Kritik zu Junge Mütter – Jeunes Méres
In »Der Sohn« (2002) folgt die Kamera einem Mann durch Werkstatt, Hof und Straßen, man sieht ihn nur von hinten. Die Bewegung ist schlicht, die Nähe irritierend, die Bedeutung zunächst unklar. Erst allmählich legt sich eine moralische Spannung über diese körperliche Präsenz. Das Kino der Brüder Dardenne bezog seine Kraft lange aus solchen Konstellationen: aus der Konzentration auf eine Figur, der Dauer einer Handlung, der Weigerung, psychologische Erklärungen zu liefern. »Jeunes mères – Junge Mütter«, der inzwischen 13. Langfilm von Luc und Jean-Pierre Dardenne, setzt dort an – und verschiebt den Fokus.
Im Zentrum stehen mehrere junge Frauen, die in einer Maison maternelle nahe Lüttich leben. Sie sind schwanger oder haben gerade entbunden, fast alle minderjährig, alle sozial prekär. Der Film folgt vier von ihnen, ergänzt durch eine fünfte, die das Heim bald verlässt. Die Erzählung ist episodisch, doch streng organisiert: durch gemeinsame Räume, feste Abläufe, wiederkehrende Gesten. Kochen, Waschen, Wickeln, Gespräche mit Sozialarbeiterinnen. Dazwischen kurze Ausbrüche ins Außen, wo Hoffnungen und Enttäuschungen sich verdichten.
Jessica (Babette Verbeek), hochschwanger, sucht die Mutter, die sie nach der Geburt weggegeben hat. Ihr Drängen ist nicht sentimental, sondern hartnäckig – als müsse sie eine Leerstelle schließen, bevor sie selbst Mutter wird. Perla (Lucie Laruelle) hat ihr Baby bereits und klammert sich an die Idee einer Familie, obwohl der Vater nach seiner Haftentlassung Distanz signalisiert. Julie (Elsa Houben) und ihr Freund Dylan (Jef Jacobs), beide ehemalige Drogenabhängige, arbeiten an einem Neustart: Ausbildung, Wohnung, Zusammenleben. Doch die Stabilität bleibt brüchig, alte Muster kehren rasch zurück. Ariane (Janaïna Halloy Fokan), fünfzehn, möchte ihr Kind zur Adoption freigeben – gegen den massiven Druck ihrer alkoholkranken Mutter Nathalie (Christelle Cornil), die im Kind eine zweite Chance für sich sieht.
Formal bleiben die Dardenne-Brüder ihrer Reduktion treu: Handkamera, natürliches Licht, lange Einstellungen, keine Musik. Doch die Dramaturgie unterscheidet sich von Filmen wie »Rosetta« (1999), »Der Sohn oder Das Kind« (2005). Es gibt keinen zentralen moralischen Konflikt, der sich zuspitzt. »Junge Mütter« arbeitet mit Parallelität und Wiederholung. Entscheidungen entstehen langsam, werden revidiert, geraten ins Stocken. Der Film interessiert sich weniger für den Akt der Entscheidung als für das Abwägen davor.
Diese Öffnung hat ihren Preis. Nicht alle Figuren gewinnen die Tiefe früherer Dardenne-Protagonisten; bisweilen wirkt der Film wie ein präzise montiertes Mosaik sozialer Situationen. Zugleich entsteht aber gerade daraus eine neue Genauigkeit. Mutterschaft erscheint nicht als individuelle Bewährungsprobe, sondern als soziale Konstellation, in der Herkunft, institutionelle Hilfe und emotionale Abhängigkeiten ineinandergreifen. Auch die Einrichtung selbst wird differenziert gezeigt: weder repressives System noch idyllischer Schutzraum, sondern ein Ort, an dem Regeln und Fürsorge nebeneinander existieren. Besonders präzise sind die Szenen mit den Babys. Sie fungieren nicht als emotionale Verstärker, sondern als eigenständige Präsenz. Ein Blick, ein Lächeln, ein Schreien verschiebt Situationen. Hier nähert sich der Film seinem dokumentarischen Ursprung, ohne die fiktionale Ordnung aufzugeben.
In Cannes wurde »Junge Mütter« mit dem Preis für das beste Drehbuch und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Im Gesamtwerk der Dardenne-Brüder markiert der Film keinen Bruch, wohl aber eine Akzentverschiebung. Die existenzielle Härte früherer Arbeiten ist zurückgenommen, der Blick weniger konfrontativ, stärker auf Übergänge gerichtet. Wo »Der Sohn« oder »Das Kind« ihre Figuren an moralische Abgründe führten, beobachtet »Junge Mütter« das alltägliche Ringen um Halt. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Film seine nachhaltige Wirkung.



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