Kritik zu Helene Weigel – Revolutionärin im Rampenlicht
In einem längst überfälligen Filmporträt folgt Maria Wischnewski dem Lebensweg der Epochenschauspielerin Helene Weigel.
Helene Weigel habe als »die lärmendste Schauspielerin Berlins« gegolten, so zitiert die Weigel-Biografin Sabine Kebir zu Beginn ein Kritiker-Bonmot aus den späten 1920er Jahren. Eine Aussage, die im Kontrast steht zu dem Bild der nach außen hin Strenge und Disziplin verkörpernden Prinzipalin des Berliner Ensembles, dem die am 12. Mai 1900 in Wien geborene Weigel von den frühen 50er Jahren bis zu ihrem Tod 1971 vorstand.
Ein Filmporträt der Schauspielerin Helene Weigel ist zwangsläufig eines über die enge künstlerische wie private Beziehung zu dem Dramatiker Bertolt Brecht, den »die Weigel«, wie sie genannt wurde, im Jahr 1923 anlässlich einer Aufführung von dessen Stück »Trommeln in der Nacht« in Berlin kennengelernt und 1929 geheiratet hatte.
In ihrem Film nimmt Maria Wischnewski neben der dritten Lebensphase, der Zeit triumphaler schauspielerischer Erfolge, vor allem das Exil in den Blick. Waren die ersten Jahre nach der Flucht aus Nazideutschland für Bertolt Brecht von enormer literarischer Produktivität, änderten sich die Lebensumstände für Helene Weigel radikal. Erzwungen durch die Umstände des Exils, musste sie den Tross von Mitarbeiterinnen und Geliebten ihres Mannes akzeptieren. Künstlerisch wurden der Schauspielerin die Bretter buchstäblich unter den Füßen weggezogen. Einzig in der Uraufführung des Brecht-Stücks »Die Gewehre der Frau Carrar« 1937 in Paris konnte sie einen Erfolg verbuchen, allerdings vorwiegend im Kreis anderer Exilierter.
Es sei »eine Beziehung zwischen schwierigen Menschen in schwierigen Zeiten« gewesen, so die Enkelin Johanna Schall. Die Zitate aus Briefen von Helene Weigel lassen die Verletzungen durchscheinen, die sie in dieser Zeit ertragen musste. »Meine idiotische Existenz hängt mir sehr zum Hals raus. Ich war und bin immer noch eine brauchbare Person und der Winterschlaf dauert zu lange«, schreibt sie im Februar 1937 an den Theaterregisseur Erwin Piscator. Und in einem Brief an den Philosophen Walter Benjamin vom Sommer 1939 heißt es: »Lieber Doktor, Ihr Geburtstagsbrief – gerührt, erfreut, geschmeichelt und geehrt! Unter uns: Die Familie hat nicht daran gedacht!«
Mit ihrer Rolle als »Mutter Courage« am Deutschen Theater im Jahr 1949 begründet Weigel nach der Rückkehr nach Deutschland nicht nur ihren eigenen Weltruhm, sondern auch den des Berliner Ensembles, das seine Heimat im Theater am Schiffbauerdamm fand, wo 1928 bereits die Uraufführung der »Dreigroschenoper« stattgefunden hatte. Katharina Thalbach, Tochter des Brecht-Mitarbeiters Benno Besson, hatte den Eindruck, Weigels Leben »ging erst nach dem Krieg richtig los«.
Maria Wischnewskis facettenreiche Filmcollage, die auf einen Off-Kommentar verzichtet, dokumentiert dieses ereignisreiche Leben anhand zahlreicher, teils unbekannter Film- und Fotoaufnahmen sowie ausgewählter Briefstellen von Weigel und Brecht, gelesen von Birgit Minichmayr und August Diehl. So trifft der Film, der in Umrissen auch ein Epochenporträt ist, das, was Günther Rühle in der FAZ in seinem Nachruf schrieb: Auf ihrem langen Weg von Wien über Frankfurt bis zum Schiffbauerdamm sei Helene Weigel »eine ›Deutsche‹, geworden, hart, besessen, fleißig, ideologisch und mächtig. Ein Mythos zu Lebzeiten.«









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