Kritik zu If Pigeons Turned to Gold
Die dokumentarische Selbstbefragung wandelt sich vom familiären Projekt zum packenden Essayfilm über Lebenskunst.
Lange Zeit galt es als ein Gesetz im Dokumentarfilm, nicht in die Lebenswirklichkeit der sogenannten Protagonisten einzugreifen. Mittlerweile haben sich die Maßstäbe auch hier stark gewandelt und gegen die Regel wurde oft und in vielfältiger Weise verstoßen. Selten aber geschah dieser Bruch so eklatant wie in diesem Film der tschechischen Regisseurin Pepa Lubojacki, der fast zwei Stunden lang von ihrem Versuch erzählt, einen Menschen vor dem Absturz zu retten.
Dieser Mensch ist Pepas Bruder David, der als Folge seiner schweren Alkoholabhängigkeit auch Arbeit und Wohnung verloren hat und zu Beginn des Films mit einigem Hausrat und einem geblümten Sonnenschirm in einer Bruchbude auf einem grün gesäumten Brachgelände in Prag lebt, wo ihn die Schwester mit der Kamera besucht. Nachdem vor etwa zehn Jahren schon ihr Vater früh am Suff gestorben war, fürchtet Pepa nun auch um den einst bewunderten großen Bruder. So gibt es von ihr neben seelischer und materieller Zuwendung auch Druck zur Nüchternheit, der bei Marco aber nur in seltenen Momenten positiv ankommt.
Auch der Film war wohl ursprünglich Teil dieses Projekts Bruderhilfe – mit dem doppelten Ziel, neben der konkreten Rettung des geliebten Menschen auch generell über Mechanismen von Sucht, gesellschaftlicher Ausgrenzung und familiärer Gewaltkonstellationen nachzudenken, die hier mindestens zwei Generationen zurückreichen. Dazu sind in Pepas Großfamilie Bruder und Vater nicht die einzigen sozialen Außenseiter, auch zwei Cousins leben auf Prager Straßen. Diese Vettern kommen im Film als Personen leibhaftig vor, der verstorbene Vater dagegen erhält einen ungewöhnlichen Auftritt als animiertes Fotoporträt, dessen bewegter Mund mit KIgenerierter Stimme und zumindest nach KI klingenden floskelhaften Sentenzen Auskunft zur eigenen Position im Familiengefüge und anderen Fragen gibt.
Eine Technik, die die Filmemacherin auch bei anderen Figuren (neben putzigen Albumfotos der Kinder auch eine der titelgebenden Tauben, nur die Rolle der Mutter bleibt im ganzen Film auffällig unartikuliert) anwendet, die in altklugem Ton neben einer Art verbaler Familienaufstellung auch wissenschaftliche Erkenntnisse über Biologie und Psychologie von Suchtverhalten formulieren: All dies übrigens auf Englisch, weil das Programm, mit dem sie erstellt wurden, nur diese Sprache beherrscht. Ergänzt werden diese figürlichen Animationen durch in großen Lettern auf die Leinwand geschriebene Autorinnenkommentare, die der filmischen Narration neben dem Auf und Ab von Marcos wiederholten Abstürzen eine eigene verspielte Dynamik geben. Und gemeinsam mit dem Einsatz unterschiedlicher Musik eine zusätzliche selbstreflexive Ebene einziehen, mit der die Regisseurin im Laufe der Erzählung zunehmend die eigene Position mit ihren Hilfsanstrengungen infrage stellt. Das führt sie selbst zu Befreiung und neuem Schmerz zugleich. Und ihren Film am Ende aus der Familiensphäre hinaus zu den bohrenden allgemeinen Fragen menschlicher Existenz.








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