Emmys 2015: Zu viel des Guten

... muss ja nichts Schlechtes sein: Am 20. September werden in Los Angeles wieder die wichtigsten Fernsehpreise der USA verliehen. Ein Blick über ein immer weiter werdendes Feld
»Game of Thrones«

© HBO

Die Geschichte der Emmys ist eine der Irrtümer und Auslassungen

Ist der »Peak Television« erreicht? Es gäbe einfach zu viel Fernsehen, klagte jüngst der CEO des US-amerikanischen Kabelsenders FX Networks John Landgraf vor der Presse. Mehr als 400 verschiedene Serien – Talk- und Reality-TV-Shows nicht mitgezählt – werden in den USA im Jahr 2015 über den Äther gehen, so viel wie nie zuvor. Man beachte: nicht Einzelfolgen, sondern ganze Serien mit zwischen 6 und 26 Episoden. Im Jahr 2009 waren es 211, also etwa die Hälfte. Wer soll sich das alles noch anschauen? Oder wichtiger: lohnt es sich? Und wie soll man einen Überblick behalten darüber, was sich anzuschauen lohnt?

»The Wire« (2002–2008)

Das Problem stellt sich den Mitgliedern der »Academy of Television Arts & Sciences«, die alljährlich die Emmys vergibt, in verschärfter Weise. Woher die Zeit nehmen, all die Serien durchzusehen, zumal wenn man selbst damit beschäftigt ist, sie zu produzieren? Womit auch schon ein wesentlicher Unterschied der Emmys zu den Oscars erwähnt wäre, die man als Gegenstück oft herbeizitiert, um zu erklären, was die Emmys sind. Es gibt aber auch jede Menge Gemeinsamkeiten: Wie die Geschichte der Oscars, so ist auch die der Emmys vor allem eine der Irrtümer und Auslassungen. Was dort »Vertigo«, »Citizen Kane« und »Pulp Fiction« sind, die übersehenen oder nie ganz zu ihrem Recht gekommenen Klassiker, sind hier »Star Trek«, »Roseanne« oder »Firefly«. Ein Artikel über die Emmys wäre nicht vollständig ohne Hinweis darauf, dass die vielleicht (soll heißen: eigentlich unbestreitbar) beste Serie aller Zeiten, David Simons »The Wire« in ihren fünf Staffeln von 2002 bis 2008 miserable zwei Nominierungen (für Einzeldrehbücher) erhielt und davon noch nicht mal einen gewinnen konnte. Und obwohl etwa die Emmy-Vergabe in der Sparte beste Dramaserie in den letzten Jahren – »Die Sopranos« 2007, »Mad Men« 2008-11, »Homeland« 2012, »Breaking Bad« 2013-14 – letztlich ganz den gemeinsamen Vorlieben von Fans und Kritikern folgte, so werden doch Jahr für Jahr nach Verkündung der Nominierungen die im Netz kursierenden Listen dessen, was und wer alles »übersehen« wurde, länger und länger. Gleichzeitig bietet die Zeit zwischen Nominierung im Juli und Preisvergabe im September (dieses Jahr am 20.9.) die beste Gelegenheit, das eben immer unübersichtlicher werdende Feld der Serien zu betrachten und als Ganzes zu reflektieren.

»Breaking Bad« (2008–2013)

Wie den Oscars kommt auch den Emmys als wichtige Aufgabe zu, zwischen den rein kommerziellen Erfolgen und dem sogenannten Qualitätsfernsehen zu vermitteln. Nur dass es im Seriengeschäft an beiden Enden fast noch komplizierter aussieht als im Filmbusiness. Für kommerziellen Erfolg, bei Filmen in Box-Office- oder Zuschauerzahlen gemessen, steht bei Fernsehserien üblicherweise die Quote. Doch bereits bei Bezahlsendern wie HBO und erst recht für die neu auf den Markt gekommenen Streamingdienste wie Amazon und Netflix spielt die Quote nur eine sehr eingeschränkte Rolle. Für HBO etwa zählt, wie hierzulande für Sky, in erster Linie die Anzahl der Abonnenten, nicht die Einschaltzahlen einzelner Sendungen. Netflix gar, obwohl als digitaler Dienst in der Lage, die ­Daten seiner Zuschauer bis zur Milli­sekunde zu erfassen, veröffentlicht aus Prinzip nichts über Download- oder Viewingzahlen. Auch hier zählt der Verkauf des Gesamtpakets mehr als jede Einzelsichtung.

Für Bezahlsender und Streamingdienste sind deshalb die Kritiker, die einer Serie den nötigen »Buzz« verschaffen können, von großer Bedeutung. Ähnlich wie im Bereich der Filmkritik hat sich hier den etablierten Vertretern der Printpresse eine Unzahl von professionellen Bloggern und engagierten Amateuren im Internet zur Seite gesellt. In diesem Meer von Meinungen kann aber immer noch viel untergehen. Weshalb zum Erfassen der tatsächlichen Reichweite einer Serie zunehmend auch auf die Zahlen der illegalen Downloads geschaut wird, die außerdem oft der beste Maßstab sind, um deren internationale Attraktivität anzuzeigen.

»Game of Thrones« - Staffel 4 (2014)

Rekorde im weltweiten illegalen Downloadbereich bricht in den letzten Jahren ein ums andere Mal die HBO-Serie »Game of Thrones«, die mit 24 Nominierungen auch das Emmy-Rennen anführt – und gleichzeitig mit einem umstrittenen Staffelfinale zur zentralen Obsession der bloggenden und tweetenden Fans wurde, die nicht aufhören können, die Frage zu erörtern, ob Jon Snow nun tatsächlich tot sei. Damit bildet »Game of Thrones« den eher seltenen Fall, dass preiswürdig und populär zusammenkommen. Man vergleiche die im illegalen Downloadbereich zweitplatzierte Serie »The Walking Dead«, die in den USA vom Kabelsender AMC ausgestrahlt wird und auch dort Quotenrekorde bricht: Bei den Emmys konnte die Zombie­serie lediglich vier Nominierungen in Nebenkategorien erobern.

Nicht dass die Emmy-Abstimmungsberechtigten grundsätzlich Genreserien abgeneigt wären: An zweiter Stelle bei den Nominierungen steht »American Horror Story – Freak Show« (Sender: FX) mit insgesamt 19 Nominierungen. Eine Serie, die im vierten Jahr mit ihrem raffinierten Spiel mit dem Horrorgenre und einer prominenten Besetzung (u.a. Jessica Lange) glänzt. Die vierteilige Miniserie »Olive Kitteridge« folgt mit 13 Nominierungen auf dem dritten Platz.

»Olive Kitteridge« (2014)

Mit jeweils elf Nominierungen sind die Serien »House of Cards« (Netflix), »Transparent« (Amazon) und »Mad Men« (AMC) breit vertreten. Wobei hier nur »Transparent« die große Überraschung darstellt. Denn niemand hätte gedacht, dass es Amazon als Neueinsteiger im Seriengeschäft gelingen würde, etwas zu produzieren, das den Zeitgeist derart punktgenau trifft. In »Transparent« steht der Vater dreier lang erwachsener Kinder im Mittelpunkt, der sich im Alter erstmals offen dazu bekennt, eigentlich eine Frau zu sein. Die Serie greift das traditionelle Familienserienkonzept samt seinem Konformitätsdruck auf und verkehrt es mit Melancholie und Ironie (»Transparent« ist als beste Comedy-Serie nominiert) in sein Gegenteil: eine Ermutigung an alle Andersartigen und -fühlenden.

Unter den Nominierungen für das beste Drama gilt dieses Jahr erneut »Mad Men« als der klare Favorit, gelang es der Serie doch in seiner letzten Staffel noch einmal zur Form der frühen Jahre zurückzufinden. Um nachzuvollziehen, wie die Werbung den Geist der Sixties zugleich prägte und aushöhlte, wird die Serie noch lange eine wichtige Referenz bleiben. Große Konkurrenz ist »Mad Men« allerdings in dem »Breaking Bad«-Spin-off »Better Call Saul« entstanden, das auf überraschend leise Weise eine »Origin«-Geschichte erzählt, die die besten Qualitäten des Originals  feinpsychologisch ausbaut.

»Mad Men« (2007–2015)

Als große Verlierer des diesjährigen Emmy-Rennens gelten vor allem zwei Serien des Senders FX, damit vielleicht auch Mitauslöser von Landgrafs eingangs zitierten Ärger über »zu viel Fernsehen«. Mit »Justified«, dessen letzte Staffel in diesem Frühjahr ausgestrahlt wurde, verfügte FX über eine Serie, die im unvergleichlichen Elmore-Leonard-Modus Western und Krimi kreuzte, während ihre Helden mit ungeheuer smartem Mundwerk die sozialen Verwerfungen eines erschreckend realistisch gezeichneten, hinterwäldlerischen Kentuckys kommentierten. Einen faszinierend anderen Blick zurück auf die Reagan-Jahre und die letzte Phase des Kalten Kriegs wirft dagegen die Serie »The Americans«, in der es um in die USA eingeschleuste sowjetische Agenten geht. Da FX die Serie auf eine vierte Staffel verlängert hat, wird es für »The Americans« aber eine weitere Emmy-Chance geben.

Mit wenig Nominierungen mussten sich auch die zwei neuen Hit-Serien der Saison zufrieden geben, »Empire« (Fox) und »How To Get Away With Murder« (ABC). So sehr beide mit Soap-Elementen und übersteigertem Drama noch ganz dem »alten« Fernsehen verpflichtet sind, haben sie manch hochgepriesener »neuer« Serie etwas voraus: Ensembles, die in puncto sexueller Orientierung und Hautfarbe erfrischend divers sind.

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