Berlinale: Furcht und Schrecken im Kapitalismus
Wer mal dachte, der typische Berlinale-Film sei eher ruhig erzählt, in langen Einstellungen, umsichtig und sensibel, der könnte sich am Wochenende die Augen gerieben haben. Es ist der reine Horror hier! Oder war es Zufall, dass sich da mehrere Filme zusammenrotteten, in denen das Blut nicht nur floß, sondern quoll, strömte, spritzte und über die Leinwand explodierte?
Im Wettbewerb schickte »Nightborn« von Hanna Bergholm (»Hatching«) ein Ehepaar in einen urwüchsigen Wald. In der alten Villa der toten Großmutter wollen die finnische Saga (Seidi Haarla) und ihr britischer Ehemann Jon (Rupert Grint) eine Familie gründen, drei Kinder sollen es werden. Aber schon das erste, empfangen im Rausch unter verdächtig pulsierenden Bäumen, stellt das Projekt auf die Probe: Mit dem dauergreinenden, pelzigen Neugeborenen stimmt was nicht. Dass Babyjahre für Frauen das Grauen sein können, vor allem, wenn jeder es besser wissen will als die Mutter, scheint gerade ein Thema im Kino zu sein, zuletzt in Lynne Ramsays »Die My Love«. Aber Bergholms Inszenierung fällt mit der Tür ins morsche Geisterhaus. Frauen, die gerade stillen, seien hiermit gewarnt.
»Nightborn« hätte in der Reihe Special vielleicht besser funktioniert. Da lief mit »Sleep No More« ein Film des Indonesiers Edwin, der einen trashigen, um Plausibilität unbesorgten Splatter-Spuk in einer Fabrik für Perücken und Prothesen inszeniert. Hier kommt es zu rätselhaften, grauenvollen Unfällen in einer Belegschaft, die durch lange Schichten und Überstunden – »für eine bessere Zukunft« dröhnt die Stimme der Fabrikbesitzerin durch die Lautsprecher – zermürbt ist. Ein liebevoll verunstaltetes Setting – überall liegen Haare und spitze Gegenstände herum, aus Kübeln tropft Modelliermasse – und wilde szenische Einfälle liefern einen bösen Kommentar zur Lage der arbeitenden Bevölkerung im Spätkapitalismus.
Karim Aïnouz drehte, wiederum im Wettbewerb, den Blick um. Die englischsprachige Produktion »Rosebush Pruning«, inspiriert von einem Klassiker des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, prominent besetzt mit Callum Turner, Elle Fanning und Pamela Anderson in einer Nebenrolle, zeigt eine schwerreiche amerikanische Familie vor spanischer Villenkulisse im letzten Stadium der Dekadenz: zerquälter Sex (Blowjob mit Zahnpasta), Couture-Ausstattung, bizarre Morde. Man versteht das Anliegen, und die Geschichte ist sinnlich in Szene gesetzt. Aber sie kommt spät: Nach Serien wie »The White Lotus« und »Succession« gibt es über die miesen Sitten der Upper Class nicht mehr viel zu sagen, und mit den Epstein-Akten hat ohnehin die Wirklichkeit die Phantasie geschlagen.
Im Rückblick, auf diesem Hintergrund, wirkt İlker Çataks neuer Film »Gelbe Briefe«, der schon am Freitag im Wettbewerb Premiere hatte, mit seinem politischen Thema und seinem Reflexionsniveau erst recht seriös. Der Regisseur, dessen fulminantes »Lehrerzimmer« noch im Panorama lief, erzählt die Geschichte eines türkischen Ehepaars, das in Ankara am Staatstheater arbeitet: ein Power Couple, er Regisseur und Autor, sie Schauspielerin, beide kritische, intellektuelle Geister. Gerade haben sie eine bejubelte Premiere gestemmt, erschöpft und glücklich stehen sie auf der Bühne. Aber im Publikum scheint ein Regierungspolitiker mit seiner Entourage nicht ganz glücklich gewesen zu sein, die Gesichter der Männer wirken vergrämt. Und bald werden Aziz (Tansu Biçer) und Derya (Özgü Namal) verfolgt, sie verlieren ihre Jobs, Aziz droht ein Prozess. Mit ihrer vierzehnjährigen Tochter, die gerade in einer schwierigen Phase steckt, suchen die beiden Unterschlupf bei der Mutter von Aziz in Istanbul. In einem Wechsel aus dynamischen Kamerafahrten und intensiven Gesprächsszenen, die sich am Ende zu einem wahren Dialog-Crescendo zwischen den großartigen Hauptdarstellern entwickeln, zeigt der Film, wie sich politischer Zwang ins Private fräst, wie er Beziehungen und moralische Überzeugungen aushöhlt – und wie er eine lebendige Kulturszene in Schrecken versetzt. Die Städte Ankara und Istanbul werden in »Gelbe Briefe« von Berlin und Hamburg vertreten. Ein gewagter Einfall, der die Phantasie ein bisschen strapaziert, aber dazu einlädt, Bezüge herzustellen: Wie sieht es anderswo mit den Bürgerrechten aus, wie läuft es bei uns? So ließ sich der Blick der Künstler ins Staatstheater am Anfang des Films auf die Ränge des Berlinale-Palasts projizieren: In der prominentesten Reihe, neben dem Regisseur, saß Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Nehmen wir an, er hat die Vorstellung genossen. »Gelbe Briefe« startet am 5. März im Kino.




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