Kritik zu Godzilla Minus Zero
Auf den weltweiten Überraschungserfolg von »Godzilla Minus One« aus dem Jahr 2023 folgt mit »Godzilla Minus Zero« der mittlerweile 31. japanische Realfilm der Toho um die hauseigene Monsterikone Godzilla.
Das Reboot »Godzilla Minus One« von Takashi Yamazaki wurde für ein überschaubares Budget von unter 15 Millionen US-Dollar produziert und 2024 mit einem Oscar in der Kategorie »Beste visuelle Effekte« ausgezeichnet (zum Vergleich: Die Produktion des im März 2024 gestarteten amerikanischen »Godzilla x Kong: The New Empire« hat an die 150 Millionen US-Dollar Produktionskosten verschlungen). Der Oscar für »Godzilla Minus One« hat den internationalen Marktwert japanischer Godzilla-Produktionen in ungeahnte Sphären aufsteigen lassen, die an die Glanzzeiten in den 60er Jahren erinnern. Damals war die Toho globaler Marktführer in Sachen Monsterfilm und exportierte die stets aufwendig in Farbe und Cinemascope gedrehten Spektakel erfolgreich in die ganze Welt. Die japanischen Filmemacher haben das Genre des Kaiju Eiga, dessen Ursprung im Atombombentrauma von Hiroshima und Nagasaki verankert ist, stets ernst genommen und die Filme entsprechend aufwendig produziert.
»Godzilla Minus One« erzählte die leidvolle Erlösungsgeschichte des desertierten Kamikaze-Piloten Kōichi Shikishima (Ryūnosuke Kamiki), der schließlich seine Ehre rettet, indem er doch wieder in ein Jagdflugzeug steigt, um sein Land von Godzilla zu befreien. »Godzilla Minus Zero« spielt im Jahr 1949, schließt inhaltlich also an die Ereignisse seines Vorgängers an. Der Zweite Weltkrieg hat Japan auf das Jahr null zurückgeworfen und das Volk zutiefst gedemütigt. Das Auftauchen Godzillas hat den Wiederaufbau gestoppt und das Land regelrecht ins Minus versetzt. Eine weitere Katastrophe naht in Gestalt des goldenen, dreiköpfigen Drachen King Ghidorah, der schon seit »San Daikaijū: Chikyū Saidai no Kessen« (etwa: »Drei Riesenmonster – Der größte Krieg der Erde«) aus dem Jahr 1964 zu den beeindruckendsten, feindlich gesinnten Kaijus im Godzilla-Universum gehört. Der Film war einer der wenigen Toho-Tokusatsu-Filme (Spezialeffektfilme), die seinerzeit nicht in Deutschland ins Kino kamen; er wurde erst 2011 unter dem irreführenden Titel »Frankensteins Kampf gegen Ghidorah« auf DVD veröffentlicht. Schon 2021 hat Takashi Yamazaki für das Panoramic Flying Theater in dem nördlich von Tokio angesiedelten Vergnügungspark Seibuen den 3-D-Kurzfilm »Godzilla the Ride: Giant Monsters Ultimate Battle« inszeniert. Hier erleben Zuschauer, in einer Art Flugsimulator vor einer gigantischen Panoramaleinwand schwebend, den Kampf zwischen Godzilla und King Ghidorah hautnah.
Bei der Monsterauswahl geht Toho schon immer auf Nummer sicher. Nur die beliebtesten Kaiju mit hohem Marketingpotenzial dürfen sich mit Godzilla messen. Die Auswahl des dreiköpfigen King Ghidorah für »Godzilla Minus Zero« ist also nicht besonders originell. Doch man hat sich um Variationen im Erscheinungsbild des außerirdischen Drachen bemüht. So ist er zu Beginn des Films bei seinem Angriff auf Matsumoto noch klein und hat nur einen Kopf, aus dem er Gravitationsstrahlen speit, die Gebäude zerstören und samt Einwohnern in die Luft schweben lassen.
Yamazakis Hauptaugenmerk liegt hier noch stärker auf dem menschlichen Drama der Nachkriegsgeschichte. Der weiterhin von einem Überlebensschuld-Syndrom gepeinigte Pilot Kōichi Shikishima hat inzwischen mit der unter einer von Godzilla ausgelösten Strahlenkrankheit leidenden Noriko Ōishi (Minami Hamabe) und dem kleinen Waisenkind Akiko (Sae Nagatani) eine Patchworkfamilie gegründet. Vereint mit vielen opferbereiten Mitstreitern bereiten Kōichi und Noriko einen Kaiju-Vernichtungsplan gegen das »neue« Monster Ghidorah vor, in dem Godzilla schließlich zum eigentlichen Erlöser des japanischen Volkes werden könnte. Yamazaki lässt sein menschliches Ensemble dabei durchweg ungeniert melodramatisch spielen. Westliche Betrachter werden das als übertriebenes Overacting missverstehen. Da das Zeigen von persönlichen Befindlichkeiten im gesellschaftlichen Alltag der Japaner verpönt ist, wirkt expressives Ausagieren unterdrückter Gefühle auf der Leinwand fürs heimische Publikum emotional befreiend.
Wie im ersten »Godzilla«-Film von 1954 (kurz nach dem Ende der Filmzensur in Japan durch die US-Streitkräfte) geht es Yamazaki um Traumabewältigung. Dazu gehört heute auch die Bebilderung damals verbotener Rachefantasien gegen die Besatzungsmacht Amerika. Der Hiroshima-Überlebende Kanji Murakami (Min Tanaka) träumt davon, dass der von ihm gesteuerte Rachegott Godzilla Manhattan mit seinem zerstörerischen Feueratem in ein atomares Inferno verwandelt. Anders als in »Godzilla Minus One« bedient der Film so die nach der Kapitulation übliche Opferperspektive der Japaner. Man kann Yamazaki also nicht vorwerfen, Rücksicht auf internationale Vermarktbarkeit genommen zu haben. Dramaturgisch hätte man »Godzilla Minus Zero« so auch in den 50er Jahren drehen können. Auch der Umstand, dass Yamazaki die Rollen der US-Soldaten mit unbeholfen agierenden Laiendarstellern besetzt, ist ein augenzwinkernder Verweis auf die goldenen Zeiten des Kaiju Eiga. Lediglich die durchweg digitalen Spezialeffekte sind mehr oder weniger State of the Art. Was einem Sakrileg gleichkommt, weil Godzilla-Filme noch bis vor einigen Jahren traditionsgemäß mit praktischen Effekten im Suitmation-Verfahren hergestellt wurden.











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