Kritik zu A Useful Ghost

© Little Dream Pictures

Ein Geist in einem Staubsauger: Der thailändische Regisseur Ratchapoom Boonbunchachoke erzählt die wohl verrückteste Liebesgeschichte des Kinojahres und kreiert einen Film mit immer neuen Wendungen.

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Können Alltagsgegenstände von Geistern besessen sein? Für die Protagonisten in »A Useful Ghost« scheint dies selbstverständlich. Allerdings ist die Existenz von Geistern ein großes Ärgernis, wird gar als Verseuchung angesehen. Als in einer Staubsaugerfabrik ein verstorbener Mitarbeiter für Unruhe sorgt, ist die Fabrik daher von der Schließung bedroht. Dann erscheint auf einmal auch Nat, die verstorbene Frau von March, dem Sohn der Fabrikbesitzerin, als Geist und lebt fortan in einem der Staubsauger weiter. Der von Sehnsucht geplagte March tut alles, um mit Geister-Nat zusammenleben zu können, was in seinem Umfeld für Entsetzen sorgt.

Der Debütfilm von Ratchapoom Boonbunchachoke beginnt als groteske Komödie. In einer Szene sieht man March und Nats Geist quasi so, wie March es wahrnimmt: Er interagiert mit der menschlichen Gestalt von Nat. Dann der Schnitt auf die entsetzten Gesichter der hereinkommenden Familienangehörigen, und im Anschluss sieht man die Szene aus ihrer Perspektive: March knutscht mit einem Staubsauger. Nach und nach entwickelt sich eine philosophische Abhandlung über das mögliche Wesen von Geistern. Sie können nur existieren, wenn ein noch lebender Mensch sich an die verstorbene Person erinnert. Doch ist es gut, wenn ein Verstorbener verzweifelt am irdischen Leben klammert und der Überlebende ebenfalls nicht loslassen kann? Auf abstrakte Weise ergibt sich auch eine Auseinandersetzung um die Akzeptanz von Andersartigkeit. Zugleich erforscht Boonbunchachoke immer wieder das Geisterhafte als Zustand des Schwebens und Fließens mit Bildern von umherfliegenden Staubpartikeln oder am Boden zerfließendem Blut.

Um weiterhin auf der Erde zu existieren, lässt Nat sich schließlich auf einen Deal ein. Sie befreit die Fabrik von den Geistern, indem sie die Personen aufspürt, die die Verstorbenen durch ihre Erinnerung am Leben halten, woraufhin diese Erinnerung mit Elektroschocktherapie ausgelöscht wird. Mit denselben Methoden hilft Nat auch einem Minister, der offenbar in das Massaker von 2010, bei dem das thailändische Militär gegen prodemokratische Demonstranten vorging, verwickelt ist und von den Geistern der Opfer heimgesucht wird. Doch diese setzen alles daran, nicht vergessen zu werden. »A Useful Ghost« macht noch mal eine komplette Kehrtwende: Das Verhalten von Nat und March erscheint mehr als fragwürdig, und der Film bekommt unangenehme Horroranteile. Geister stehen nun auch für die Erinnerung an unaufgearbeitete Verbrechen, womit es deutlich politisch wird.

Es ist nicht immer ganz leicht, sich in »A Useful Ghost« zurechtzufinden. Schon früh werden Handlungsstränge aufgemacht und Figuren eingeführt, deren Bedeutung sich erst im späteren Verlauf erschließt. Gerade für ein westliches Publikum, das die historischen Hintergründe ebenso wie die thailändische Kultur und die dortige Bedeutung von Geistern nicht kennt, dürfte das Verständnis des Films eine Herausforderung sein. Aber vielleicht gerade deswegen entwickelt »A Useful Ghost« auch eine ganz eigene Faszination. Und wer sich darauf einlässt, wird zum Schluss noch mit einer geradezu befreienden Sequenz belohnt, die Geisterhorror im unterhaltsamen Genre- Sinn zelebriert.

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