Filmfest München: Vorwiegend schwarz-weiß

Albrecht Schuch in »Lieber Thomas« (2021). Foto: Peter Hartwig

Albrecht Schuch in »Lieber Thomas« (2021). Foto: Peter Hartwig

Das Filmfest München startete punktgenau zur Wiederöffnung der deutschen Kinos, drinnen und draußen, mit reduziertem ­Programm, in dem die deutschen Filme wieder die wichtigste Schiene bildeten

München kann sehr kalt sein. Das schlechte Wetter jedenfalls, oft Regen und nicht jeden Abend sommerliche Temperaturen, hat dem Filmfest das Leben durchaus schwer gemacht. Im letzten Jahr wurde es ja erst einmal komplett abgesagt, eine digitale Aus­gabe hielt man nicht für festivalgerecht. Später kamen dann aber »Pop-up«-Veranstaltungen unter freiem Himmel dazu. Zuerst rechnete das Filmfest auch in diesem Jahr nur mit ­Kino unter freiem Himmel, später erweiterten dann auch Lichtspieltheater die Kapazität, meist mit nur einer Schiene am Tag. Insgesamt spielte das Filmfest in acht Open-Air-Locations und in sieben ortsfesten Sälen. Mit einem aufwendigen Sicherheitsstandard übrigens – um den sich die Münchner Innenstadtgastronomen allerdings ­wenig scherten. Das Filmfest startete ­quasi parallel zur Wiedereröffnung der Kinos, und es war schon erhebend, Kino auf großer Leinwand, drinnen wie draußen, en bloc erleben zu dürfen. Da nahm man auch ein paar organisatorische Unzulänglichkeiten (so waren einige Kinos für Fachbesucher nicht buchbar) in Kauf. 25 000 Besucher zog das Filmfest an, bei einem deutlich reduzierten Programm – statt 180 Titeln 2019 waren es in diesem Jahr »nur« 70 – und einer auf ein Viertel geschrumpften Sitzplatzauslastung. Die Veranstalter waren zufrieden. 

Bei »Lieber Thomas« von Andreas Kleinert jedenfalls musste man beim Open Air »Kino, Mond und Sterne« im Münchner Westpark gut eingepackt sein. Der Eröffnungsfilm der Reihe »Neues Deutsches Kino«, auch in diesem Jahr die vielleicht wichtigste Schiene des Münchner Filmfests, war immerhin knapp zweieinhalb Stunden lang. Aber man wünscht ihn sich auch keine Minute kürzer. In Schwarz-Weiß erzählt Kleinert seine Hommage an den Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch, überragend gespielt von Albrecht Schuch – wieder einmal. Es ist auch ein Bilderbogen über die untergegangene DDR, die Verflechtungen dort, und eine Gesellschaft, in der Individualismus als Zeichen von Widerstand aufgefasst wird. Denn Brasch ist in diesem Film kein politischer Rebell (auch wenn er gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in Prag protestiert), sondern ein manischer Künstler: Der Film beginnt nicht umsonst paradigmatisch mit dem vollgeschriebenen nackten Körper seiner Freundin. Braschs Vater Horst (Jörg Schüttauf) war ein hohes Tier in der Hierarchie der DDR, Vizekulturminister, Emigrant, überzeugter Kommunist, und man spürt in diesem Film auch die Auflehnung gegen die Vätergeneration und ihre Worthülsen. 

Kleinert, der in Babelsberg Regie ­studierte und mit »Verlorene Landschaft« 1992 schon einmal einen DDR-Rückblick vorlegte, wirft einen sehr persönlichen Blick auf diesen charismatischen Unbequemen, klammert aber seine Besessenheit nicht aus. Es ist erstaunlich, wie sehr die DDR noch Thema im deutschen Film ist. In dem berührenden Nahschuss (Kritik in diesem Heft) beschäftigt sich Franziska Stünkel mit dem letzten Menschen, der in der DDR 1981 einer Hinrichtung zum Opfer fiel – und korrigiert vor allem das Bild des tragischen, einsamen Stasimitarbeiters à la »Das Leben der Anderen«. Und im Mittelpunkt der Nachwende­geschichte »Das Mädchen mit den goldenen Händen« von Katharina Maria Schubert steht auch eine große Unbequeme (Corinna Harfouch), die sich gegen den Umbau des Kinderheims wehrt, in dem sie aufgewachsen ist. 

Als Filmstadt stand München seit den 20er Jahren eigentlich immer im Schatten von Berlin, gerade in den letzten Jahren, in den Zeiten der hippen Hauptstadt. Der Produzent und Regisseur Franz Seitz (jun.) war Münchner, überzeugter Münchner. Das Filmfest präsentierte eine kleine Werkschau und zeigte den Dokumentarfilm »Du kannst mich fragen was Du willst«, den seine Enkelin Anni über ihn gemacht hat. Eine sehr persönliche Annäherung an den Großvater und liberalen Konservativen. Die jungen Regisseure des neuen deutschen Films haben Produzenten wie Seitz gnadenlos der »Altbranche« zugerechnet, und Seitz hat ihnen mit den Lümmel- und Lausbubenfilmen auch Futter geliefert. Aber Seitz, der liberale Konservative, hat Volker Schlöndorff eine Chance gegeben und 1966 dessen ersten Film »Die Verwirrungen des Zöglings Törless« produziert. Schlöndorff sagt, dass die Berührungsangst zwischen Alt und Jung für den deutschen Film verhängnisvoll war. Da kann man ihm nur zustimmen. 
 

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