Kritik zu Love Me Tender
In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die französische Regisseurin Anna Cazenave Cambet von einer Frau, die sich umorientiert und um ihren Sohn kämpft.
Die spannendsten Filme im französischen Kino kommen schon seit ein paar Jahren ziemlich häufig von Frauen. Auf den Durchbruch von Céline Sciamma folgten die Goldene Palme für Julia Ducournau und der Goldene Löwe für Audrey Diwan, die Oscarnominierung für Coralie Fargeat und erst kürzlich der César für Carine Tardieu. Zuletzt machten obendrein einige Filmemacherinnen mit queeren Stoffen auf sich aufmerksam, Hafsia Herzi etwa mit »Die jüngste Tochter« oder Alice Douard mit ihrem Debütfilm »15 Liebesbeweise«. Und nun sorgt Anna Cazenave Cambet mit ihrem zweiten Langfilm »Love Me Tender« dafür, dass der Trend nicht abreißt.
Auf Basis des gleichnamigen autobiografischen Romans von Constance Debré erzählt die Regisseurin von Clémence (Vicky Krieps). 20 Jahre lang war sie mit ihrem Jugendfreund Laurent (Antoine Reinartz) liiert, doch vor einiger Zeit hat sie sich getrennt. Die Fürsorge für den gemeinsamen Sohn Paul (Viggo Ferreira-Redier) teilt man sich im Wochenwechsel, doch die freundschaftliche Übereinkunft ist nicht von Dauer. Denn Clémence hat nicht nur ihren Mann verlassen, sondern auch den Job als Anwältin an den Nagel gehängt, um sich als Schriftstellerin zu verwirklichen. Und als sie Laurent davon erzählt, dass sie nun Frauen datet und ihre Queerness auslebt, reagiert er in seiner gekränkten Eitelkeit und Eifersucht mit nachtragender Vehemenz.
Erst stachelt der Vater seinen achtjährigen Sohn gegen die Mutter auf, dann kämpft er plötzlich für das alleinige Sorgerecht. Clémences neuer Lebensstil, so die Begründung, stelle eine Bedrohung für den Jungen dar. So sehr sie versucht, die Bemühungen ihres Ex zu bekämpfen, so langsam mahlen die Mühlen von Justiz und Verwaltung. Über ein Jahr lang darf sie ihr Kind gar nicht sehen, dann erst einmal nur unter Aufsicht. Während die Zeit vergeht, Clémences erster Roman erscheint und sie schließlich eine feste Beziehung mit der Journalistin Sarah (Monia Chokri) eingeht, bleibt sie in zwei Dingen stets unerschütterlich: ihrem Beharren auf radikale Selbstbestimmung – und der Liebe zu ihrem Sohn.
Im Einklang mit der in Frankreich sehr gefeierten Vorlage hält sich die Leinwandversion von »Love Me Tender« fern von zu viel Emotionalität und Dramatik. Nicht, dass der Stoff nicht beides hergibt. Doch Cambet orientiert sich für den Tonfall ihrer Erzählung an ihrer Protagonistin, deren schriftstellerische Arbeit den Film als Offkommentar begleitet. Und Clémence, die Kraft und Erdung nicht zuletzt beim Schwimmen findet, hält Distanz zur Sentimentalität, während sie sehenden Auges, zwischen Klarheit, Schmerz und Lebenslust, ihr Desinteresse an heteronormativen Familienvorstellungen und ihre Ablehnung konventioneller Ideen von Mutterschaft auslotet.
Auch um die mühsame Langwierigkeit widerzuspiegeln, die Clémences Kampf um ihren Sohn und ihre hartnäckigen Anstrengungen bedeuten, lässt sich die Regisseurin viel Zeit. Vielleicht etwas zu viel Zeit, denkt man hin und wieder angesichts von deutlich über zwei Stunden Länge, wenn abermals ein Popsong zu hören ist, während die Kamera einfach Vicky Krieps durch Paris, die ländliche Gegend in der Heimat ihres Vaters oder das queere Nachtleben begleitet. Doch Nüchternheit und Ruhe tun »Love Me Tender« gut, gerade im Fokus auf die Hauptdarstellerin. Denn Krieps ist es, die mit ihrer Präsenz, ihrer oft wortlosen Intensität und ihrer Nuanciertheit in Mimik und Gestik den Film zu einem Ereignis macht. Das gesamte Ensemble ist überzeugend, Park Ji-min in einer viel zu kleinen Rolle und Julien de Saint-Jean als Clémences vorübergehender Mitbewohner verdienen besondere Erwähnungen. Aber es ist die längst mühelos zwischen dem englisch- und dem französischsprachigen Weltkino hin und her wandernde Krieps, die sich ihrer Figur wieder mit Haut und Haar verschreibt und sie in jedem einzelnen Moment mit unnachahmlicher Wahrhaftigkeit ausstattet.







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