Kritik zu Wer weiß schon, was ein Leben ist?
Eigenwillige Doku-Fiktion über das Leben der Malerin Paula Modersohn-Becker als feministisches Manifest.
Zu Beginn ist da eine junge Frau bei einem Vorsprechen. Sie erklärt, warum gerade sie für die Rolle prädestiniert ist. Katharina Stark ist diese Schauspielerin und sie spricht für die Rolle der Paula Modersohn-Becker vor. Es ist der Beginn einer Dokumentation über die Recherche und Vorbereitung für ein Biopic, das es so nie geben wird. Denn die beiden Regisseurinnen Annelie Boroș und Vera Brückner begeben sich mit ihrer Hauptdarstellerin auf die Suche nach dieser Künstlerin – in einem ungewöhnlichen, eigenwilligen Mix aus Dokumentation und Fiktion, in dem Zeitebenen und Figuren verschwimmen. Es ist kein simples Nacherzählen oder klassisches Reenactment, sondern eine Annäherung an eine Künstlerin, von der es zwar viele Werke sowie Briefe und Tagebücher gibt, die mit ihrem Mut und ihrem Drang nach Freiheit aber bis heute Projektionsfläche und Raum für Interpretationen bietet.
Eher zufällig kam Modersohn-Becker, 1876 in Dresden geboren, mit der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen in Kontakt. Dort traf sie die Bildhauerin Clara Westhoff, später Rilke (Dominique Devenport), den Maler und ihren späteren Ehemann Otto Modersohn (Enno Trebs) und den Lyriker Rainer Maria Rilke (Merlin Rose). Auch in den Beziehungen Paulas zu den drei nähern sich die Regisseurinnen dieser Künstlerin, die für ihre damals neuartige Darstellung von Mutterschaft, Frausein, Kindheit und Nacktheit bekannt wurde.
»Wer weiß schon, was ein Leben ist?« folgt der Schauspielerin, wie sie sich akribisch auf die Rolle vorbereitet, lässt sie Worpswede erkunden, Malkurse besuchen, nach Paris fahren. Mal agiert Stark als Schauspielerin in der Gegenwart, mal scheint sie mit der Figur zu verschmelzen. Reale Bilder legen sich über die Werke Modersohn-Beckers, manchmal etwas plump anmutende Animationen verwischen die Ebenen. Zwischendurch laufen Nachrichtenschlagzeilen über die Leinwand, die mal den Entstehungsprozess des Films, mal das Leben Modersohn-Beckers dokumentieren. Dann kommen Expertinnen zu Wort: Die französische Schriftstellerin Marie Darrieussecq rezitiert inmitten eines Blumenarrangements aus ihrer Biografie »Hiersein ist herrlich: Das Leben der Paula Modersohn-Becker«, die amerikanische Kunsthistorikerin Diane Radycki berichtet, wie sie Modersohn-Becker ins Museum of Modern Art in New York brachte, die Leiterin des Barkenhoff in Worpswede, Beate Arnold, gibt Einschätzungen. Es sind überwiegend Frauen, die Modersohn-Becker zu einer neuen Sichtbarkeit verholfen haben.
Das Verschmelzen der Schauspielenden mit ihren Figuren, die künstlerischen Kniffe, die manchmal aufdringlich emotionale Musik wirken etwas manieriert. Es bedarf einiger Zeit, um sich in dieser Erzählung zurechtzufinden. Dann aber eröffnet sich ein unkonventionelles Porträt einer unkonventionellen Künstlerin, die 1907 mit nur 31 Jahren starb, 18 Tage nach der Geburt ihrer Tochter. In diesem Jahr erinnern Worpswede, zahlreiche Museen und dieser ungewöhnliche Film an ihren Geburtstag vor 150 Jahren.





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