Kritik zu Der Schimmelreiter
Der neue Leiter der Küstenschutzbehörde möchte ein Dorf verlegen, um es vor dem Anstieg des Meeresspiegels zu schützen, und stößt auf Widerstand. Francis Meletzky verlegt die Novelle von Theodor Storm in die Gegenwart.
Theodor Storms Schimmelreiter hat sich auf eine Zeitreise begeben. Die 1888 veröffentlichte Novelle des Autors und seine Hauptfigur Hauke Haien sind in der Gegenwart angekommen. Francis Meletzky (Regie) und Léonie-Claire Breinersdorfer (Drehbuch) haben zentrale Motive der literarischen Vorlage, die vom Kampf gegen Naturgewalten und dem Selbstbehauptungsfuror eines Außenseiters erzählt, mit einem der drängenden Probleme von heute und morgen gekoppelt: dem Klimawandel. Das passt, denn Storms Geschichte illustrierte, wie Hybris und Fehleinschätzungen in eine Katastrophe mündeten.
Hauke Haien (Max Hubacher) macht nach dem Tod seines Schwiegervaters, des Direktors der Küstenschutzbehörde, im nordfriesischen Beusum Karriere: als dessen Nachfolger und Deichgraf in Personalunion. Haien, dem nachgesagt wird, er sei kein Teamplayer und ihm fehle Bürgernähe, hat große Pläne: »Wir müssen Küstenschutz neu angehen.« Das heißt, ein vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohtes Dorf aufgeben und umsiedeln: auf ein im Landesinneren gelegenes Gewässer. Das nennt man »amphibisches Wohnen«. Haien macht sich mächtige Feinde wie den intriganten Bürgermeister und Bauunternehmer Ole Petersen (Nico Holonics).
Auch die Dorfbewohner begehren auf: »Wir weichen nicht.« Ohne seine Frau Elke
(Olga von Luckwald), die im Institut für Meeresforschung arbeitet, und ohne die Unterstützung der pragmatischen Lokalpolitikerin Janne (Annette Frier) stünde Haien ziemlich allein da. Aus dieser Konstellation entstehen destruktive Manöver und hitzige Debatten. Unvermeidlich kulminieren die Konflikte in einem apokalyptischen Finale.
Meletzkys Schimmelreiter spricht mehrere Sprachen. Vieles ist Symbol und Menetekel. Bella Halbens Kamera nimmt bedrohlich sich auftürmende Wolken auf, aufgeregte Vogelschwärme und aggressiv anrollende Wellen. Das Übernatürliche tritt in Gestalt eines Schimmels auf, der lazarushaft aus dem Skelett eines Hengstes entsteht. Das Pferd verkörpert so etwas wie die Chance eines Neubeginns und eines Bewusstseinswandels angesichts des Klimawandels. »Es wird sterben«, sagt Haukes und Elkes Tochter Wienke (Elina Leitl). Das in sich gekehrte Mädchen spielt die Rolle einer kindlichen Klima-Kassandra.
Der Film wird aber auch politisch: mit im belehrenden Predigtton vermittelten Botschaften und aus den Fernsehnachrichten bekannten Bildern vom »globalen Burn-out«. Der didaktische Ansatz verbindet sich nicht immer organisch mit der Geschichte und unterfordert das Publikum. Die Komplexität des Themas drückt sich auch ohne zugespielte äußere Effekte in der Person des Hauke Haien aus: eines Mannes, der die Menschen gegen ihren Willen retten will und scheitert. Hubachers Deichgraf erscheint dauermürrisch, brütend, konfrontativ. Dabei hat er recht, wie die Schäferin Trine (Ramona Kunze-Libnow) feststellt. Aber mit seinem rechthaberischen Wesen steht er sich selbst im Wege: ein radikaler Visionär ohne Gefolgschaft.




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