Kritik zu Roya
Mahnaz Mohammadi schickt eine Frau im berüchtigten Evin-Gefängnis auf eine psychologische Tour de Force, bei der Realität und Wahrnehmung verschwimmen.
Zu Beginn kennen wir den Namen der Frau im Evin-Gefängnis in Teheran nicht, ist sie nur eine Nummer: 2648. Sie wird aus ihrer winzigen Zelle in den Verhörraum gebracht, drangsaliert, angeschrien, getreten. All das sehen wir konsequent aus ihrer subjektiven Sicht. Wir blicken auf ihre Füße, fallen mit ihr hin oder erahnen die Umgebung durch den transparenten Stoff eines Tschadors hindurch. Ihre Sicht einzunehmen, fühlt sich dabei so immersiv an wie ein First-Person-Shooter in einem Videospiel und ist in seiner Intensität und mit all den Geschichten, die wir dazu im Hinterkopf haben, kaum zu ertragen.
Dann plötzlich kommt die Frau frei. Sie heißt Roya und ist Lehrerin, ihr wird vorgeworfen, ihre Schülerinnen dazu ermutigt zu haben, den Hidschab abzulegen. Überwacht durch eine Fußfessel hat sie drei Tage Zeit, sich zu entscheiden, bevor sie wieder ins Gefängnis muss: Gesteht sie, kommt sie angeblich frei. Schweigt sie, drohen ihr Haft, Psychiatrie oder Todesstrafe. Roya taumelt durch die folgenden Tage, ist abwesend, als sie das Grab ihrer ermordeten Schwester besucht, ihren an Demenz erkrankten Vater trifft oder wenn sie allein durch ihre seltsam leere Wohnung streift. Der Druck, sich für oder gegen ein Geständnis zu entscheiden, wächst.
»Roya« ist der zweite Spielfilm der iranischen Regisseurin und Frauenrechtsaktivistin Mahnaz Mohammadi. 2011 wurde sie im Iran festgenommen, war selbst 2014 in Evin inhaftiert. Ihr Pass wurde für zehn Jahre beschlagnahmt, nach ihrem Debüt »Son-Mother« (2019) wurde ihr die Arbeitserlaubnis entzogen. »Roya« entstand ohne Genehmigung des Regimes, wurde teilweise heimlich im Iran und in Georgien gedreht und feierte auf der diesjährigen Berlinale im Panorama Premiere. Der Film ist von Mohammadis Erfahrungen in der Haft inspiriert, erzählt aber nicht ihre Geschichte.
Die Hintergründe von Royas Geschichte bleiben ohnehin vage, und sobald sie aus dem Gefängnis entlassen wird, folgt auch die Handlung keiner linearen Erzählstruktur mehr. Nach der eindringlich rohen Eingangssequenz wechselt der Film so die Tonalität und verwandelt sich in einen Psychothriller, der die Wahrnehmung der Hauptfigur und die der Zuschauenden immer wieder auf die Probe stellt. Roya findet sich plötzlich an einem anderen Ort wieder, ständig schellt das Telefon, Szenen wiederholen sich von anderen Perspektiven aus, und wer ist diese Person, die im Innenhof ständig im Kreis marschiert?
Neben der elegant-unheimlichen Inszenierung, die die visuellen Puzzleteile und Soundfetzen zu Fragmenten einer unzuverlässigen Erzählung sortiert, trägt vor allem Hauptdarstellerin Melisa Sözen zum Gelingen bei. Auf dem Gesicht der türkischen Schauspielerin (bekannt durch Nuri Bilge Ceylans »Winterschlaf«) zeichnen sich Schmerz, Verzweiflung, Trauer, aber auch verhärtete Gleichgültigkeit und Trotz ab. Ein eindringliches filmisches wie psychologisches Kunstwerk, das doch in keiner Sekunde vergessen lässt, was Abertausende Menschen im Iran tagtäglich in der Realität erleiden.







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