Kritik zu Una noche - Eine Nacht in Havanna

© Kairos Filmverleih

Ein Film über drei junge Kubaner, die nach Miami fliehen wollen, dessen Hauptereignis aber seine semidokumentarischen Aufnahmen aus Havanna sind.

Bewertung: 3
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3 (Stimmen: 1)
Kuba gehört zu den Ländern, mit denen eine feste Kette von Assoziationen verbunden ist: Zigarren, alte Amischlitten, die pittoreske Verwahrlosung Havannas und dass alle nach Miami fliehen wollen. Die in England geborene Regisseurin Lucy Mulloy knüpft in ihrem Spielfilmdebüt einerseits an all das an. Aber so, wie sie in Una noche das heutige Kuba zeigt, hat man es doch noch nie gesehen: Auf Kodak-Film gedreht, besteht Mulloys Film zum größten Teil aus semidokumentarischen Straßenszenen, die sich im schnellen Schnitt des Films zu einer Stimmung verdichten, die an einer Stelle jemand ganz richtig als »nervöse Verzweiflung« auf den Punkt bringt.
 
Man kann diesen Film trotzdem auf zwei sehr verschiedene Weisen wahrnehmen. An der Oberfläche erzählt er die Geschichte von Raul (Dariel Arrechaga), Lila (Anailín de la Rúa de la Torre) und Elio (Javier Núñez Florián), die die Flucht über das Wasser nach Miami antreten wollen. Genauer gesagt sind es zuerst Raul und Elio, Hilfsarbeiter in einer Hotelküche, die Fluchtpläne schmieden. Doch die Filmhandlung setzt damit ein, dass Elios Zwillingsschwester Lila von den Plänen Wind bekommt. Sie folgt den beiden abwechselnd durch die Stadt, als diese ihre Vorbereitungen treffen. Die bekommen eine zusätzliche Dringlichkeit, als Raul einen Touristen verletzt und von der Polizei gesucht wird. Auch Elio gerät auf den sprichwörtlichen letzten Metern mit dem Gesetz in Konflikt. Vollkommen ungenügend ausgestattet und außerdem mit Lila als ungeplantem zusätzlichen Passagier belastet, machen sie sich schließlich auf zwei Autoschläuchen mit Holzgerüst auf den 140 Kilometer langen Weg.
 
Diese Handlung hat einige Schwächen: etwa dass Lila sie aus dem Off mit Beobachtungen begleitet, die angesichts der starken Bilder gar nicht nötig wären. Auch die allgegenwärtige sexuelle Ausbeutung lässt Mulloy in ihrem Drehbuch in eher gezwungener Weise zutage treten: Rauls Mutter prostituiert sich und ist HIV-positiv; er selbst wird mehrfach Opfer sexueller Belästigung durch Männer und Frauen, genauso wie Lila. Es ist, als ob Mulloy auch hier noch etwas Künstliches zu den Beobachtungen hinzufügt, die ihre Kamera bereits zur Genüge einfängt, nämlich dass die Menschen meist über wenig mehr als ihre Körper verfügen. In ähnlicher Weise fühlen sich auch die »Actionszenen« überflüssig an, in denen die Polizei zuerst Raul und dann Elio verfolgt. Jene kleine Szene, in denen ein Zigarrenhändler auf der Straße in dem Moment sehr unauffällig von der Miliz abgefangen wird, als er einen Touristen anspricht, verrät da mehr über das Verhältnis von Staatsmacht und Bevölkerung.
 
Aber es sind genau solche Aufnahmen, die aus Una noche ein echtes Ereignis machen. Und was sie alles einfangen: das Havanna der ausgeblichenen, verfallenden Gebäude mit seinen Straßen, in denen gelegentlich weißhäutige Touristen für Hektik sorgen. Alte Frauen, die in stiller Mühsal ihre kleinen Einkäufe über die Straßen zerren, alte Männer, die vor sich hin singen, als wähnten sie sich noch in den Clubs, in denen sie einst auftraten. Und Kinder allen Alters, ausnahmslos schlank und rank, die umhertoben, ohne Spielzeug, ohne Technik. Und eben jenes Gefühl der »nervösen Verzweiflung«, die über allem liegt.

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