Kritik zu Les Salauds – Dreckskerle

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Variationen von Dunkel, in denen man sich auf ewig verlieren kann: Claire Denis greift in ihrem neuesten und zugleich düstersten Film klassische Motive des Film noir auf

Bewertung: 5
Leserbewertung
3.25
3.3 (Stimmen: 4)
Unaufhörlich prasselt Regen herunter. Im Licht der Straßenlaternen schimmern die Tropfen, die schon eher Fäden gleichen, beinahe golden. Die Welt verschwimmt in diesem nicht enden wollenden Guss, und die Nacht hat fast etwas Unwirkliches. Ist das die Sintflut, von der einst Martin Scorseses Taxi Driver geträumt hat, der Regen, der den ganzen Abschaum von den Straßen spült? Irgendwann liegt ein Mann auf der Straße. Ein Unternehmer und Familienvater, der aus einem der Fenster seiner Fabrik in den Regen und den Tod gesprungen ist.
 
Schon in diesen ersten Momenten entwickelt Claire Denis’ Les Salauds – Dreckskerle eine Dichte, die fast schon erdrückend, zumindest aber verstörend wirkt. Der nächtliche Regen und der Mann, der langsam und methodisch seinen Selbstmord vorbereitet: Beiden widmen die Filmemacherin und ihre Kamerafrau Agnès Godard die gleiche Aufmerksamkeit. Ihr Blick geht ins Detail und löscht so von Anfang an die Differenz zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Natur und unbelebten Objekte auf.
 
Bisher hat Marco (Vincent Lindon) es verstanden, sich den Mechanismen der Wirklichkeit so weit wie möglich zu entziehen. Als Kapitän eines über die Weltmeere kreuzenden Tankers konnte er sich an den Rand zurückziehen, das Leben von außen betrachten. Dafür hat er seine Freunde und sogar seine Familie verlassen. Doch nun hat sich sein Schwager, der einst auch sein bester Freund war, umgebracht. Seiner noch minderjährigen Nichte Justine (Lola Créton) ist etwas Schreckliches geschehen, und seine Schwester Sandra (Julie Bataille) weiß nicht mehr weiter.
 
Sandra gibt an allem dem mächtigen Geschäftsmann Edouard Laporte (Michel Subor) die Schuld, weicht aber jeder konkreten Frage ihres Bruders aus. Auf der Suche nach Wahrheit und Rache umkreist Marco schließlich Laportes Geliebte Raphaëlle (Chiara Mastroianni) und beginnt eine Affäre mit ihr. Aber Lindons wortkarger Einzelgänger kommt immer zu spät oder läuft gleich ins Leere.
 
Claire Denis hat sich von Akira Kurosawas bitterem, 1960 entstandenem Rache-Thriller Die Bösen schlafen gut inspirieren lassen. Etwas von der Wut des japanischen Filmemachers angesichts der damaligen Verhältnisse in seiner Heimat findet sich auch in diesem schwärzesten aller schwarzen Filme. Nur klagt Denis am Ende nicht an. Sie protokolliert eher die Leidenschaften der Menschen und lotet dabei deren Abgründe aus.
 
Letztlich ist jeder in Les Salauds auf seiner persönlichen Reise in die Nacht. Diesen Trip in die Finsternis, in der sich Befreiung und Zerstörung kaum voneinander trennen lassen, löst Claire Denis in einzelne kurze Szenen auf. Auf Übergänge verzichtet sie und akzentuiert stattdessen die Lücken in der Erzählung. Einige davon lassen sich leicht füllen. In anderen kann man sich auf ewig verlieren. Ein eigenes, zutiefst beängstigendes Dunkel geht von ihnen aus. Ein existenzielles Dunkel, für das Denis in ihrem ersten mit einer digitalen Videokamera gedrehten Film gemeinsam mit Agnès Godard zu neuen Schwarztönen und einem anderen, dem Kino bisher fremden Licht gefunden hat.

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