Kritik zu Was an Empfindsamkeit bleibt

© Berlinale / Bildersturm Filmproduktion

2026
Original-Titel: 
Was an Empfindsamkeit bleibt
Filmstart in Deutschland: 
14.05.2026
FSK: 
Ohne Angabe

Das autobiografische Dokumentarfilmdebüt verarbeitet einen Mordversuch, den die Regisseurin als Jugendliche knapp überlebte, und erzählt dabei viel über ein System, das Femizide begünstigt.

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»Er sagt, dass er mich jetzt umbringen wird. Ich schreie ihm ins Gesicht, dass er sich ficken soll.« Mit ruhiger Stimme schildert die Regisseurin zu Beginn selbst, wie ein Mitschüler sie 2011 – da sind beide in der 10. Klasse – an einer Bushaltestelle überfällt. Mehrfach sticht er mit einem Messer auf sie ein. Sie erinnert sich, wie warm sich das eigene Blut auf ihrer Haut anfühlt, wie sie um Hilfe ruft und sich, nachdem der Täter geflohen ist, mit letzter Kraft und einem kollabierten Lungenflügel blutend nach Hause schleppt.

Am Anfang steht die Tat. Von dort aus sucht Daniela Magnani Hüller Menschen auf, die damals involviert waren: die Vertrauenslehrerin, die die Bedrohung nicht erkannt hat. Die Mitschülerin, die vor der Klasse offen thematisierte, dass der Täter sein späteres Opfer im Unterricht monatelang auffällig angestarrt hat. Sie spricht mit der Kriminalkommissarin, die ihren Fall damals bearbeitete, und dem Arzt, der sie nach der Einlieferung ins Krankenhaus behandelte. In diesen Interviews wirkt Magnani Hüller ruhig und gefasst. Sie will keine Entschuldigung, kein Mitleid oder gar Rache, sondern einfach nur verstehen, warum ihr passieren konnte, was sich lange in Drohungen andeutete und doch niemand ernst genug nahm. Ihren Gesprächspartner*innen ist die Betroffenheit viel stärker anzumerken, wenn sie zugeben, die Lage falsch eingeschätzt zu haben oder dass das Rechtssystem Opfer nun mal nicht präventiv schützen kann.

Den echten Tatort oder ihre ehemalige Schule spart Magnani Hüller aus. Sie findet Plätze, die ähnlich aussehen und dadurch exemplarisch wirken. Es sind Orte, die Mädchen und Frauen, die Opfer von Stalking, Missbrauch oder Gewalttaten geworden sind, zu gut kennen: Bushaltestellen im Dunkeln. Ein Schulhof. Ein Klassenraum. Diese ästhetisch wie erzählerisch sachliche Herangehensweise wirkt einerseits distanziert, andererseits wird so sehr deutlich, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Es ist keine »Beziehungstat« und kein »Eifersuchtsdrama«. Das Motiv des Täters spielt keine Rolle. Was die Filmemacherin erlebt hat, ist ein versuchter Femizid. Ein Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist, und ein Verbrechen, wie es in Deutschland laut Bundeslagebild »Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten« vom BKA immer häufiger vorkommt.

Neben diesen Sequenzen gewährt uns die Filmemacherin Einblick in ihre Gefühlswelt. Mit körnigen Camcorderaufnahmen filmt sie die Natur und offenbart in einem Voice­over, was in ihr vorging und was das Erlebte auch heute noch mit ihr macht, wie es sie geprägt hat und sie ihr Leben lang begleiten wird. Die Einstellungen, die diese Gedanken bebildern, sind von einer ephemeren Zartheit. Sie lassen eine Leichtigkeit erahnen, die Magnani Hüller für lange Zeit genommen wurde. Am Ende des Films kehrt sie nach Brasilien zurück, nach Rio de Janeiro, wo sie nach ihrem Schulabschluss gelebt hat. Zum Zuckerhut, den Bars und dem Meer. Dorthin, wo sie das erste Mal wieder ein Gefühl für sich selbst spüren konnte. Ein Happy End ist das trotz allem nicht.

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