Kritik zu Chronos – Fluss der Zeit

© Salzgeber

2026
Original-Titel: 
Chronos – Fluss der Zeit
Filmstart in Deutschland: 
12.03.2026
L: 
200 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Reisen mit der Kamera … Volker Koepp porträtiert in seinem neuen Film osteuropäische Juden, deren Biografien von politischen Umbrüchen, besonders der russischen Invasion der Ukraine, geprägt sind.

Bewertung: 4
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Es gibt ein weitläufiges Areal auf der Landkarte, in das sich die Kamera nicht allzu oft verirrt. Dieses Gebiet östlich der Weichsel zwischen der Ostsee im Norden und dem Schwarzen Meer im Süden ist Volker Koepps filmisches Zuhause. Seit den frühen 1970er Jahren entstand in dieser Gegend ein umfangreicher Zyklus, darunter »Kalte Heimat« (1994), »Herr Zwilling und Frau Zuckermann« (1998) sowie »In Sarmatien« (2013).

Einen Koepp-Film erkennt man nicht nur mit dem ersten Bild, man fühlt ihn. Ohne sich an Moden des dokumentarischen Arbeitens zu orientieren, entfalten seine Werke einprägsame, entschleunigte Landschaftspanoramen – die allerdings nicht primär auf ästhetische Wirkungen ausgelegt sind. Koepp ist ein Reisender mit der Kamera. Unterwegs begegnet er meist älteren Menschen bäuerlicher Herkunft, in deren Gesichtern Wind und Wetter tiefe Spuren hinterlassen haben. Es sind vor allem jene politischen Verwerfungen in Osteuropa und damit einhergehende Gräueltaten, die Koepp der Vergessenheit entreißt: »Ich traf«, so der Off-Kommentar in einem frühen Film über die Gegend um die Memel, »Menschen, die Hitler oder Stalin überlebt hatten – manchmal auch beide.« Gespräche mit diesen Menschen sind keine investigativen Ausforschungen. Es geht dem Filmemacher nicht allein um das, was diese Menschen sagen, sondern um die Art und Weise, wie sie einfach da sind. Ihre Präsenz vor der Kamera ist die Botschaft.

Sein neuer Film, an dem er fünf Jahre arbeitete, ist von der russischen Invasion der Ukraine und den damit einhergehenden Migrationsbewegungen geprägt. Porträtiert werden u. a. die ukrainische Übersetzerin Tanja Kloubert, die moldawische Regisseurin Ana Felicia Scutelnicu und die belarussische Schriftstellerin Volha Hapeyeva. Von ihr erschien unlängst der Gedichtband »Trapezherz « auf Deutsch.

Der Film, der den antiken Namen der Memel im Titel trägt und das Thema der Zeit variiert, mag diesmal etwas wortlastiger sein. Dennoch ist das »Volker-Koepp-Gefühl« bestimmend: Die Kamera macht die Protagonisten nicht zum Objekt. Stattdessen entsteht beim Zuschauen immer wieder das intime Gefühl, man wäre bei diesen Menschen zu Gast.

Im Gegensatz zu früheren Arbeiten fällt Chronos stilistisch etwas aus dem Rahmen. Da Koepp sich mit der zerrissenen Identität osteuropäischer Juden auseinandersetzt, eröffnet er auch ein ausführliches Gesprächsfenster für Anetta Kahane. Die Aktivistin wird für ihr Engagement gegen Antisemitismus geschätzt, ist aber wegen ihrer Vergangenheit als Stasispitzel nicht unumstritten. Im Gegensatz zu den Alltagsmenschen aus der osteuropäischen Region führt der Fokus auf eine Prominente wie Kahane zu einem Wechsel der Tonart, der eine für Koepp ungewohnte Unwucht erzeugt. Durch zuweilen etwas beliebig wirkende Schauplatzwechsel zwischen Osteuropa, Kabul und Berlin droht Chronos, in der knapp dreieinhalbstündigen Spielzeit sich etwas zu verlaufen. In Erinnerung bleiben allerdings magische Momente, in denen die Zeit stillsteht.

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