Es ist Fanfiction

Unsere "steile These" des Monats März
Tom Schilling in »Werk ohne Autor« (2018) © Walt Disney

Tom Schilling in »Werk ohne Autor« (2018) © Walt Disney

»Werk ohne Autor« ist ein komplizierter Fall. Erst wurde Florian Henckel von Donnersmarcks Film als verschlüsseltes Gerhard-Richter-Biopic betrachtet, was ihm sicher Aufmerksamkeit verschafft hat. Dann sollte er das nicht mehr sein. Der Regisseur warf andere Künstlervorbilder in die Runde. Richter fand irgendwann, man habe seine Biografie missbraucht, scheint sich aber in den Vorverhandlungen nicht klar verhalten zu haben.

Und nun? Wo fängt die Kunst an, hört das Leben auf? Muss man sich über die Behandlung von Gerhard Richter entrüsten? Betrachten wir die Sache mal auf dem Hintergrund der Popkultur, schauen wir uns eine Erfindung der Medienfan-Szene an: Real Person Fiction. RPFs sind als Spielart der Fanfiction in den 80ern entstanden. Dabei leihen sich die Fans keine »Star Trek«- oder »Harry Potter«-Figuren aus, um eigene Geschichten damit zu bevölkern, sondern: Leute aus dem echten Leben. Schauspieler, Popstars, sogar Fußballer. Im April startet ein Film, der auf einem RPF beruht. Die Urfassung der New-Adult-Romanze »After Passion« ist eine Story, die die Studentin Anna Todd in rasselnden Parataxen ins Handy gehämmert und auf der E-Book-Plattform Wattpad gepostet hatte. Ihr Held: Harry Styles, Mitglied der megapopulären, inzwischen zerbröselten Boygroup »One Direction«. Der Engländer gilt als einer der nettesten Popsänger des Universums – und tritt in Todds Geschichte als emotional und sexuell übergriffiger Bad Boy auf, den man auch ohne #metoo zum Therapeuten schicken würde. Für die Buchversionen des »After«-Stoffs – Bestseller! – und im Film wurden alle Namen geändert. Aber jeder wird wissen, dass der schwarzhaarige Junge da auf der Leinwand nach Harry gemodelt wurde.

Geschichte wiederholt sich als Farce, könnte man sagen. Bei Donnersmarck geht es um Kunst und Politik, bei Anna Todd um Sex und Partys; der eine wird durch die Feuilletons gezerrt, die andere durch die Boulevardpresse. Das Prinzip ist das gleiche: Wenn man nicht aufpasst, bleibt was kleben. Unter Fans sind RPFs übrigens umstritten. Und die, die auf solche Fantasien nicht verzichten mögen, wissen: Man sollte sie auf keinen Fall vermarkten.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns