Cannes: Halbzeit
Viel wurde schon im Vorfeld der 79. Internationalen Filmfestspiele lamentiert, dass Hollywood in diesem Jahr einen Bogen mache um die Croisette, und tatsächlich kann man zur Halbzeit des Festivals festhalten: Die Abwesenheit des US-amerikanischen Mainstreams macht sich durchaus bemerkbar. Einen großen Event-Film, den jeder gesehen haben will, vermisst man durchaus, und auch die riesigen Werbe-Plakate der großen Studios fehlen, die sonst an den Fassaden der Luxus-Hotels hingen. Jetzt hat auch noch Barbra Streisand abgesagt! Die Oscar-Gewinnerin sollte bei der Abschlussgala eine Ehrenpalme bekommen, darf nun aber auf ärztliches Anraten nach einer Knieoperation nicht reisen.
Stars sind trotzdem präsent in Cannes, auch im Wettbewerb um die Goldene Palme. »Paper Tiger« von James Gray, prominent besetzt mit Adam Driver, Scarlett Johansson und Miles Teller, dürfte sich auf letztere allerdings wenig Chancen ausrechnen. Die Geschichte von Aufstiegsträumen und Loyalität über zwei Brüder im New York der 80er Jahre, die der russischen Mafia in die Quere kommen, erwies sich als eher durchschnittlich spannende Mischung aus Gangsterthriller und Familiendrama.
»Vaterland« vom polnischen Regisseur Paweł Pawlikowski, der wahre Begebenheiten verdichtet und kombiniert, um von der ersten Deutschland-Reise Thomas Manns (Hanns Zischler) nach dem Zweiten Weltkrieg in Begleitung seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) zu erzählen, zählt dagegen auch Tage nach seiner Weltpremiere noch zu den großen Favoriten. Auf den Spuren Goethes fahren die beiden von Frankfurt am Main nach Weimar, überschattet von der Nachricht, dass Klaus Mann sich das Leben genommen hat. Die Genauigkeit und Klarsichtigkeit, mit denen Pawlikowski über den kurzen Zeitraum der Handlung ein Bild nicht nur von den komplexen Verhältnissen in der Familie Mann, sondern auch von Deutschland am Neuanfang, von Heimatgefühlen, der Kraft der Kunst und den Schwierigkeiten der Aussöhnung erzählt, machen diesen ebenso strengen wie schönen Schwarzweiß-Film zu einem Ereignis. Genauso wie einmal mehr die große Schauspielkunst der Sandra Hüller.
Auch das französische Kino fährt im diesjährigen Cannes-Wettbewerb famose Schauspielerinnen auf. Sowohl »La vie d'une femme« von Charline Bourgeois-Tacquet als auch »Garance« von Jeanne Harry – beides Regisseurinnen, die erstmals um die Palme konkurrieren – leben von Hauptdarstellerinnen, die diese vermeintlich eher kleinen, im Privaten angesiedelten Geschichten zum Ereignis machen. In ersterem spielt Léa Drucker eine Chirurgin, die zwischen Ehrgeiz im Beruf und Routine in der Ehe durch die Begegnung mit einer Schriftstellerin ein paar Lebensentscheidungen zu hinterfragen beginnt. Und in letzterem brilliert Adèle Exarchopoulos als wenig erfolgreiche Schauspielerin, die sich ihrem Alkoholismus nicht stellen möchte.
Zu den bislang im Wettbewerb herausstechenden Werken gehören ansonsten zwei Filme, die thematisch und in ihrer Wirkung kaum gegensätzlicher sein könnten. Ryūsuke Hamaguchi hat für »Soudain« erstmals außerhalb seiner japanischen Heimat gedreht und lässt darin die Pariser Altenheim-Leiterin Marie-Lou (Virginie Efira) auf die krebskranke Theaterregisseurin Mari (Tao Okamoto) aus Japan treffen. Innerhalb einer Nacht entwickelt sich zwischen beiden eine derart intensive Beziehung, dass ihre Gespräche über Kunst, Veränderung und Pflege nicht nur die beiden verändern. Denn nach fast dreieinhalb, sehr dialoglastigen Stunden ist man angesichts des Mitgefühls und der Menschlichkeit dieses Films mit Hoffnung erfüllt.
Am anderen Ende des Spektrums steht »Moulin«, einer von mehreren Filmen, die sich bei diesem Festival mit Frankreich im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Der ungarische Regisseur László Nemes erzählt darin von Jean Moulin (Gilles Lellouche), der 1943 den Widerstand leitet und in Lyon in die Hände von Gestapo-Führer Klaus Barbie (Lars Eidinger) gerät. Was als Historiendrama beginnt, verdichtet sich zum Folter-Horror, und selten wünschte man einem Film-Helden so sehr, dass er sterben darf. So viel Wucht, dass man emotional erschlagen das Kino verlässt, hatten in Cannes dieses Jahr bislang noch wenige Filme.




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