Kritik zu Soul Kitchen

© Pandora Filmverleih

2009
Original-Titel: 
Soul Kitchen
Filmstart in Deutschland: 
25.12.2009
R: 
A: 
L: 
99 Min
FSK: 
12

In seiner dieses Jahr in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Komödie erzählt Fatih Akin eine musikalisch-kulinarische Geschichte aus dem Hamburger Kiez

Bewertung: 5
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Für Anhänger der aus der Mode gekommenen Autorentheorie bieten die Filme von Fatih Akin jede Menge Ansatzpunkte. Von den Kiezmilieus über die Charaktere mit Migrationshintergrund bis hin zu den Figurenkonstellationen scheint es in seinem Werk eine ganze Reihe roter Fäden zu geben. Weniger greifbar, aber vielleicht der schönste Beleg für Akins ganz eigenen Tonfall ist gleichsam die Vorstellung, dass all seine Geschichten sich auch zur gleichen Zeit abspielen könnten, Facetten einer einzigen großen Erzählung sind. Moritz Bleibtreus Weg in Im Juli würde sich da mit dem der Reisenden aus Auf der anderen Seite kreuzen und im Istanbul von Crossing the Bridge enden. Und die drei Freunde aus Kurz und schmerzlos wären Stammgäste jener Kneipe, die der Deutschgrieche Zinos in Akins neuer Komödie »Soul Kitchen« betreibt.

So unwahrscheinlich ist das nicht, denn Zinos‘ Lokal im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist alles andere als ein Feinschmeckertempel. Frittierter Fisch, fettiger Kartoffelsalat und jede Menge Convenience-Food locken anspruchslose Gäste an, denen es einzig darum geht, für wenig Geld den großen Hunger zu stillen. Entsprechend lieblos klatscht Zinos ihnen die Fritten auf die Teller und interessiert sich im Grunde nicht im Geringsten für die Arbeit, mit der er sein Geld verdient. Als seine Freundin Nadine, eine Journalistin, einen Posten in Shanghai bekommt und der liebeskranke Zinos einen Bandscheibenvorfall erleidet, stellt er notgedrungen einen Ersatzkoch ein: Der exzentrische Shayn hat gerade seinen Job als Küchenchef in einem Gourmetrestaurant verloren. Nun schickt er sich an, aus Zinos’ Spelunke ein Toprestaurant zu machen. Aber gerade als der Laden anfängt, gut zu laufen, drohen Zinos‘ herzensguter, aber unzuverlässiger Bruder Illias, der auf Freigang aus dem Knast kommt, und der Immobilienhai Neumann alles wieder zunichtezumachen.

Mehr muss man über die Geschichte von »Soul Kitchen« nicht wissen, denn es geht in dem Film sowieso weniger darum, was passiert (vieles davon ist vorhersehbar), sondern mit welchen Details Akin vermeintlich vertraute Situationen, Orte und Konflikte zu etwas Besonderem und damit doch wieder ganz Eigenem macht. Humor bedeutet in »Soul Kitchen« nicht nur lässige Sprüche und skurrile Verwicklungen (von beidem gibt es reichlich), Humor ist hier zum Beispiel auch die Art, wie Moritz Bleibtreu als Knastbruder Illias rhythmisch mit den Nackenmuskeln zuckt, weil er so stolz auf seine neu entdeckten DJ-Künste ist; eine Liebesgeschichte zwischen Zinos und seiner zauberhaften Physiotherapeutin findet beim Besuch eines türkischen Hausmediziners namens »Knochenbrecher« ihren Höhepunkt; und ein missglückter Einbruch endet damit, dass der entkommene Dieb Autostop bei der Polizei macht.

Dass Akin ausgerechnet ein Restaurant und avancierte Kochkunst zum Rahmen seiner Kiezkomödie macht, ist bemerkenswert, denn zumeist spielen Filme über das Kochen in bürgerlichen Milieus. Und wenngleich das Kochen in »Soul Kitchen« vor allem als Sinnbild für Leidenschaftlichkeit und ein brüderliches Miteinander dient, zeigt Akin, dass er sich ernsthaft mit der Thematik auseinandergesetzt hat. So scheint der kompromisslose, von Birol Ünel mit wunderbarer Schnoddrigkeit verkörperte Koch Shayn mit seiner zwischen Freibeuter und Samurai changierenden Attitüde geradewegs von dem realen New Yorker Küchen-Enfant-terrible Anthony Bourdain inspiriert; die Szene, in der Shayn seinen Job verliert, bekommt durch den Drehort, das Hamburger Sternelokal von Ali Güngörmüs, ein besonderes Flair; und Zinos’ Lokal wirkt durch das Lagerhaus-Setting und die Schlichtheit des Interieurs wie der Hamburger Ableger des weltberühmten Kopenhagener Avantgarderestaurants Noma. So kommt die Haute Cuisine nach Wilhelmsburg, und eine der schönsten Szenen zeigt denn auch einen Haufen cooler Kiezmusiker, die sich zunächst über Shayns Kreationen lustig machen, nach dem Überwinden ihrer Berührungsängste jedoch nicht genug davon bekommen können.

Ganz im Sinne des österreichischen Avantgardefilmers Peter Kubelka stellt »Soul Kitchen« das Kochen als kommunizierende Handlung in direkten Bezug zu anderen Künsten: Einem guten Jazzer oder einem Schauspieler gleich ist Shayn ein Meister der Improvisation; er experimentiert mit hergebrachten Formen, verabscheut Augenwischerei und zielt mit seiner Kunst auf die Magengrube ebenso wie aufs Herz – eine Haltung, die auch Fatih Akins Philosophie des Filmemachens beschreiben könnte: »Soul Kitchen« wirkt trotz mancher Überdrehtheit in keinem Moment aufgesetzt, und der stellenweise slapstickhafte Humor nie bemüht; Akin gibt keine seiner Figuren je der Lächerlichkeit preis und versteht es, selbst den verrücktesten Situationen eine emotionale Bodenhaftung zu geben, die seine Geschichte davor bewahrt, in einer reinen »Komödienwelt« zu spielen.

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