Kritik zu Wolves
Die tun nichts, die wollen bloß spielen – oder? In diesem beim diesjährigen Max-Ophüls-Festival mit den Preisen der Jugendjury und der Filmkritik ausgezeichneten Debütfilm verliebt sich eine junge Züricherin in einen Black-Metal-Sänger und droht sich in einer finsteren Parallelwelt zu verirren.
Sie kreischen wie Furien, schwenken ihre Mähnen, das Schlagzeug ballert wie ein Maschinengewehr, das Publikum nickt rhythmisch, wie hypnotisiert. Die gleichzeitig aggressive und betäubende Wirkung von Black Metal, einer der unzähligen Metal-Spielarten, hat etwas von einer schamanischen Trance. Man begreift, weshalb Luana, eine ziellos durchs Leben driftende junge Frau, von diesem wilden Gebaren fasziniert ist. Jede freie Minute verbringt die Züricher Kindergärtnerin bei den Proben der Band WLVS ihres Cousins Domi. Als der neue Leadsänger Wiktor, ein wortkarger Pole mit blonden Haaren und engelhaftem Gesicht, auftaucht, entwickelt Luana plötzlich Initiative. Sie begleitet die Band bei ihrer Tournee, wo sie sich um Merch und Social-Media-Auftritt kümmert. Halb Managerin, halb Groupie, beginnt sie mit Wiktor eine Affäre – und droht in die völkisch angehauchten Untiefen der Subkultur abzudriften. Deren äußere Kennzeichen sind schwarze T-Shirts mit martialischen Botschaften in gotischer Schrift und Runen, Zöpfchen, Bärte und ein Hang zu heidnisch-skandinavischer Schauerromantik. Sind Wotan-Anrufung, Sonnwendfeuer und Wikinger-Raserei lediglich Wochenend-Cosplay für ansonsten gesittete Bausparvertragsmenschen – oder steckt mehr dahinter?
Im Zentrum dieses Regiedebüts steht Luana, der Regisseur Jonas Ulrich einen konfliktträchtigen Hintergrund verleiht. Der in ihrem Leben meist abwesende Vater ist todkrank, doch statt sich damit auseinanderzusetzen, flüchtet Luana in Wiktors finstere Parallelwelt. Die Schweizerin Selma Kopp in ihrer ersten Filmrolle verkörpert diese still rebellierende junge Frau, die beim Fotografieren der Band aufblüht, durchaus glaubwürdig. Doch ihre Geschichte wirkt oft wie ein Vorwand für eine Expedition in den Black-Metal-Underground. Dabei entfaltet Bartosz Bielenia, bekannt geworden als charismatischer falscher Priester im 2020 oscarnominiertem Drama »Corpus Christi«, als »Edgelord« Wiktor erneut den Charme eines irritierend attraktiven Außenseiters.
Eigentlicher Handlungsfaden ist der Flirt mancher Metalheads mit rechtsradikalen Ideologien, wie sie etwa von NSBD (National Socialist Black Metal) vertreten werden. Die politische Auseinandersetzung wird in der Band und via Internet ausgetragen, unwillentlich angefeuert von Luana, deren Clips, samt Wiktors Tattoos, viral gehen. Reale Gigs von Bands wie Amenra, Spirit Adrift, Darkspace und Oathbreaker in authentisch verranzten Orten ergänzen ein lebendiges Szeneporträt. Die fiktive Filmband WLVS ging sogar mit den von dem Basler Musiker Manuel Gagneux von der Band Zeal & Ardor geschriebenen Songs vor den Dreharbeiten auf Tournee. Letztlich bleiben Hinweise auf Rechtsextremismus so unbestimmt, dass sie als provozierende Geste antibürgerlicher Außenseiter durchgehen könnten. Spannend ist dieser Film vor allem als Einblick in eine durch ihre Abwendung von gängigen Normen attraktive Subkultur, wobei offenbleibt, wie viele Fans hier mehr wollen, als nur zum Club der »Die tun nichts, die wollen bloß spielen« zu gehören.




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