. Shyamalan bringt uns dazu, die Do-it-yourself-Bestien aus der Perspektive der unschuldigen jungen Dörfler zu sehen, die, gekleidet im züchtigen Look der pennsylvanischen Amish-People, die Bosheit der Welt nicht kennen und durch den Popanz bis in Mark erschüttert werden. Und welches CGI-Monster könnte schockierender sein als der Entführer Kevin (James McAvoy) in »Split«, ein multipel gespaltener »Psycho«, der mal als tüdelige Aufpasserin auftritt und mal als nackter Wüterich die Wände hochgeht?

»Split« (2016). © Universal Pictures

Wie sein Vorbild Hitchcock ist Shyamalan ein Anhänger der alten Filmschule und benötigt keine reißerischen Effekte, um Wirkung zu erzielen. Der Horror findet meist im Kopf des Zuschauers statt, angeregt durch den langsamen Schnitt, Kamerawinkel, sparsame Musik – und durch die subversive Wirkung von im Hintergrund schwelenden Fragen. In »The Village« lautet die Frage etwa, ob ein eingezäuntes Paradies den Verlockungen der Zivilisation vorzuziehen sei. In der Serie »Servant«, deren zweite Staffel nun anläuft, verwandeln sich Menschen, hin und her gerissen zwischen bewussten und unbewussten Wünschen, in Ungeheuer. Wie lange können sie sich darüber hinwegtäuschen, dass etwas faul ist? Man darf davon ausgehen, dass die Interventionsspirale zur Vertuschung jener Tragödie, die den Kern des Plots bildet, so lange weitergedreht wird, bis der Irrsinn einen übergeordneten Sinn ergibt. Und es Shyamalan am Ende gelingt, dem Zuschauer einmal mehr den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

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