Gemischte Glücksgefühle

So schnell kann es gehen. Nur zwei Stunden, nachdem sie zur Kulturministerin ernannt wurde, erschien Catherine Pégard bereits auf dem roten Teppich vor dem Pariser Olympia. Dort wurden am Donnerstag die César verliehen, was nicht nur ein glanzvoller, sondern auch heikler Termin für Kabinettsmitglieder ist.

Irgendwo las ich, dass die neue Amtsinhaberin früher als Filmjournalistin gearbeitet hat. Das stimmt nicht, auch in diesem Metier war sie auf die Politik fokussiert. Ist nicht weiter schlimm, nach ihrer Vorgängerin Rachida Dati kann es nur besser werden. Diese ließ sich im Olympia schon gar nicht mehr blicken. Dati, die viel ankündigte und wenig vollendete, steckt mitten im Wahlkampf für das Amt der Pariser Bürgermeisterin. Während der Preisverleihung setzte ihre Nachfolgerin erst einmal ein Pokerface auf. Keine Sorge, in diesem Eintrag geht es wieder um Filme und kaum um Politik. Ich habe Lust, den März mit etwas Erfreulichem zu beginnen.

Und mit den Preisen, die in der letzten Woche vergeben wurden, bin ich rundum zufrieden. Aber der Reihe nach. Das Erfreuliche fängt eigentlich schon mit der Pariser Flexibilität an. Üblicherweise findet die Verleihung der César am letzten Freitag im Februar statt. Aber da für diesen Termin ebenfalls das Wohltätigkeitskonzert „Les Enfoirés“ angesetzt waren, entschied sich die französische Filmakademie kurzfristig um. Diese Versicherung eines konkurrenzlosen Glamours war nicht unbedingt eine Frage der Aufmerksamkeitsökonomie. Die César finden daheim Beachtung genug, schließlich sind sie das Hochamt der Branche. Diese blickt indes auf ein mittelprächtiges Jahr zurück. 2025 verzeichnete die Kinos einen Zuschauerrückgang von 13,6 Prozent. Die antriebsstarken heimischen Lokomotiven fehlten; im Vorjahr hatte „Der Graf von Monte Cristo“ fast zehn und der unverhoffte Renner „Un p'tit truc en plus“ (der bei uns unter dem Titel „Was ist schon normal?“ ziemlich unterging) sogar mehr als zehn Millionen Kinokarten verkauft. Das war ein schönes, stolzes Aufbäumen wenige Jahre nach der Pandemie. 2025 jedoch blieben die kostspieligen Kriegsmaschinen weit hinter den Erwartungen zurück, namentlich „Dracula“ von Luc Besson sowie „Chien 51“, der als „Zone 3“ bei uns auch nicht viel riss.

Eine weitere Sorge treibt die Branche um. Wenige Tage vor der Preisverleihung unterzeichneten 4000 FilmschauspielerInnen eine Petition gegen den Einsatz von KI.- jener „gefräßigen Hydra“, die ihnen den Beruf weg beißen könnte. Mit der Bedrohung dieser „organisierten Plünderung“ wird sich Catherine Pégnard bald auseinandersetzen müssen. Zugleich war 2025 jedoch ein bemerkenswert skandalfreies Jahr. Die #MeToo-Affären um Dépardieu, Benoit Jacquot und Jacques Doillon haben die Branche (und im Fall Jacquot auch mein Weltbild) nachhaltig erschüttert. Die Erleichterung ist groß, dass es seither keine Weiterungen gab.

Mithin kein schlechter, vielmehr gemischter Jahrgang, der sich in den César-Nominierungen spiegelte: Es gab keine absoluten Favoriten (keine „Emilia Pérez“ in Sicht), sondern ein weites Feld. Die 10 Nennungen für Richard Linklaters „Nouvelle Vague“ mussten noch nicht bedeuten, dass damit der Sieger bereits feststand. Acht Nominierungen für „L' attachement“ (Was uns verbindet) von Carine Tardieu, obgleich einer meiner Lieblingsfilme von 2025, hätte ich nicht erwartet. Die sieben Nennungen für Hafzia Herzis „Die jüngste Schwester“ wiederum waren eine schöne Bestätigung. Ziemlich überraschend war demgegenüber das Abschneiden von Francois Ozons „Der Fremde“, der zwar bei Kritik und Publikum gut ankam, aber nur vier Nominierungen erhielt. Man konnte auf ein offenes Rennen gefasst sein.

Es wurde ein Abend ohne große Gefühlsaufwallungen, einmal abgesehen von den „Rassistin“- Schmähungen, als Brigitte Bardot in der Montage der großen Verstorbenen auftauchte. Dass der Film eines Texaners in Paris vier César erhielt, darf man als Geste französischer Großzügigkeit begrüßen. Für „Nouvelle Vague“, das gar nicht nostalgische, sondern quicklebendige Biopic der Dreharbeiten von „Außer Atem“, erhielt Linklater den Regiepreis; auch seine Kostümbildnerin Pascaline Chavanne, die Editorin Catherine Schwartz sowie der Kameramann David Chambille wurden ausgezeichnet. „Dossier 137“, der neue Polizeifilm von Dominik Moll, erhielt leider nur einen der acht César (Léa Drucker als Beste Hauptdarstellerin), für die er nominiert war. Ich hoffe, der kommt in unsere Kinos; nach „In der Nacht des 12.“ setzt der Regisseur seine Hinwendung zu einem eminent gesellschaftskritischen Kino hier souverän fort. Das Gießkannenprinzip der Preisvergabe war jedoch schlüssig. „Arco“, der bei uns im April startet, ist eine prächtige Wahl in der Kategorie des besten Animationsfilms. Franck Dubosc, der im letzten Jahr noch in einem Sketch den erfundenen „Césario“ erhielt - ein Trostpreis für alle, die nie einen richtigen gewinnen werden - , wurde nun für das beste Originaldrehbuch ausgezeichnet. Dass „Was uns verbindet“ nicht nur für die beste Drehbuchadaption und die beste weibliche Nebenrolle ausgezeichnet wurde, sondern schließlich auch als bester Film des Jahres, hat mich total überrascht. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er sei eine Art exklusiver Coup de foudre meinerseits. Er traf einen persönlichen Nerv – die Freude an einer Nachbarschaft, die weiterbesteht, obwohl man inzwischen in unterschiedlichen Stadtteilen wohnt. Tardieu ist eine großartige Regisseurin leiser Verbindungen, deren vorherige Arbeiten („Eine bretonische Liebe“, „Im Herzen jung“) ich vielleicht unterschätzt habe. Aber der Rückhalt für ihren neuen Film ist wirklich stark: Er verkaufte in Frankreich fast 800000 Eintrittskarten und bekam glänzende Kritiken, wie ich gerade nachgeschlagen habe.

In der Königskategorie hatte „Was uns verbindet“ starke Konkurrenz, darunter „Ein einfacher Unfall“. Aber Jafar Panahi wurde ein wenig entschädigt. Das iranische Volk war in aller Munde an diesem Abend. Pierre Lottin widmete ihm den Preis, den er als bester Nebendarsteller in „Der Fremde“ erhielt. Vimala Pons rief „Free Iran!“, als sie ihren César für das weibliche Gegenstück entgegennahm. In der bewegtesten Rede der Zeremonie erinnerte Golshifteh Farahani an das „ganze Land, das in Trauer ist“. Sie sprach kämpferisch: „Ein Herz, das schlägt, unterwirft sich nie.“ Die Politik spielte also doch eine Rolle, aber sie erstickte die Filme nicht. Am Donnerstag wusste niemand im Pariser Olympia, dass zwei Tage später die Bombardements beginnen würden. An Gültigkeit haben die Worte danach nicht verloren.

 

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