»Backrooms«: Horror im Hinterzimmer

Kane Parsons, Chiwetel Ejiofor am Set von »Backrooms« (2026). © Asterios Moutsokapas

Kane Parsons, Chiwetel Ejiofor am Set von »Backrooms« (2026). © Asterios Moutsokapas

Basierend auf einer seit 2019 im Internet kursierenden Gruselgeschichte kreierte Kane Parsons als Teenager 2022 den Kurzfilm »The Backrooms«, den er zu einer Webserie entwickelte. Auf der wiederum basiert sein jetzt im Kino startendes Langfilmdebüt »Backrooms«

Als Kane Parsons am 7. Januar 2022 sein Video »The Backrooms (Found Footage)« auf YouTube hochlud, konnte der damals erst 16-Jährige kaum ahnen, welche Wellen es schlagen würde. Der enorme Zuspruch für den Kurzfilm führte nicht nur direkt zu einer begleitenden Webserie, sondern schließlich auch zu Parsons' Langfilmdebüt »Backrooms«, das die Ereignisse aus Film und Serie erneut aufgreift – produziert von den Tastemakern der Produktionsfirma A24.

Parsons' Kurzfilm spielt Anfang der 1990er Jahre und beginnt mit einer Gruppe Jugendlicher, die gerade einen semiprofessionellen Film dreht. Als der Kameramann einen Schritt nach hinten macht, sinkt er plötzlich im Asphalt ein und findet sich in einem Labyrinth aus muffigen Gängen wieder. Die vergilbt-gelben Räume erinnern an trostlose Büroflure und lösen Assoziationen von Aktenordnern, Kopiergeräten und kaltem Kaffee aus. Doch das ist noch harmlos im Vergleich zu dem, was den Kameramann tatsächlich erwartet. Aus der Egoperspektive gefilmt, folgt der Film einem Protagonisten, der schnell erkennt, dass er nicht allein ist – und dass das Wesen, das durch die Gänge schlurft, ihm alles andere als wohlgesonnen ist. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben. Raum reiht sich an Raum, Gang an Gang.

Obwohl der Film nur knapp zehn Minuten dauert, gelingt es Parsons in kürzester Zeit, eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Ähnlich wie in »The Blair Witch Project« entsteht die Bedrohung vor allem aus dem Gefühl, auf eine Art verlorenes Videodokument gestoßen zu sein. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den authentischen Heimkamera-Look der 1990er Jahre, inklusive Bildrauschen, Displayanzeigen und dem angestrengten Atmen des Protagonisten. Gemeinsam mit dem permanenten Gefühl, verfolgt zu werden, entwickelt der Film eine bemerkenswerte Sogwirkung.

Parsons' Film basiert auf einer sogenannten Creepypasta – digitalen Gruselgeschichten, die sich wie moderne Lagerfeuererzählungen im Internet verbreiten. Die Ursprünge der Backrooms reichen auf einen Beitrag im Imageboard 4chan vom Mai 2019 zurück. Nachdem ein anonymer Nutzer nach »beunruhigenden Bildern, die sich falsch anfühlen«, gefragt hatte, wurde erstmals das mittlerweile ikonische Bild eines gelb-grünlichen Flurs gepostet. Schnell entwickelte der Beitrag ein Eigenleben. In kollektiver Autorenschaft entstand eine Mythologie aus endlosen gelben Räumen, dem Summen von Leuchtstoffröhren und dem Geruch nassen Teppichs. Betreten könne man diese Welt nur an bestimmten Stellen, an denen die Grenzen zwischen Realität und Backrooms durchlässig werden – man »noclippt« aus der Wirklichkeit hinaus, so wie Parsons' Kameramann im Kurzfilm.

Als Parsons 2022 seinen Film veröffentlichte, hatte sich bereits eine aktive Backrooms-Community gebildet – ohne dass ihm das wirklich bewusst gewesen wäre. Nach mehreren Fan-Animationsfilmen zu »Attack on Titan« suchte er schlicht nach einem neuen Projekt. Produziert wurde alles aus seinem Kinderzimmer heraus, mit frei verfügbaren Programmen wie Blender und Adobe After Effects. Entsprechend gab es zunächst auch Kritik aus Teilen der Fangemeinde, die Parsons' Interpretation für »falsch« hielten. Inzwischen gilt seine Version jedoch als fester und geliebter Bestandteil des Mythos. Wahrscheinlich auch deshalb, weil klar geworden ist, wie außergewöhnlich dieser Erfolg eigentlich ist: Während andere Creepypastas wie »Slender Man« oder »The Rake« höchstens mittelmäßige Horrorverfilmungen hervorbrachten, wurde »Backrooms« nun von einem der derzeit angesagtesten Studios überhaupt mit Darsteller:innen wie Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve fürs Kino adaptiert.

Dass Parsons weit mehr ist als nur ein YouTube-Phänomen, zeigt auch die bereits erwähnte Webserie. In bislang 18 Episoden und mehreren Zusatzvideos erzählt sie von der fiktiven Forschungseinrichtung Async Research Facility, die Ende der 1980er Jahre mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers sämtliche Wohnraum- und Stauprobleme der Menschheit lösen will. Unter dem Projektnamen KV31 gelingt es den Forscher:innen, einen dauerhaften Zugang zu den Backrooms zu öffnen. Doch schnell zeigt sich, dass sie dieser fremdartigen Welt nicht gewachsen sind. Menschen tauchen plötzlich in den Backrooms auf, Angestellte verschwinden während Expeditionen, es kommt zu Zeitverschiebungen, und im Inneren der Räume scheinen Wesen zu lauern, die menschliche Stimmen imitieren, um neue Opfer anzulocken.

Was auf dem Papier noch irgendwie nach Handlung klingt, präsentiert Parsons als radikales Found-Footage-Mosaik. Verrauschte Videoaufnahmen, Erklärvideos, Archivmaterial und Spielszenen verschmelzen zu einem Sammelsurium unterschiedlichster Medienfragmente. Gerade dadurch gelingt es der Serie, einen zentralen Aspekt des Backrooms-Phänomens auf das Publikum zu übertragen: permanente Ungewissheit. So wie die Figuren nie wissen, was hinter der nächsten Ecke lauert, weiß man auch als Zuschauer:in nie, was einen in der nächsten Folge erwartet. Gleichzeitig erweist sich Parsons als bemerkenswert präziser Storyteller, der immer wieder kleine Details einstreut, die erst später aufgegriffen werden. Dadurch lädt die Serie permanent zum Miträtseln ein, ohne ihre Geheimnisse jemals vollständig preiszugeben.

Untrennbar mit alldem verbunden ist das Phänomen der liminal spaces, der liminalen Räume. Aus der Ethnologie stammend, beschreibt der Begriff in seiner ursprünglichen Bedeutung Übergangsphasen innerhalb sozialer Ordnungen – etwa den Schwebezustand der Adoleszenz zwischen Kindheit und Erwachsensein. Übertragen auf die physische Welt bezeichnen liminale Räume Orte des Übergangs wie Hotelflure, Treppenhäuser oder Fahrstühle – funktional, anonym und seltsam unheimlich.

Das Kino kennt solche Räume schon lange. Stanley Kubricks »The Shining« etwa verwandelt die endlosen Korridore des Overlook Hotels in einen Ort permanenter Bedrohung. Während David Lynch mit dem verwinkelten Haus des Protagonisten in »Lost Highway« (der Highway ist selbst so ein liminaler Raum) und der Black Lodge aus »Twin Peaks« Räume zeigt, in denen Realität und Traumzustand, Diesseits und Jenseits ineinander übergehen. Zu einem kulturellen Phänomen wurden liminale Räume jedoch erst durch das Internet und Videospiele. Spiele wie »NaissanceE«, »The Stanley Parable« oder später »Pools« machten das ziellose Umherirren durch menschenleere Übergangsräume selbst zum Spielerlebnis. Mit Serien und Filmen wie »Severance«, »Stranger Things«, »Skinamarink« oder »I Saw the TV Glow« ist diese Ästhetik inzwischen auch wieder verstärkt im Kino und Fernsehen angekommen.

Warum diese Räume so unheimlich wirken, lässt sich vielleicht am besten mit Sigmund Freuds Begriff des Unheimlichen erklären. Für Freud verbindet sich im Unheimlichen das Heimische mit dem Fremden. Das Unheimliche entstehe dort, wo sich Vertrautes und Fremdes überlagern – wo etwas bekannt erscheint, aber trotzdem »falsch« wirkt. Genau daraus beziehen die Backrooms ihren Schrecken. Parsons verstärkt dieses Gefühl durch Alltagsgegenstände an absurden Orten: Straßenschilder auf Teppichböden, scheinbar wahllos platzierte Sofas oder eine Vielzahl von Exitschildern an einem Ort, an dem es offensichtlich keinen Ausgang gibt. Das Gewöhnliche gerät aus der Ordnung.

Der Kulturwissenschaftler Mark Fisher beschrieb die Gegenwart einmal als eine Zeit, in der sich viele Menschen eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen können. Kunst werde dadurch zunehmend von Geisterbildern der Vergangenheit heimgesucht – von den »verlorenen Zukünften« unserer Zeit, also von jenen Zukunftsvorstellungen der Moderne, die einmal real möglich schienen, aber nie eingetreten sind. Fisher erlebte die Backrooms nicht mehr; er nahm sich 2017 das Leben. Doch vieles spricht dafür, dass er in ihnen ein Symptom der Gegenwart gesehen hätte: den Ausdruck einer Generation, die geprägt ist von Isolation, Krisen und dem diffusen Gefühl, dass mit der Welt etwas nicht stimmt, einer Art Negativnostalgie. Parsons scheint gerade dabei zu sein, dafür eine der prägendsten Bildsprachen des zeitgenössischen Horrorfilms zu entwickeln.

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