DVD-Tipp: John Ford Filme

»Spuren im Sand«. © Plaion

© Plaion

Prophet alter Träume

Sieben Filme von John Ford sind auf Blu-ray und DVD erschienen. Eine Einordnung des Regisseurs und seiner Widersprüche.

»Verlorene Welt« war 1973 der Nachruf in der Süddeutschen Zeitung betitelt, in Wim Wenders’ »Alice in den Städten« liest ihn Rüdiger Vogler. Nach einem Wochenende der Wiederbegegnung mit sieben Filmen von John Ford, die jetzt in Neuausgaben fürs Heimkino vorliegen, scheint mir das die beste Beschreibung des Ford’schen Universums zu sein, obwohl auch »Prophet alter Träume« (Hans C. Blumenberg 1973) und »Konformist mit Widerhaken « (Enno Patalas 1971) zutreffen.

Trotz eines deutschen Buches (2024), der umfangreichen Retrospektive der Viennale (2014) oder der regelmäßigen Ausstrahlung von Filmen auf Arte scheint Fords Werk heute vorrangig bei älteren Cineasten präsent zu sein, jenen, die in den sechziger Jahren mit seinen Filmen im Fernsehen, in den Nachmittags- und Spätvorstellungen der Kinos aufwuchsen; gleich mehrere Fernsehdokumentationen entstanden in den siebziger Jahren bei WDR und BR, damals widmete auch die Zeitschrift »Filmkritik« John Ford mehrfach ganze Ausgaben.

Von seinen zeitgenössischen Kollegen ebenso geschätzt wie von den nachgeborenen (Steven Spielberg ließ ihn in einer eindringlichen Szene seines autobiografischen Films »Die Fabelmans« von David Lynch verkörpern), scheint er heute eher begraben unter all den Würdigungen. Kann man heute unvoreingenommen und naiv herangehen an Fords Filme, die amerikanische Geschichte und deren aktuellen Revisions- und Vereinnahmungsversuche ignorieren?

Vielleicht ist gerade der berühmt gewordene Satz am Ende von »Der Mann, der Liberty Valance erschoss« (1962) ein Einstieg: »When the legend becomes fact, print the legend.« In der heutigen Situation muss man »Legende« eher durch »Lüge« ersetzen, damals stellte der Satz unsere positive Sicht auf die amerikanische Vergangenheit infrage. Am Ende von »Fort Apache« gibt es, vierzehn Jahre zuvor, eine Szene, die man als deren Vorläufer einstufen könnte: Ein Offizier lobt seinen im Kampf gegen die Indianer gefallenen Vorgesetzten (den die Geschichtsschreibung mittlerweile zum Helden verklärt hat), obwohl er genau weiß, dass dieser in seiner Arroganz fatale Fehlentscheidungen traf, die ihn und die ihm anvertrauten Soldaten das Leben kosteten. Wie in diesem Moment vor dem Sprechenden die Kolonne der reitenden Soldaten in einer Spiegelung des Fensters erscheint, er gleichzeitig aber in seiner monotonen Sprechweise eine Distanz spüren lässt, bringt den Zwiespalt eindringlich auf den Punkt. Ford hat mit seinen Filmen Legenden und Mythen geprägt, aber auch Widersprüche stehen lassen; das macht einen Teil seiner Größe aus, ebenso wie jene Momente, in denen er komplexe Sachverhalte verdichtet – etwa die Wahrnehmung einer unerfüllten Sehnsucht in »Der schwarze Falke« – oder in denen sich pure Poesie entfaltet: zum Beispiel wenn Henry Fonda in »Der junge Mr. Lincoln« mit einer zärtlichen Handbewegung über Bücher streicht oder in »Faustrecht der Prärie« auf seinem Stuhl kippelt; oder wenn John Wayne in »Der Teufelshauptmann« Zwiesprache mit seiner verstorbenen Ehefrau hält).

Ford ist als Westernregisseur in die Filmgeschichte eingegangen, obwohl er auch in zahlreichen anderen Genres zu Hause war. Von den jetzt erschienenen Filmen sind vier Western: die sogenannte Kavallerietrilogie und der dazwischen gedrehte »Spuren im Sand«, dessen biblische Allegorie sich mit der Erzählung organisch verknüpft, während die davor gedrehte Graham-Greene- Adaption »Befehl des Gewissens« von der expressionistischen S/W-Fotografie Gabriel Figueroas dominiert wird. Das religiöse Element findet sich auch – durch einen von Boris Karloff verkörperten Soldaten – im Wüstenkammerspiel »Die Letzte Patrouille«, während »Der Sieger« Fords Liebeserklärung an die irische Heimat seiner Vorfahren ist.

Die Veröffentlichungen verdienen Lob auch für das Bonusmaterial: »Spuren im Sand« enthält eine andere Verfilmung des Stoffes von 1936 und ein informatives Booklet – die vier Booklets zu den veröffentlichten Filmjuwelen sind digital auf deren Websites abrufbar. Auf den Discs selbst gefallen ein BBC-Interview (1968; 65 Min.), in dem Ford den Interviewer unterhaltsam auflaufen lässt, die Arte-Doku »John Ford – Der Mann, der Amerika erfand« (54 Min.) und Fords TV-Kurzfilm »Rookie of the Year« (55 Min.).



Spuren im Sand Anbieter: Plaion. Alle anderen
Anbieter: Filmjuwelen.

Bestellmöglichkeit (DVD)

 

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