Interview: Robert Eggers über »The Northman«

Robert Eggers am Set von »The Northman« (2022). © Focus Features LLC.

Robert Eggers am Set von »The Northman« (2022). © Focus Features LLC.

Mr. Eggers, »The Witch« und »The Lighthouse« waren in der Mythenwelt von New England verankert, wo Sie selber herkommen. Wie kamen Sie von dort zu den Wikingern?

Zum einen schrieb ich eine ganze Reihe von Drehbüchern, die nicht in New England angesiedelt waren, für die ich aber kein grünes Licht bekam. An Wikingern war ich vollkommen desinteressiert und bin immer noch ein wenig erstaunt darüber, dass ich solch einen Macho-Film gemacht habe. Ich gebe zu, dass mir »Conan der Barbar« mit Arnold Schwarzenegger als Kind gefallen hat, aber ansonsten ist das überhaupt nicht mein Ding. Aber als ich dann 2015 mit meiner Frau in Island war, hat mich die Landschaft nachhaltig beeindruckt. Auch, dass Menschen dort in den sogenannten dunklen Zeiten nicht einfach gestorben sind, sondern eine Kultur geschaffen haben. Sind Wikinger schrecklich und gewalttätig? Sicher! Aber zugleich sind sie große Poeten und Künstler, auch Musiker. Es erwies sich zudem als eine Kultur der Fusion, was ich nicht erwartet hatte – denken Sie nur an die arabische Münze, die Amleth im Film die ganze Zeit über trägt. 

Die Atmosphäre einer Landschaft, eines bestimmten Settings, das mich verzaubert: das ist für mich immer der Ausgangspunkt eines Films. In diesem Fall die isländische Landschaft. Die verbinde ich mit einer bestimmten Welt – dann kommt die Recherche, die ich sehr liebe.

Ist die Recherche Ihre bevorzugte Phase beim Filmemachen?

Nein, ich liebe alle Phasen. Die wichtigste ist die, wenn der Film auf das Publikum trifft. Aber das macht mir am wenigsten Spaß, weil ich dann nichts mehr dazu beitragen kann.

Sie haben schon 2015 über einen Wikingerfilm nachgedacht?

Der eigentliche Anstoß kam erst einige Jahre später, als mich Alexander Skarsgård zum Essen einlud und erzählte, dass er versucht hätte, einen Wikinger-Film zu produzieren, gemeinsam mit Lars Knudsen, der einer meiner Produzenten bei »The Witch« war. Da ich selber aus New England stamme, war mir klar, dass ich einen Co-Autor aus Island brauchen würde. Die Sagen sind in hohem Maße ein Teil ihrer kulturellen Identität und Psyche – selbst ein moderner Isländer, der die Wikinger hasst, weiß genau, von welchen mythologischen Figuren er abstammt und auch moderne Isländer glauben an Feen und ähnliches. 

An welchem Punkt in der Entwicklung des Drehbuches stießen Sie auf die Parallelen zu »Hamlet« und was hatte das für Auswirkungen? 

Unmittelbar nach dem Gespräch mit Alexander. Ich war höchst erstaunt, denn mein Collegeprofessor war ein Shakespeare-Spezialist und ich habe bei »Hamlet« in einer Straßentheaterproduktion Regie geführt und selber den Hamlet gespielt, ohne zu wissen, dass er auf dieser Wikingersaga basierte. Das war eine große Entdeckung, denn ich wollte mich wirklich auf Wikingerfolkore einlassen, was schon eine Herausforderung war, mit dem Opfer einer versklavten Frau bei einem Wikingerbegräbnis und einem abgeschlagenen Kopf, der noch spricht. Wenn man sich dabei auf eine Geschichte beziehen kann, die jeder kennt und die etwa auch dem Disney-Film »König der Löwen« zugrunde liegt, dann könnte ich daraus einen Film für ein großes Publikum machen. 

Es sind die Mythen einer Kultur, die Sie besonders anziehen?

Mythen, Märchen, Folkore sind das, was mich am meisten interessiert – mehr als das Filmemachen. Ich fühle mich privilegiert und glücklich, dass ich Geschichten erzählen kann, die von anderen Menschen gesehen werden. In meinen Filmen versuche ich, die Denkweise der jeweiligen Zeit zu erkunden und es dem Publikum objektiv und ohne Vorurteile zu präsentieren. Deshalb gibt es in all meinen Filmen das Übernatürliche neben dem Realistischen, Es gehört unwiderruflich dazu – es gab ja auch keine atheistischen Wikinger. Ich möchte keine Botschaft vermitteln, sondern lediglich eine Geschichte erzählen. Aber die hat natürlich eine Beziehung zum Heute, ich kann ja keine Filme für Wikinger machen, denn die sind tot. Wenn ich die Geschichte aus der Perspektive von Amleth erzähle, endet sie für ihn mit einem Happy End – ich allerdings habe daran meine Zweifel. 

Dann stimmen Sie nicht mit der Äußerung des Protagonisten überein, der kurz vor dem Ende des Films sagt, er müsse wählen zwischen seiner – vom Hass getriebenen – Mission und der Familie – und er würde beide wählen? Es ist nicht möglich, beides zu haben?

Wenn man Realist ist, muss man pessimistisch sein in Bezug auf die menschliche Natur, aber um zu überleben und etwas tun zu können, muss man ein Optimist sein.

Mussten Sie bei dem großen Budget Kompromisse machen?

Weniger als man erwarten sollte! Es gab zwei wesentliche Kompromisse, die ich nicht mag: der erste, ich durfte keine Penisse im Bild haben, weil der Film auch in Flugzeugen gezeigt werden soll. Am Ende war das aber vielleicht besser für den Film, weil es die Aufmerksamkeit mancher Zuschauer von der Geschichte abgelenkt hätte. Ich glaube allerdings, der Angriff von nackten Kriegern wäre noch erschreckender ausgefallen. Der andere Kompromiss war der Pandemie geschuldet, die es unmöglich machte, in Island mit der Hauptcrew zu filmen. Wir mussten also mehr isländische Hintergründe per Bluescreen in die irischen Landschaften integrieren. Das wird immer wieder gemacht, aber ich mache das nicht gerne – das war sehr frustrierend für mich. Wo die Kompromisse schwierig waren, das war in der Postproduktion, denn ich hatte keinen final cut. Da bin ich Sjón sehr dankbar, der zu mir sagte, »wenn wir die Anmerkungen des Studios nicht kreativ interpretieren können, dann haben wir nicht hart genug gearbeitet!« Das ist die einzige Einstellung, die ich akzeptieren kann, denn anderenfalls verzettelt man sich mit dem Film oder ich liefere etwas ab, für das ich mich schämen muss. Wir haben also hart gearbeitet, ich bin beinahe gestorben, das werde ich nicht noch einmal machen. Aber auf diese Weise ist der Film besser geworden, zu dem, was ich dem Studio damals gepitcht hatte »der unterhaltendste Film von Robert Eggers«. 

Wie haben Sie Sich und Ihre Schauspieler für diese Anstrengungen motiviert?

Ich hatte immerhin wetterfeste Kleidung an, aber Alexander war nackt im Regen, in der Kälte. Alex hat sich selber motiviert, trotz all seiner Frustration, dass wir die erste Actionsequenz 18,19 mal wiederholten. Er hat sich das dann auf dem Monitor angesehen und gesagt: »Das kann ich besser machen!« 

Die Kämpfe im Film haben eine große physische Qualität, sie sind sehr brutal...

Das stimmt, die Männer sind Kämpfer und stolz darauf. Ich weiß nicht, ob ich dabei die richtige Mittellinie gefunden habe. »The Northman« ist eben ein aufwändiger Actionfilm. Um dem Genre treu zu bleiben und den Sagen gerecht zu werden, müssen Kampfszenen eine bestimmte Qualität haben. Ich wollte aber keinen Film machen, der die Gewalt glorifiziert. Wenn einem der Kämpfer die Eingeweide aus dem Bauch fallen, habe ich es vielleicht übertrieben. 

Während ich den Film ansah, hatte ich die Phantasie, dass Thomasin (die Protagonistin aus »The Witch«, verkörpert wie in »The Northman« von Anya Taylor-Joy) ihre übernatürlichen Kräfte nutzt, um 500 Jahre in der Zeit zurückzureisen und einem Sterblichen bei seiner Mission hilft. Ist das sehr weit hergeholt?

Die Zeit der Wikinger war keine tolle Zeit für eine Frau, definitiv eine bessere für eine Hexe! Eggers lacht. 

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