Buch-Tipp: Denis Villeneuve

Kino der Antagonismen

Im Dezember kommt der dritte »Dune«-Film ins Kino. Wer sich vorher (wieder) auf den filmischen Kosmos von Denis Villeneuve einstimmen möchte, kann mit Lucas Curstädt die politische Dimension seines Oeuvres erkunden

Wie kaum ein anderer Regisseur schafft es der Frankokanadier Denis Villeneuve, Eigensinn und Vielschichtigkeit des Autorenfilms mit den Attraktionen des Blockbusterkinos zu vereinen und so ein breites Publikum anzusprechen, das sich in Filmen wie »Blade Runner 2049« oder »Dune«, um nur zwei zu nennen, bei allen Schauwerten doch immer wieder in einem Dickicht von Ambivalenzen wiederfindet. Einen Zugang zur politischen Dimension seines durch verschiedenste Genres streifenden Œuvres zeigt Lucas Curstädt nun in seinem Buch »Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen« auf.

Curstädt, der Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Mainz studiert hat, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn im Bereich Medienwissenschaft und betreibt auf YouTube den Kanal »die zweite produktion«. Nachdem er sich bereits in seinem ersten Buch – seiner Promotion »Projektionen des nächsten Menschen« – unter anderem mit Villeneuves »Arrival« und »Blade Runner 2049« auseinandergesetzt hat, widmet er sein mit rund 170 Seiten deutlich schmaleres zweites Werk nun ganz Villeneuve. Und doch ist es nicht gerade die klassische Regisseursmonografie, die genüsslich einen Film nach dem anderen Revue passieren lässt. Bei Curstädt ist zunächst einmal Konzentration gefordert, denn er beginnt mit einer großen Portion Theorie, um seinen Ansatz einer ideologiekritischen Filmanalyse darzustellen. Dabei verwebt er in interdisziplinärem Zugriff Filmtheorie, Suture-Theorie (»Naht«-Theorie = psychoanalytisches Konzept, das beschreibt, wie ein Film das zuschauende Subjekt in seine erzählerische Wirklichkeit einbindet/»einnäht«) und die politische Theorie von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Curstädt: »Was sich in Villeneuves Filmen zunächst nur registrieren lässt und anschließend immer eruptiver aus ihnen herausbricht, ist ein in unterschiedlichen filmischen Erzählungen widerhallendes Echo auf das Scheitern des politischen Liberalismus, auf den Zusammenbruch der postideologischen Utopie infolge der Anschläge vom 11. September 2001 und auf die dahinter lang verborgene autoritäre Sehnsucht, die sich mittlerweile auch institutionell manifestiert hat.«

Das Leitmotiv, welches sich durch das gesamte Werk Villeneuves zieht, ist demnach die fortschreitende Antagonisierung der US-Gesellschaft, in der sich immer vehementer die Wiederkehr des Verdrängten, das heißt autoritärer, gewaltsamer und irrationaler Kräfte vollzieht.

Diese Tendenzen spiegeln sich laut Curstädt in allen großen Filmen des Frankokanadiers, egal in welchem Genre sie angesiedelt sind. Der Antagonismus als beherrschendes Strukturprinzip sei bereits einigen Titeln eingeschrieben, etwa dem »Enemy«, der jemandes Feind sein muss, den »Prisoners«, die Wärter brauchen, dem »Sicario« (Auftragskiller), der eines Opfers bedarf.

Dem mehr als sechzigseitigen theoretischen Vorlauf – anspruchsvoll, doch anregend zu lesen, mit vielen einleuchtenden Anknüpfungspunkten – folgen dann Einzelbetrachtungen der Filme unter den genannten Gesichtspunkten, beginnend mit »Incendies – Die Frau, die singt«, dessen frappierende Anfangssequenz bereits zur Illustration der Suture-Theorie diente. Hierbei konzentriert sich Curstädt meist auf wenige Details des jeweiligen Films, um seine These zu untermauern – was bisweilen doch sehr schade ist, angesichts der Fülle der thematischen Motive und stilistischen Finessen Villeneuves. Und so schlüssig Curstädt die klarsichtigen Perspektiven des Kanadiers auf unsere krisenhafte Gegenwart und das Scheitern des modernen westlichen Liberalismus herausarbeitet, so lose bleibt trotz einzelner einleuchtender Szenenbeispiele die Verbindung der Suture-Theorie zur Gesamtargumentation. Eine eingehendere Betrachtung wäre hier möglicherweise hilfreich gewesen.

Dass Curstädt die beiden »Dune«-Filme weitgehend außen vor lässt, ist dagegen zwar schade, leuchtet aber durchaus ein, wenn er begründet, dass in ihnen der politische und ideologische Gehalt der Erzählung bereits manifest an der Oberfläche liege, was sie weniger ergiebig für seine Analyse mache als die früheren Filme, in die dieser Gehalt subtil eingewoben sei.

Lässt man sich auf die Menge an Theorie sowie den bewusst engen Fokus von »Kino der Antagonismen« ein, ist es ein sehr lesenswertes, anregendes Buch, denn für wesentliche Aspekte der Filme bietet Curstädt fruchtbare Analyseansätze. Von den bedrohlichen Atmosphären, die seine Werke prägen, bis hin zu den zerbrechenden Familien, die in krassem Gegensatz zu Hollywoodkonventionen stehen: Denis Villeneuve lässt uns immer wieder erstaunlich kompromisslos in die Abgründe einer zutiefst verunsicherten, zunehmend fragmentierten Welt schauen. Das ist ungemütlich und zugleich voller Erkenntnisse – und Curstädts Buch ist eine schöne Einladung, sich auf diese Auseinandersetzung einzulassen.

 

Lucas Curstädt: Denis Villeneuve – Kino der Antagonismen. Büchner, Marburg 2026, 170 S., 25 €.

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