Interview: Verabschiedung Thomas Frickel

Thomas Frickel Foto: Dirk Ostermeier

Thomas Frickel Foto: Dirk Ostermeier

epd Film: Bereits in der Gründungsphase der AG DOK hatte der Dokumentarfilm einen schweren Stand im Kino.

Thomas Frickel: Das stimmt. Aber schon damals schrieb der Filmkritiker Wolfram Schütte in der »Frankfurter Rundschau«: »Der Dokumentarfilm ist nicht weniger Spielfilm, nicht bloß Stoff und Facts, sondern zugleich Fiction und Form. Es wird höchste Zeit, dass er in die Kinos zurückkehrt und ein Publikum findet, das ihn dort sucht, weil es schließlich wieder Menschen im gelebten Leben ins Auge blicken will.«

Es scheint, dass der Kino-Dokumentarfilm heute ohne die Finanzierung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen gar nicht mehr möglich ist. 

Schön wär’s. Exstaatsminister Bernd Neumann zitierte beim Berliner Festakt aus unserer aktuellen Studie zur Rundfunkfinanzierung, dass die ARD nur 0,78 Prozent ihres Finanzvolumens in Auftragsproduktionen für Dokumentarfilme investiert. Stattdessen verlassen sich die Sender darauf, dass unabhängige Produktionsfirmen bei der Kinofilm-Förderung zusätzliches Geld für Filme einsammeln, die eigentlich reine Fernsehproduktionen sein müssten. ARD und ZDF kommen ja nicht direkt an diese Gelder ran. Trotzdem würde ich nie sagen, dass Fernsehen Teufelswerk ist. Fakt ist aber, dass viele deutsche Dokumentarfilme als eindeutige Fernsehproduktionen besser bedient wären. Im Kino haben diese Filme oft keine Chance, weil ihnen dann das Geld für die Werbung fehlt.

Schränken die Redaktionen die Themenfelder für Dokumentarfilme ein?

Das thematische Spektrum ist immer noch ziemlich groß. Ein größeres Problem ist, dass bestimmte künstlerische Ansätze nur noch wenige Chancen haben. Es macht viele Redaktionen nervös, wenn die Szenen zu lang sind und Zusammenhänge nicht noch einmal aus dem Off erklärt werden. Das sind typische Konflikte, die bei der Fertigstellung der Filme entstehen. Leider haben viele Produzenten und Filmemacher mittlerweile internalisiert, was das Fernsehen von ihnen erwartet. 

Worum hat sich die Dokumentarfilmszene vor 40 Jahren organisiert?

Es ging 1980 nicht nur um unser Verhältnis zum Fernsehen – in der Gründungserklärung wurde schon damals beklagt, dass der Dokumentarfilm im kommerziellen Kino so gut wie gar nicht vorkam. Aber auch damals gab es bereits eine lebendige nichtkommerzielle Szene, die mit ihren rasselnden 16-mm-Projektoren Film-Arbeit gemacht hat. Die Filme dieser Zeit waren politisch, und die Titel waren programmatisch, zum Beispiel »Rote Fahnen sieht man besser« von Rolf Schübel. Das Bundesarchiv hat das übrigens viele Jahre später mal zu einer Retrospektive unter dem Titel »Rote Filme sieht man besser« abgewandelt. Damals kam auch die Frauen-Filmbewegung auf, vertreten durch Namen wie Helke Sander, Claudia von Alemann, Gisela Tuchtenhagen und viele andere. 

Die damals noch junge Duisburger Filmwoche und die Kurzfilmtage Oberhausen waren Kulminationspunkte der Dokumentarfilmszene im Westen. Dort sahen wir dann bis zu 55 Minuten lange dokumentarische »Kurzfilme«, die für die dritten Programme gemacht worden sind. Bei solchen Veranstaltungen kristallisierte sich heraus, dass die Szene sich organisieren muss. 1979 hatte sich das Hamburger Filmbüro gegründet und die erste selbstverwalteten Filmförderung erstritten, es gab das Kuratorium Junger Deutscher Film – ansonsten gab es nur die zentrale bundesweite Filmförderungsanstalt, die FFA. Und die hatte mit dem Dokumentarfilm damals überhaupt nichts am Hut. 

Was charakterisiert gute Dokumentarfilmerinnen und -filmer? 

Vor allem die Haltung. Regisseurinnen und Regisseure dürfen nicht besserwisserisch, sondern sie müssen ergebnisoffen an die Wirklichkeit herangehen, sie müssen offen für überraschende Wendungen sein, und sie müssen die Menschen vor der Kamera so nehmen, wie sie sind und dürfen sie nicht als Sprechblasen missbrauchen. Dazu gehört auch eine gewisse soziale Kompetenz. Wir müssen mit unseren Protagonisten so umgehen, dass sie sich öffnen. Mehr und mehr gehört natürlich auch das handwerkliche Können dazu – also dass man Wert auf die Bilder legt und nicht nur auf die politische Aussage. Ich denke, dieser handwerkliche Aspekt hat sich enorm weiterentwickelt. Heute gibt es viele Möglichkeiten zur Ausbildung, bei unserer Gründung gab es nur zwei Filmhochschulen in Westdeutschland und einige wenige Kunsthochschulen. 

Heute werden zu viele Kinostarts von Dok-Filmen beklagt.

Im letzten Jahr waren es laut FFA 101, in den Vorjahren zwischen 80 und 90. Das hängt eben damit zusammen, dass die Sender – anders als bei jedem x-beliebigen Fernsehspiel – Dokumentarfilme in der Regel nicht voll finanzieren. Und wenn man Filmförderung annimmt, ist der Kinostart ein absolutes Muss. Filme, die von Anfang an nur fürs Kino produziert werden, sind selten. Allerdings gibt es unter ihnen auch richtige Independents wie »Pedal the World« von Felix Starck oder »Weit« von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser – für den 2018 sensationelle 500.000 Kinokarten verkauft wurden. Erfolgreiche »Ausreißer« dieser Art haben wir zum Glück immer wieder – aber leider gibt es halt auch viele Dokumentarfilme, die im Kino nicht mehr als 5000, manchmal sogar unter 1000 Besucher erreichen. Das sind oft keine schlechten Filme, aber ihnen fehlen die Mittel, um sichtbar zu werden, und ihre Themen sind vielleicht auch ein wenig sperriger als bei den genannten Beispielen. 

Mehr als 90-minütige Dokumentarfilme haben es besonders schwer im Kino. Erstaunlicherweise hat sich Thomas Heises »Heimat ist ein Raum aus Zeit« auf dem internationalen Kinomarkt gut verkauft.

Außerdem hat er auf internationalen Filmfestivals viele Preise gewonnen. Es gab auch in der Vergangenheit immer wieder Jahre, in denen das deutsche Filmschaffen international vornehmlich durch Dokumentarfilme vertreten war. Ich persönlich habe ja eine Schwäche für Filme, die sich nicht den gängigen Sehgewohnheiten unterwerfen – oder auch für Langzeitdokumentationen, wie sie Barbara und Winfried Junge über Jahrzehnte, muss man ja sagen, mit ihren »Kindern von Golzow« geleistet haben. Es ist ein Kampf, für diese Filme das Geld zusammenzubekommen. Bei den Förderungen – und beim Fernsehen. Es klappt nur mit bestimmten Redakteuren, die sagen, das machen wir jetzt. Und dann wird im Sender noch irgendwo Geld zusammengekratzt. 

Welche Erfolge konnte die AG DOK in Ihrer Amtszeit verzeichnen?

Ein paar Beispiele: Wir haben uns Sitze in den Aufsichtsgremien der Verwertungsgesellschaften VG Wort, VFF und VG Bild-Kunst erstritten. Außerdem wurden wir nach langen Bemühungen 1998 in den Verwaltungsrat der FFA aufgenommen. Wir sind Gesellschafter von German Films, nach neunjähriger Auseinandersetzung mit dem Vorgänger, der Export-Union des deutschen Films. Im Reglement des Deutschen Filmpreises gibt es auf unser Betreiben hin eine spezielle Dokumentarfilm-Kategorie – und manches mehr… 

Beim Berliner Festakt haben Sie sogar von einer gerichtlichen Auseinandersetzung gesprochen.

Und nicht nur einmal! Als wir zum Beispiel 1998 mit einem eigenen Messestand auf den europäischen Filmmarkt der Berlinale wollten und der damalige Festivalleiter Moritz de Hadeln dies ablehnte. Wir haben uns dann in einem Theaterfundus Hausierer- Bauchläden besorgt und verteilten damit auf dem Filmmarkt unsere Broschüren. Als unser Antrag im Folgejahr wieder abgelehnt wurde, beantragten wir bei einem Berliner Gericht eine einstweilige Verfügung. Die Berlinale knickte ein. 

Was hat die AG DOK vor, um den Dokumentarfilm für das Publikum attraktiver zu machen?

Wir legen gerade eine neue von der FFA geförderte Social-Media-Kampagne auf, um im Umfeld unseres Jubiläums den Dokumentarfilm als Kino-Format hervorzuheben. Der Slogan lautet »Let’s DOK!«. Wir glauben, dass der Dokumentarfilm im sozialen und politischen Diskurs unserer Gesellschaft eine ganz wichtige Rolle spielt und dass er dazu beitragen kann, die Gräben zu überwinden, die zwischen den unterschiedlichen Gruppen, Lagern und Milieus aufgebrochen sind. Durch ihn bekommt man Einblicke in andere Lebenswelten, die sonst verschlossen sind. So gesehen leistet der Dokumentarfilm einen Beitrag für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und zur Stärkung unserer Demokratie. Unser anderer Jubiläums-Slogan heißt: »Docs for Democracy«. 

Reicht das aus, um mehr Besucher ins Kino zu locken?

Wir streben an, dass sich die Abspielför­derung dem Dokumentarfilm auch auf re­gionaler Ebene stärker annimmt. Dieses Jahr hatten wir erstmals den »Hessischen Dokumentarfilmtag« durchgeführt, in neun hessischen Kinos liefen zeitgleich Dokfilme unter dem Motto »Näher an der Wirklichkeit«. Der Tag zog viele Besucher an, aber nur, weil uns die Förderinstitution HessenFilm Gelder für eine entsprechende Marketing-Kampagne zur Verfügung gestellt hat. Es hat sich wieder einmal gezeigt, dass den Kinos generell die Mittel und das Personal fehlen, Programme zu kuratieren und die Filme für das Publikum durch Werbung sichtbar zu machen. Im aktuellen »Zukunftsprogramm Kino« von Bund und Ländern hat leider vor allem die Erneuerung der Projektions- und Kassentechnik Priorität. Damit allein kann man keine »Kundenbindung« herstellen.

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