Kritik zu Das Los des Fremden
Das mit dem Amnesty-Filmpreis ausgezeichnete Langfilmdebüt behandelt die Schicksale und traumatischen Erfahrungen von Menschen, die während der syrischen Flüchtlingskrise 2015 über das Mittelmeer zu flüchten versuchen
Aleppo, 2015: Während auf den Straßen der Krieg tobt, kämpft in einem Krankenhaus die Kinderradiologin Amira um das Überleben zweier verfeindeter Kombattanten. Noch auf dem Krankenbett will der eine den anderen erschießen und bedroht auch Amira. Zu Hause erwartet die verwitwete Ärztin jedoch eine fröhliche Geburtstagsfeier im Kreise ihrer Familie. Der Vater ist ein bekannter Dichter, im Hintergrund läuft klassische Musik. Dieser Rückzugsort wird durch einen Bombenangriff zerstört. Amira und Tochter Rasha entschließen sich zur Flucht. Mit anderen Flüchtlingen steigen sie an einem türkischen Strand in ein Boot, das sie ins rettende Griechenland bringen soll.
Regisseur und Aktivist Brandt Andersen ist ein Multitalent. Neben seinem langjährigen Engagement für Flüchtlinge hat er Karriere als Techmillionär, NBA-Team-Besitzer und Filmproduzent gemacht. In diesem Langfilmdebüt baut er seinen Kurzfilm »Refugee« zu einer Saga über den Leidensweg der Opfer der syrischen Flüchtlingskrise von 2015 aus. Amira bestimmt auch die Rahmenhandlung im Jahr 2023 in Chicago. So wird die Geschichte der Ärztin zur Klammer eines Fluchtdramas, das in fünf miteinander verschränkten Episoden die Schicksale von Erwachsenen und Kindern erzählt.
Filmisch besticht dieses von einem Shakespeare-Gedicht eingeleitete und in Jordanien gedrehte Panorama vor allem durch unter die Haut gehende Actionszenen: etwa die Bombenangriffe auf Aleppo oder die lebensgefährliche Flucht im Kofferraum eines Autos. Das Grauen auf dem Mittelmeer, wo 28 Menschen in einem Schlauchboot um ihr Leben kämpfen, ist der dramatische Höhepunkt des Films. Sobald ein Boot der griechischen Küstenwache in Sicht sei, so hat der Schlepper Marwan den Familienvater Fathi unterwiesen, solle dieser das Schlauchboot zerstören, um gerettet zu werden.
Marwans Skrupellosigkeit wird konterkariert durch seinen liebevollen Umgang mit seinem kranken Sohn. Andersen bemüht sich, Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden, etwa auch im Porträt eines Soldaten, der hin- und hergerissen ist zwischen der Loyalität zu seinem Vater und der zum menschenverachtenden Assad-Regime. Der griechische Kapitän der Küstenwache wiederum, der Tag und Nacht Flüchtlinge rettet, sorgt sich auch, weil er seinen eigenen kleinen Sohn vernachlässigt.
Der Film, auf der Berlinale 2024 mit dem Amnesty-International-Preis ausgezeichnet, ist vorrangig ein Appell an Mitmenschlichkeit. Mit dem Fokus auf Eltern und Kinder ist das von wahren Geschichten inspirierte Drama eine Gegenerzählung zu dem Klischee, dass Flüchtlinge überwiegend junge Männer seien. Im Sinne dieser Mission wirkt Andersens Inszenierung in ihrer Emotionalität und gesäumt von Cliffhangern und bedeutungsheischenden Details gelegentlich dick aufgetragen und allzu kalkuliert. Aus der prominenten Besetzung – meist in den USA und Griechenland bekannte Gesichter – ragt der Franzose Omar Sy hervor. Sein Charisma überstrahlt manch unterkomplexen Handlungsstrang.




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