Es gibt keinen Mittelgrund mehr

»Jean Seberg – Against all Enemies« (2019). © Prokino

»Jean Seberg – Against all Enemies« (2019). © Prokino

Unsere "steile These" des Monats Oktober

Was für ein Verlust! Für die großen Visio­näre des Kinos galt es als selbstverständlich, ihre Geschichten durch die Anordnung der Figuren im Raum neu zu inter­pre­tieren. Andere Spannungen aufzubauen zwischen Vorder- und Hintergrund. Und andere Akzente zu setzen durch Ereignisse im Mittelgrund. Fritz Lang, Jean Renoir, Orson Welles etwa waren besessen davon, ihre Charaktere im Raum zu ordnen, um über das Äußere das Innere sichtbar zu machen. Otto Preminger trieb in »Bonjour Tristesse« die räumliche Schachtelung auf die Spitze, indem er vor dem Meer im Hintergrund die Intrige vorn im Mittelgrund vollenden ließ. Mise en Scène – sie war ein ­ästhetisches Surplus des Kinos. In heutigen Filmen ist davon wenig geblieben. 

In »Seberg« etwa reiht Benedict Andrews nur die Gesichter seiner Protagonisten zueinander. Er zeigt kurz das Umfeld, nähert sich und verharrt bei Gestik und Mimik der Figuren. Und folgt so einer Ästhetik der Verengung: wenig Hintergrund, keinerlei Mittelgrund. Selbst in der schönsten Szene des Films bleibt das Ambiente weitgehend ausgespart: Seberg wandert durch ihr Haus, bis sie vor dem Pool steht – und nach kurzem Zögern mit dem Drink ins Wasser geht. Verwirrt und todessehnsüchtig. Erst sehr spät, bevor sie der Presse vom Tod ihrer Tochter berichtet, inszeniert Andrews sie auch in Distanz: Letztmals ­egegnet sie da ihrem Mann, beide stehen fern voneinander, abgewandt. So sagt dieses Arrangement mehr als jedes Wort. In »Parasite« von Bong Joon-ho, in dem eine arme Familie nach und nach den Haushalt einer reichen übernimmt, gibt es immerhin Staffelungen in die Tiefe: etwa beim gemeinsamen Essen in der Fahrerkantine, bei der Vorstellung des Vaters als neuer Chauffeur oder gegen Ende, als die Familie im Regen aus dem luxuriösen Haus fliehen muss. Dabei bleibt der Mittelgrund ungenutzt. 

Hierzulande ist Christian Petzold ohne Zweifel einer der fan­tasiereicheren Metteurs en Scène des neueren Kinos. Er fügt seine Figuren in immer neue räumliche Situationen an-, gegen-, zueinander. So gelingt es ihm, geheimnisvolle, oft wunderliche Beziehungen zwischen ihnen zu entdecken. Den Mittelgrund aber hat er dabei – noch – zu wenig im Blick.        

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