19. Lichter Filmfest Frankfurt
»Ensemble Modern – Why We Play« (2026). © Arsenal
Ein buntes Filmprogramm mit Highlights des aktuellen und vergangenen Festivaljahres, dazu der Kongress Zukunft Deutscher Film: Das Lichter Filmfest bot erneut eine vielfältige Auseinandersetzung mit dem Medium Film
Film und Kunst: das ist nicht immer ein einfaches Verhältnis. Oftmals ergeben sich Konflikte aus dem künstlerischen Anspruch und der Notwendigkeit, sich auf einem Massenmarkt zu bewähren. Das Lichter Filmfest hat in seiner 19. Ausgabe Kunst als Leitthema formuliert. Zum Auftakt des Kongresses Zukunft Deutscher Film diskutierten Rüdiger Suchsland und Dominik Graf darüber, was den Film als Kunstform ausmacht. Graf betonte, dass Film immer auch ein technisches Handwerk sei, das man beherrschen müsse, um die künstlerischen Ideen, die man im Kopf hat, in Bilder umsetzen zu können. Es sei ihm beispielsweise in den Anfangsjahren schwergefallen, drei Personen gleichzeitig in einem Bild zu inszenieren. Das richtige Gefühl dafür sei durch »Learning by Doing« entstanden – und dazu habe auch so manche möglicherweise weniger künstlerisch anspruchsvolle Produktion beigetragen.
Als weiteren wichtigen Aspekt bei der Kunstform Film nannte Graf die Beziehung zur äußeren Wirklichkeit, auf den Spuren des Filmtheoretikers Siegfried Kracauer. Für Graf stellt sich immer die Frage, welche Wirklichkeit man als Regisseur gut erzählen könne. Für ihn habe sich da eben die Welt des Polizeifilms herausgebildet. Als Verfechter von Realismus sei er nach wie vor ein Anhänger des analogen Filmmaterials, zentral sei für ihn zudem die Arbeit mit den Schauspielern (zu diesem Thema ist letztes Jahr auch Dominik Grafs Buch »Sein oder Spielen« erschienen). Viel Wert legt Graf auf natürliches Sprechen – gerade für Theater-Schauspieler sei das manchmal eine Herausforderung – und gründliche Vorbereitung des Drehs. Der Erzeugung von Realismus und damit dem künstlerischen Prozess im Wege stünden hingegen die abnehmenden Drehtage, wodurch auch die Schauspieler gehetzter und dadurch unnatürlicher spielen würden.
Wie radikal und künstlerisch anspruchsvoll das deutsche Kino angesichts von wenig Geld und komplizierten Förderbedingungen sein kann, war Thema eines weiteren Panels, unter anderem mit der Schauspielerin und Regisseurin Saralisa Volm (»Schweigend steht der Wald«, »Bis zur Wahrheit«) und Regisseur und Produzent Cornelius Schwalm, der mit seinem Film »Bernd – Operation Germanenkind« in der Programmreihe Zukunft Deutscher Film vertreten war. Interessant war dabei auch der Dialog mit dem Publikum, zu dem viele Studentinnen und Studenten aus dem Filmbereich gehörten. Ein Student berichtete, dass er gerne einen Actionfilm drehen wolle und sich frage, wie er so ein Projekt finanzieren könne. Man müsse hartnäckig bleiben und schauen, inwiefern man eine Idee reduzieren kann, um daraus vielleicht auch mit wenig Mitteln einen Film zu machen, war die Antwort von Volm. Das verdeutlicht ein Stück weit das Dilemma des deutschen Films. Denn egal ob der Max-Ophüls-Preis-Gewinner »Gropiusstadt Supernova«, das sensible Drama »Sechswochenamt« oder eben die provokante Komödie »Bernd – Operation Germanenkind«, es gab im Lichter-Programm genügend Beispiele, wie mit wenig bis gar keinem Budget kreative Filme entstehen können. Der erträumte Actionfilm wird im klassischen Sinne aber wohl schwierig zu realisieren sein. Das sind bedauerliche Grenzen, mit denen sich deutsche Filmschaffende arrangieren müssen.
Welche Art von Kunst entsteht, ist eine Sache, welche Aufmerksamkeit sie bekommt, eine andere. Entsprechend ging es in einem Panel des Kongresses auch um die Kulturberichterstattung in den öffentlichen Medien. Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, berichtete, dass gerade kleinere Institutionen kaum noch Berücksichtigung in klassischen Printmedien und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk fänden. Zugleich erreiche man das Publikum dort teilweise auch gar nicht mehr, da sich gerade jüngere Menschen nur noch über die sozialen Medien informierten. Diesen Trend bestätigte auch Festivalleiter Gregor Maria Schubert. Für das Lichter Filmfest gebe es mittlerweile ein großes Kommunikationsteam, um Texte, Bilder und Videos für die unterschiedlichen Kanäle zu erstellen. Somit vermischen sich zunehmend journalistische Inhalte und PR-Arbeit. Wie aber kann man dafür sorgen, dass auch kritischer Journalismus weiterhin seinen Platz findet? Eine klare Antwort darauf gab es nicht.
Im internationalen Filmprogramm fand sich das Leitthema Kunst unterdessen auf ganz unterschiedliche Weise wieder. Es gab etwa das Musiker-Biopic »Everybody Digs Bill Evans«, Ali Asgaris absurde wie unterhaltsame Satire »Divine Comedy« über einen Filmemacher, der in Teheran seinen aktuellen Film nicht zeigen darf, oder Bi Gans visuell wie narrativ überbordenden »Resurrection«, der auf vielfältige Weise die Filmgeschichte zitiert und reflektiert. Man kann das Thema Kunst aber auch ganz anders ansetzen: In der belgischen Komödie »Vitrival« gerät eine Dorfidylle unter Druck, als immer wieder obszöne Graffiti auftauchen.
Sehr passend war schließlich die Wahl des Publikums beim Preis für den besten Langfilm. Der Dokumentarfilm »Ensemble Modern – Why We Play«, der am 11. Juni auch im Kino startet, begleitet das Orchester-Kollektiv Ensemble Modern bei Proben, Diskussionen und Aufführungen. Das ist ein spannender Einblick in die Welt der zeitgenössischen Musik mit langen Musikausschnitten und Erläuterungen zu Tönen, Harmonien, Instrumenten und neuen Techniken. Es sind aber auch Auseinandersetzungen, die über die Welt der Musik hinausreichen: Die Musiker:innen sprechen darüber, wie es ist, die Ideen eines Komponisten zum Leben zu erwecken, über künstlerische Handschriften, den existenziellen Drang zu musizieren, sprich: künstlerisch tätig zu werden, oder das Miteinander in einem demokratisch organisierten Kollektiv. Ausgehend von diesen Erläuterungen lassen sich auch Brücken zu anderen Künsten schlagen.




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