Interview: Akinola Davies Jr. über »My Father's Shadow«

Akinola Davies Jr. am Set von »My Fathers Shadow« (2025). © Fatherland Productions

Akinola Davies Jr. am Set von »My Fathers Shadow« (2025). © Fatherland Productions

Mr. Davies, Sie wurden in London geboren, aber Ihr Debütfilm »My Father's Shadow« ist in gewisser Weise auch eine Liebeserklärung an Nigeria. Was bedeutet Ihnen die Heimat Ihrer Eltern?

Akinola Davies Jr.: Ich war zwei, fast drei Jahre alt, als sie von London wieder nach Lagos zogen. Und erst als Teenager ging es zurück nach Großbritannien. Die prägenden Jahre meiner Kindheit habe ich also komplett in Nigeria verbracht. Und auch später waren wir dann in jeden Weihnachtsferien und oft auch im Sommer dort. Deswegen würde ich ohne Frage Nigeria als meine spirituelle und seelische Heimat bezeichnen. Wenn ich dort lande und in Lagos aus dem Flughafen trete, überkommt mich ein Gefühl, das ich kaum in Worte fassen kann, aber sonst noch nie irgendwo gespürt habe. Großbritannien ist eher meine berufliche Heimat, und ein Ort, den ich mit meinem Leben als Erwachsener verbinde. Beide diese Welten sind aber eng miteinander verknüpft und Teil meiner Geschichte. Und dass ich das so sagen kann, empfinde ich als großes Privileg.

Sie haben lange in der Musik- und Modewelt gearbeitet, fotografiert, Videoclips produziert, Partys veranstaltet. Was das Endziel immer, irgendwann einmal einen Spielfilm zu inszenieren?

Lustigerweise konnte ich mir das die längste Zeit eigentlich gar nicht vorstellen. Mein Fokus lag in vieler Hinsicht auf der Musik, und bei einem meiner Events lernte ich Mica Levi kennen, unter anderem Komponist*in des Soundtracks zu »Under the Skin« und in der Filmbranche gut vernetzt. Mica legte zusammen mit einigen Künstler*innen auf, wir freundeten uns an und ich schrieb eine Art Musikfilm, den ich mit Mica umsetzen wollte. Dazu kam es letztlich nicht, aber Mica stellte mich Eva Yates und Rose Garnett bei BBC Film vor, die mir vorschlugen, einen Spielfilm für sie zu machen. Ich war allerdings nicht sofort überzeugt, der Gedanke überforderte mich.

Aber hatten Sie nicht Filmemachen studiert?

Nein, ich war nie an einer Filmhochschule oder so. Ich hatte nur mal einen Workshop belegt, weil ich Editor werden wollte. Daher wusste ich also, wie man eine Kamera bedient und Final Cut benutzt. Das Finden von Bildern oder auch die Montage waren Dinge, die ich mir zutraute. Das Schreiben von Dialogen eher weniger. Musikvideos, Werbespots, kleine verrückte Arbeiten mit Freund*innen – so etwas hatte ich im Sinn, fernab der gängigen Institutionen der Filmbranche. Deswegen lehnte ich bei BBC Film erst einmal ab und beschloss stattdessen, lieber einen Kurzfilm zu drehen. Zum Glück ließen die Produzentinnen mich machen und überzeugten mich davon, dass es auch jenseits meiner Clique Interesse an meinen Geschichten geben könnte.

In »My Father's Shadow« erzählen Sie nun nicht irgendeine Geschichte, sondern eine reichlich autobiografische, inspiriert von Ihrem eigenen Vater. Wie kam es dazu?

Mein Bruder Wale hatte mir vor etlichen Jahren mal ein Drehbuch geschickt, das er geschrieben hatte, lose basierend auf einem Ereignis in unserer Kindheit. Als sich die Chance ergab, mit der BBC einen Kurzfilm zu machen, erinnerte ich mich daran und überzeugte Wale, zusammen mit mir dieses Projekt umzusetzen. »Lizard« kam dann überraschend gut an; ich war ganz erstaunt, welche Lebensdauer dieser Film entwickelte. Für den Langfilm wollte ich unbedingt dieser Blaupause folgen: nicht nur mit Leuten wie Wale zusammenarbeiten, die ich liebe, sondern vor allem eine Geschichte erzählen, die mir wichtig ist und die eine persönliche Bedeutung hat. Für den Fall, dass dies meine einzige Chance sein würde, je einen Langfilm zu drehen, sollte es einer werden, der eine echte Hommage ist. An unsere Kindheit und unseren verstorbenen Vater, aber auch an unsere Mutter, unsere gesamte Familie und eben auch an Lagos beziehungsweise Nigeria. Und ich weiß auch gar nicht, ob ich jemand anderes Geschichte hätte erzählen können, bevor ich nicht meine eigene erzählt hatte.

Die eigene Geschichte zu erzählen, kann zum Drahtseilakt werden, weil man nun einmal persönlich sehr emotional involviert ist…

Deswegen ist es mir auch wichtig, »My Father's Shadow« als semi-autobiografische Geschichte zu bezeichnen. In dem von Sopé Dìrísù gespielten Vater unseren Vater zu erkennen, ist zwar einerseits nachvollziehbar, aber eben doch nicht ganz korrekt. Er ist bei aller Ähnlichkeit doch eine fiktionalisierte Filmfigur. Wir haben trotzdem viel diskutiert, gerade über die Szenen, die ihn nicht im besten Licht dastehen lassen. Würde es unsere Mutter verletzen, ein Techtelmechtel mit einer Kellnerin zu sehen? Am Ende orientieren wir uns immer an ihrem eigenen Ratschlag: solange Eure Geschichte wahrhaftig ist, macht ihr alles richtig. Und weil Wale wirklich ein noch begabterer Drehbuchautor ist, als uns anfangs klar war, ist uns das zum Glück letztlich immer gelungen.

Um zum Schluss noch einmal nach Nigeria zurückzukehren: wie sehr hat sich Lagos seit Ihren Kindertagen eigentlich verändert? War es schwer, die Stadt von damals für den Film wiederauferstehen zu lassen?

Lagos ist eine riesige, weitläufige Metropole, die sich immerzu und unaufhaltsam verändert. Die Extreme dort sind enorm, nicht zuletzt die zwischen Arm und Reich. Und gerade dort, wo das Geld ist, passiert immer unglaublich viel, da erkenne ich die Stadt oft von einem Besuch zum nächsten nicht wieder. Dort wo die Menschen praktisch nichts haben, bleibt dagegen vieles gleich. Das kam uns beim Drehen von »My Father's Shadow« natürlich entgegen. Aber es war auch enorm hilfreich, dass wir schon den Kurzfilm dort gedreht hatten und entsprechend mit vielen Menschen zum wiederholten Male zusammenarbeiteten, die sich vor Ort unglaublich gut auskennen. Am Ende ging es nicht selten darum, ganz genau zu wissen, worauf wir unsere Kamera richten und worauf nicht. Was das angeht, ist Lagos durchaus ähnlich wie London. Wenn man seinen Blick in die richtige Ecke richtet, kann man das Gefühl haben, die Zeit sei seit Jahrzehnten stehengeblieben. Aber nur ein paar Meter weiter ist das Gegenteil der Fall.

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