Interview: Jörg und Anna Winger über »Deutschland 89«

»Es geht darum, sich neu zu erfinden«
Jörg und Anna Winger. Foto: Amazon

Jörg und Anna Winger. Foto: Amazon

Mit »Deutschland 83« wollte RTL vor fünf Jahren endlich mit einer deutschen Produktion am großen internationalen Phänomen der Qualitätsserien teilhaben. Allein, die Zuschauerquoten machten damals nicht mit. Sein Publikum fand »Deutschland 83« schließlich trotzdem – und das gleich international und per Streaming auf Amazon Prime. Nachdem das Autorenpaar Anna und Jörg Winger in »Deutschland 86« unter anderem die verzwickten Außenhandelsbeziehungen der DDR zum Hintergrund ihrer Spionage-Story nahmen, geht es im nun anlaufenden »Deutschland 89« um den Mauerfall – und vor allem um das unmittelbare Danach mit all seinem inzwischen oft vergessenen Chaos

Frau Winger, Herr Winger, mit »Deutschland 89« geht nun Ihre Serie zu Ende, die vor fünf Jahren mit »Deutschland 83« ihren Anfang nahm. War eigentlich von Beginn an geplant, dass das eine Trilogie wird?

Anna Winger: Ja, wir haben das von Anfang an als Trilogie gepitcht. Damals hatten wir einen Artikel im »New Yorker« über dänisches Fernsehen gelesen, in dem es um eine Formel ging, nach der dort die meisten Serien entwickelt wurden. Und unser Gedanke war: Wenn so viele gute Serien in Dänemark gemacht werden können, warum dann nicht auch in Deutschland. Die wichtigsten Grundsätze waren jedenfalls: nicht mehr als acht Folgen pro Staffel – und nicht mehr als drei Staffeln.

Jörg Winger: Das klang in unseren Ohren ziemlich vernünftig. Aber natürlich hat das in unserem Fall auch damit zu tun, dass es die Geschichte eines Endes ist, sowohl eines Landes als auch einer Organisation. Dass die DDR 1989 ihr Ende findet, stand schließlich fest.

AW: Wobei es erst die Entscheidung für eine Trilogie gab – und wir davon ausgehend 1983 als Anfangspunkt auswählten.

JW: Kurz haben wir jetzt allerdings darüber nachgedacht, ob wir die letzte Staffel nicht »Deutschland 1990« nennen müssten. Denn tatsächlich spielt sie größtenteils nach dem Fall der Mauer.

Partner in Deutschland war bei der ersten Staffel noch RTL, doch dort lief die Ausstrahlung nicht überragend. Haben Sie das damals als Misserfolg erlebt?

JW: Zunächst einmal war es visionär und mutig, dass der Sender sich damals überhaupt auf »Deutschland 83« eingelassen hat, eine moderne, nach internationalen Standards erzählte Serie. Die deutsche Fernsehlandschaft war ja noch eine vollkommen andere, Netflix, Sky und Co. gab es noch nicht beziehungsweise tauchten sie erst langsam am Horizont auf. Aber entsprechend waren die Erwartungen sicherlich auch einfach zu hoch.

In welchem Sinn?

JW: Wenn man eine völlig neue Art des Erzählens beginnt, kann man nicht erwarten, dass sofort alle hinströmen. Eigentlich waren die zwei bis drei Millionen Zuschauer damals sogar ein Erfolg, denn normalerweise muss man so etwas erst einmal über eine längere Zeit aufbauen.

AW: Außerdem haben sie die Folgen nicht als Serie gezeigt, sondern immer zwei Episoden quasi als Film präsentiert. Da konnte die Spannung des vorwärtstreibenden Serienguckens natürlich nicht wirklich aufkommen. Letztlich war das nicht das richtige Zuhause für »Deutschland 83«. Dass trotzdem überall geschrieben wurde, die Serie sei ein riesiger Flop, mussten wir akzeptieren. Aber weil sie sechs Monate vorher schon in den USA gelaufen war und für wahnsinnig viel Begeisterung gesorgt hatte, fiel uns das leichter.

JW: Nicht lange nach der RTL-Ausstrahlung war die Serie dann ja aber schon bei Amazon Prime zu sehen und lief dort so gut, dass die Leute dort unbedingt weitermachen wollten.

Was war Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass die Reaktionen in den USA um einiges euphorischer ausfielen als in Deutschland?

AW: Was Serien angeht, hinkte Deutschland damals dem Rest der Welt einfach sehr hinterher, in der Produktion genauso wie in der Rezeption.

JW: Das Element in unserer Erzählung, das manchen Deutschen vielleicht ein bisschen aufgestoßen ist, war womöglich der etwas spielerischere Umgang mit der Geschichte. Während es uns nicht so sehr um Akkuratesse geht, gab es gleichzeitig unheimlich viele Leserbriefe dazu, dass Moritz Stamm seine Mütze bei der Bundeswehr falsch trägt. Es gibt mit guten Gründen hierzulande die Haltung, dass man mit deutscher Geschichte sehr verantwortungsvoll umgehen muss. Aber auch wir sind da nicht leichtfertig, sondern haben uns einem psychologischen Realismus verschrieben. Wir lügen nicht, was historische Ereignisse betrifft, aber erzählen eben doch eine fiktive Geschichte mit fiktiven Figuren und gehen dabei auch durchaus gerne mal in die absurderen Momente. Diese Tonart ist auf der Klaviatur des klassischen deutschen Historienfilms einfach nicht vorgesehen.

Rechnen Sie damit, dass es diesbezüglich im Zuge von »Deutschland 89« noch mal zu Diskussionen kommt? Der Mauerfall und die Wiedervereinigung sind ja für viele durchaus sensible Themen ...

JW: Uns hat es ja viel Spaß gemacht, die Reaktion unserer Helden auf den Mauerfall zu sehen. Denn die sind alle entsetzt. So entsetzt wie ich damals – und ich scherze nur halb. Auf jeden Fall haben viele heute vergessen, wie kritisch die Idee der Wiedervereinigung damals von vielen betrachtet wurde. Es gab da gar nicht den einhelligen Begeisterungssturm, von dem rückblickend manchmal berichtet wird. Insofern gehen wir da sicherlich auch an eine heilige Kuh. Deswegen rechne ich schon mit der einen oder anderen Breitseite.

AW: Maria Schrader sagt meinen liebsten Satz, der auch im Trailer zu sehen ist: »Die Leute schreien nach Freiheit. Und was sie kriegen ist Kapitalismus.«

Wie erinnern Sie als Amerikanerin sich an den Fall der Mauer, Frau Winger?

AW: Ich studierte damals an der Columbia University in New York und habe das natürlich im Fernsehen verfolgt. Zufälligerweise hatte ich im Sommer 89 Europa bereist und war auch in Deutschland. Wir waren in München und dachten darüber nach, nach Berlin zu fahren. Doch unser Besuch in Dachau hatte uns so deprimiert, dass uns der Sinn nach Spaß stand und wir lieber weiter in den Süden nach Venedig fuhren. Ich bedauere es bis heute, dass ich kurz vor dem Mauerfall in Deutschland war und nicht im geteilten Berlin war. Inzwischen lebe ich seit 18 Jahren hier in der Stadt, aber ich kenne sie eben nur ohne Mauer.

Weil Sie parallel an Ihrer Serie »Unorthodox« arbeiteten, hatten Sie bei »Deutschland 89« anders als bei den ersten beiden Staffeln nicht mehr die Position des Headwriters inne. Das hat stattdessen Ihr Mann übernommen. Wie schwer fiel Ihnen beiden diese Veränderung der Verantwortlichkeiten?

AW: Ich finde es vollkommen normal, dass man als Schöpfer einer Serie irgendwann mal aussteigt und die Verantwortung abgibt. Das kommt immer wieder vor, damit hatte ich kein Problem. Wenn ich jetzt die neuen Folgen sehe, fühle ich einen ganz besonderen Stolz. Weil da etwas, das ich selbst mir einmal ausgedacht habe, ein Eigenleben entwickelt hat.

JW: Dass ich nicht mehr nur Showrunner, sondern nun auch Headwriter war, ging natürlich nicht ganz spurlos an mir vorbei. Weswegen ich danach gerne drei Monate Urlaub gemacht hätte.

AW: Da hat er mal gesehen, wie das in den Jahren vorher für mich war! Aber in der Tat war es stressig, denn Jörg fing mit den Dreharbeiten zu »Deutschland 89« nur zehn Tage nach Drehschluss von »Unorthodox« an. Das war ein intensiver, aufreibender Sommer. Insgesamt hat sich aber gar nicht so viel verändert. Wir sind bei allen Projekten immer der erste Ansprechpartner des anderen, lesen alles und sprechen sowieso zu Hause die ganze Zeit über die Arbeit.

Bleiben Sie dabei, dass mit »Deutschland 89« Schluss ist? Oder gibt’s im Hinterkopf doch auch noch Ideen für eine Fortsetzung in den 90er Jahren?

JW: Sicherlich könnte man auch spannende Geschichten aus den 90ern erzählen. Aber die Marke Deutschland findet mit dem Ende der DDR einfach ihren ganz natürlichen Tod. Das Meta-Thema von »Deutschland 89« ist das Sich-Neu-Erfinden – und tatsächlich gehen dann auch alle unsere Figuren in ganz viele verschiedene, neue Richtungen. Insofern ist das einzige, was überhaupt möglich wäre, eine Art Spin-Off, das aber mit der eigentlichen Serie nicht mehr wirklich viel zu tun hat.

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