Na Hong-Jin: Krawall und Existenzialismus
Am Set von »Hope« (2026). © Alex Hong
Wenn Stehaufmännchen auf Verfolgungsjagd gehen: Alexandra Seitz über das rasante und gewaltvolle Werk des südkoreanischen Filmemachers Na Hong-jin und seine Position im zeitgenössischen koreanischen Kino
Zwei Hochgeschwindigkeitsthrillerkrimis, ein Horrorfilm randvoll mit dämonischer Besessenheit, eine Alien-Invasions-Initialzündung. Das Werk des südkoreanischen Drehbuchautors, Regisseurs und Produzenten Na Hong-jin ist schmal, überschaubar. Aber gewaltig, auch in seiner Gewalttätigkeit.
Die Helden, Opfer wie Täter, werden geschlagen, getreten, mit Werkzeugen aller Art bearbeitet, bis zur Erschöpfung gejagt, erniedrigt, beleidigt und gequält. Und dann stehen sie wieder auf und machen weiter. So lange, bis sie dann eben nicht mehr aufstehen und das Publikum im Sessel vor der Leinwand gleichfalls nicht mehr kann. Denn das ist spürbar keine Comicgewalt, die da ausgeübt wird, das ist keine lustige Saloonschlägerei, bei der niemand zu Schaden kommt, das ist existenzieller Kampf ums Überleben, ist Wut, die sich angestaut hat und endlich ein Ventil findet, ist verzweifeltes Aufbäumen wider die Pfeil' und Schleudern des wütenden Geschicks. Es geht um alles, und daher wird alles gegeben.
Dass koreanische Filmfiguren hart im Nehmen (und selbstverständlich auch Austeilen) sind, weiß man spätestens, seit Oh Dae-su (Choi Min-sik) in »Old Boy« (Park Chan-wook, 2003) sich mit einem Hammer einen langen Gang entlang den Weg in die Freiheit erkämpfte; die sich dann allerdings nur als ein weiteres Gefängnis erwies. Doch Na Hong-jins Personal muss noch etwas mehr, noch etwas länger aushalten. Alle seine Filme haben Überlänge. Nachdruck braucht Zeit.
Zu denken ist insbesondere an die Rachetrilogie, mit der erwähnter Park Chan-wook (*1963) seine internationale Karriere begründet und zu der neben »Old Boy« noch »Sympathy for Mr. Vengeance« (2002) und »Lady Vengeance« (2005) zählen. Aber auch Bong Joon-ho (*1969), der später für »Parasite« (2019) die drei großen Oscars erhalten wird, legt mit dem Serienkiller-Provinzkrimi »Memories of Murder« (2003), dem Creature-Feature-Familiendrama »The Host« (2006) und dem Monstermutter-Psychothriller »Mother« (2009) in neun Jahren drei außergewöhnliche und weltweit beachtete Filme vor. Und Kim Jee-woon (*1964) sorgt bereits seit einer Weile mit ausgesucht rücksichtslosen Werken für Aufsehen. Mit der mörderischen Komödie »The Quiet Family« (1998) reüssiert er auf zahlreichen Festivals; sie macht zudem Song Kang-ho berühmt, der zuletzt in Cannes für seine Rolle in Hirokazu Koreedas »Broker« (2022) mit dem Schauspielpreis geehrt wurde. Auf Kims Konto gehen außerdem der beinharte Psycho-Horror-Thriller »A Tale of Two Sisters« (2003), der Genrebastard »The Good, the Bad, the Weird« (2008), ein Rekurs auf den sogenannten »Mandschurischen Western«, sowie die bluttriefende Racheoper »I Saw the Devil« (2010), in der der (neuerlich von Choi Min-sik geschwungene) Hammer noch die harmloseste Waffe ist.
Eine zentrale Rolle spielt der Hammer sodann in Nas »The Chaser«, in dem abgesehen davon drin ist, was draufsteht: Als schon wieder eines der Mädchen verschwindet, die Joong-ho auf den Strich schickt, wird es ihm zu bunt. Da klaut ihm doch jemand die Chicks! Als Ex-Cop stellt er sich auf der Suche nach dem Verantwortlichen, die rasch zur Jagd auf einen Serienkiller wird, gar nicht ungeschickt an. Was man von seinen Ex-Kollegen wiederum nicht behaupten kann, weswegen sich das Unterfangen schließlich in ein schauerliches Katz-und-Maus-Spiel verwandelt. Die physischen Attacken, die Na dabei seine Figuren gegeneinander führen lässt, zielen rasch und unmittelbar in die Magengruben der Zuschauer:innen.
Am anderen Ende des Erregungsspektrums entsteht das Werk von Hong Sang-soo (*1960), der 2008 mit »Night and Day« seinen achten Film vorstellt. Mittlerweile ist er bei Nummer 35 angelangt. Er hat sich den Ruf eines Arthousekino-Großmeisters erarbeitet, der es sich sogar erlauben kann, die Berlinale-Jury zu verspotten, weil sie ihm – 2025, wieder mal – einen Silbernen Bären in die Hand drückt: »I don't know what you see in that movie . . .« Wohingegen Lee Chang-dong (*1954) bloß alle heiligen Zeiten ein Film-Trumm zum südkoreanischen Kino beisteuert. Das dann aber wie ein Monolith in der Landschaft steht und von allen bestaunt wird. 2007 gelingt mit seinem vierten Film, dem tief religiös verwurzelten »Secret Sunshine«, ein Festivalhit, der ihn endlich international unübersehbar macht. Den geweckten Erwartungen wird er 2018 mit »Burning«, einem weiteren Rätselmeilenstein, mehr als nur gerecht, ebenso mit seinem jüngst in Venedig ausgezeichneten »Possible Love«.
In der Krawallo-Ecke, in der Na die existenziellen Fragen stellt, folgt unterdessen auf »The Chaser« mit »The Yellow Sea« (2010) ein Film, der die Düsternis zur Finsternis vertieft und einmal mehr weder den Figuren noch dem Publikum eine Verschnaufpause gönnt. Und wieder wird deutlich, dass der Filmemacher, der auch diesmal ein eigenes Drehbuch inszeniert, weder von der Polizei als einer der Gesellschaft dienenden Ordnungsmacht noch von guten oder gar glücklichen Ausgängen sonderlich viel hält. Keinesfalls zu vernachlässigen ist zudem die Bedeutsamkeit der jeweiligen Schauplätze.
In »The Chaser« ist es ein unübersichtliches Quartier am steilen Hang – Mangwon-dong in Seouls Mapo-Distrikt –, in dessen engen, verwinkelten Sträßchen und Gässchen und inmitten eines unablässigen Auf und Ab Täter, Opfer, Jäger gefangen sind wie in einem Labyrinth. Zur unheimlichen Wirkung trägt das Wissen bei, dass es eben jene Gegend war, in der der sogenannte »Raincoat Killer« (dessen Verbrechen den Stoff für den Film lieferten) mordete und 2004 endlich verhaftet wurde. Die Tragödie von »The Yellow Sea« nimmt hingegen ihren Anfang in Yanji, einer kreisfreien Stadt des »Autonomen Bezirks Yanbian der Koreaner« in der an der Grenze zu Nordkorea gelegenen chinesischen Provinz Jilin. Diese Gegend bringt ihren ganz eigenen ethnischen Einschlag mit sich. Hier wird Gu-nam von Myun Jung-hak angeheuert, einen Mordauftrag in einer südkoreanischen Großstadt durchzuführen. Gu-nam plagen nämlich Spielschulden, da er Liebeskummer hat, weil seine Frau, die nach Südkorea ging, um Geld zu verdienen, schon sehr, sehr lange nichts mehr von sich hat vernehmen lassen. Mit dem Rücken an der Wand und zwischen Eifersucht und Sorge hin- und hergerissen geht es für Gu-nam nun nur noch vorwärts in den Abgrund. Unterwegs ist er allerdings nicht allein. Die ganze Geschichte ist sehr verwickelt, um nicht zu sagen unübersichtlich, und auch dies ist eine Gemeinsamkeit der Arbeiten Na Hong-jins: ihr Faible für Verästelungen, Abschweifungen, Hintergrundinformationen, Bonusmaterial, überraschende Perspektivwechsel; gern en passant eingeworfen in ein mit hoher Geschwindigkeit voranpreschendes Narrativ.
In seinem folgenden Film allerdings, »The Wailing« (2016), schaltet Na einen Gang zurück. In Sachen Tempo, nicht hinsichtlich Komplexität. »The Wailing« ist ein ungewöhnlich grauenerregendes Werk, das eine böse spirituelle Kraft faktisch in eine ländliche Gemeinschaft herniederfahren lässt und nüchtern interessierten Blicks den entstehenden hilflosen Tumult unter den menschlichen Spielbällen aufzeichnet: In der ländlichen Region rund um den Ort Goksung beginnt die Gerüchteküche zu brodeln, als sich kurz nach der Ankunft eines Fremden unerklärliche Todesfälle häufen. Die einen munkeln von giftigen Pilzen, die anderen sehen dämonische Mächte am Werk. Dorfpolizist Jong-gu – in Sachen unerbittlicher Gegenwehr auf verlorenem Posten ein Vorgänger von Bum-seok, der es im aktuellen »Hope« mit nicht minder Grauenhaftem zu tun bekommt – ermittelt im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten ebenso wacker wie tapfer. Angesichts des immer weiter um sich greifenden Schreckens sieht er sich jedoch alsbald nicht nur überfordert, sondern sogar selbst direkt bedroht. Was sich also abspielt, ist ein metaphysisch-religiöser Großkampf, in dem die koreanische Tradition des Schamanismus auf japanische animistische Vorstellungen trifft und auch die katholische Kirche ein Wörtchen mitzureden hat. Allerdings kein tröstliches: »Die Kirche kann nichts für sie tun«, bescheidet ein zurate gezogener Priester und offenbart das Unvermögen eines aufgeklärten Christentums, den hier virulenten, tief in der Volkskultur verwurzelten Ängsten gerecht zu werden. Lediglich die hin und wieder ins Geschehen montierten spektakulären Landschaftstotalen verschaffen kurze Atempausen. Doch während man noch ihre Schönheit bestaunt, erweist sich diese Landschaft schon als trügerischer Rahmen, innerhalb dessen wild die Genres schillern.
Geradezu idyllisch sieht es eigentlich auch in und um das – allerdings im Grenzgebiet zu Nordkorea gelegene und daher wahrscheinlich etwas abgehängte – Hope Harbour aus, Handlungsort von Nas derzeit ungeheuer erfolgreichem Monster-Science-Fiction-Action-Kracher. Zwischen Meer und Wald, inmitten von Wiesen und Feldern liegt dieser Küstenort, in dem jeder jeden kennt und das Leben im Allgemeinen eher gemächlich vonstattengeht. Bis ein zerfetzter Ochse auf der Landstraße liegt und Rätsel aufgibt. Vermutlich das Werk eines Tigers, binden die Jäger, die den Ochsen gefunden haben, dem Polizeipostenleiter Bum-seok einen Bären auf. Der macht sich pflichtschuldigst auf den Weg, dies zu verifizieren, und stößt auf eine Spur der Verwüstung. So etwas hat es hier noch nie gegeben! Der brave Ordnungshüter traut seinen Augen nicht. Welcher Wahnsinnige steht da im Begriff, das kleine Gemeinwesen, für dessen Wohlergehen er mitverantwortlich ist, in Schutt und Asche zu legen?! Beziehungsweise in Kleinholz zu verwandeln. Denn in so einem Küstenort gibt es natürlich einen Haufen Boots- und Fischereizubehör. Die Straßen sind voll mit Läden, die vom Anker bis zum Angelhaken gefährliches Zeug im Angebot haben – das nun überall herumfliegt und -liegt! Der bestürzende Anblick wirft unmittelbar zwei Fragen auf: Wie groß ist dieser Tiger? Und warum ist er so wütend? Kopfschüttelnd und schlimme Verwünschungen ausstoßend heftet Bum-seok sich an seine Fersen, denn das kann er nicht auf sich sitzen lassen.
In »Hope« kommt tatsächlich überwiegend richtig schweres Gerät zum Einsatz. Gegen dergleichen Zerstörungswerk lässt sich mit einem Hammer, einem Stück Stahlrohr, einer Heugabel oder einem Küchenmesser so gut wie nichts ausrichten. Also holen alle ihre gebunkerten Waffen aus dem Keller – wir erinnern uns, die Nähe zu Nordkorea legt den jederzeitigen Verteidigungsfall nahe – und schwuppdiwupp sind schon die Milizen der Veteranen aus dem Untergrund aufgetaucht. Lastwagen voller bewaffneter, ältlicher Leutchen, die genau wissen, was sie zu tun haben, brettern die Straßen entlang, um dem Ungetüm den Garaus zu machen. Es handelt sich im Übrigen, so viel sei verraten, nicht um einen Tiger.
Wenig verwunderlich und wie alle bisherigen Filme Nas fällt auch dieser durch den Bechdel-Test, dafür hat aber Polizeiwachtmeisterin Sung-ae die größte Knarre. Und sie weiß mit ihr umzugehen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen die einen. Die anderen halten es mit Dante: »Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren.« Dazwischen bewegt sich Na Hong-jin mit seinen unnachgiebigen Filmen, in denen nicht nur die Figuren zahllosen Belastungsproben unterworfen werden, sondern auch die Genreregeln selbst. Na treibt das Geschehen auf die Spitze, geht aufs Ganze und bis ans Äußerste und findet im Darüberhinaus so spektakuläre Schauwerte wie tiefe Erkenntnis. Und er bleibt immer – das kann man unter den gegebenen Umständen durchaus erstaunlich finden – empathisch mit seinen Figuren und respektvoll gegenüber ihren Nöten.





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