Interview: Anna Winger über ihre Miniserie »Unorthodox«

»Unorthodox« (Miniserie, 2020). © Netflix

»Unorthodox« (Miniserie, 2020). © Netflix

Anna Winger, Drehbuchautorin, über die Verfilmung von »Unorthodox«, die sie zusammen mit Maria Schrader als Regisseurin umsetzte

Was hat Sie an Deborah Feldmans autobiografischem Roman »Unorthodox« interessiert, und was hat Sie bewogen, den Stoff für einen Mehrteiler zu adaptieren?

Ich hatte bereits an einer anderen Idee über eine jüdische Familie im heutigen Berlin gearbeitet und mit der Dokumentarfilmemacherin Alexa Karolinski darüber gesprochen, was es für uns bedeutet, als Juden in Deutschland zu leben, über den Einfluss der Geschichte und die damit verbundenen Traumata. Und mit Deborah Feldman bin ich befreundet, weil unsere Kinder in dieselbe Schule gehen. Wir reden über alle möglichen Themen und natürlich auch darüber, als amerikanische jüdische Frauen in Berlin zu leben. Eines Tages fragte mich Deborah geradeheraus: »Warum machst du nicht eine TV-Show aus meinem Buch?« Ich liebte ihren Roman, aber ich war mir nicht sicher, ob es als Serie funktionieren würde. Wir haben dann bei der Adaption schnell beschlossen, die Geschichte auf zwei Zeitebenen zu erzählen. Die Flashbacks über ihr Leben in der orthodoxen Gemeinde in Brooklyn sind aus dem Buch, und die Gegenwart ab dem Zeitpunkt, als sie ihren Mann verlässt und ihr neues Leben in Berlin beginnt, ist fiktional. Ich bin es gewohnt, Geschichten komplett neu zu entwickeln, und Deborah gab Alexa und mir da enorme kreative Freiheit.

Sie begannen im November 2018 zu schreiben . . .

Und ein Jahr später, Mitte Dezember 2019, lieferten wir den fertigen Mehrteiler bereits ab! In dieser kurzen Zeit sind wir alle zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Viele Darsteller und Crewmitglieder stammen aus der jüdischen, zum Teil sogar aus derselben orthodoxen Community, die sie wie Deborah verlassen haben. Es war toll zu sehen, wie viele junge Leute zueinandergefunden haben und wieder in ihrer Muttersprache Jiddisch miteinander reden konnten. Es ist mit Abstand das jüdischste Projekt, an dem ich bisher gearbeitet habe. In den USA ist es sehr viel normaler, aber hier in Deutschland ist es noch immer die absolute Ausnahme, eine Geschichte aus der Binnenperspektive zu erzählen, nicht mit dem Blick von außen. Wir haben alle jüdischen Charaktere mit jüdischen Darstellern besetzt, die wir hier, in Frankreich, Israel und den USA gefunden haben. Uns war wichtig, mit Menschen zu arbeiten, die ein Gefühl für die Geschichte und die Sprache haben.

Warum haben Sie die Vorlage bei der Adaption so stark verändert?

Wir wollten die Selbstfindung einer jungen Frau, die Suche nach ihrem Platz in der Welt erzählen und den Fokus auf ihr neues Leben in Berlin legen und kein Biopic über Deborah Feldman machen. Rein filmisch schien es uns auch weniger attraktiv, eine Schriftstellerin allein an ihrem Computer zu zeigen, deswegen haben wir uns entschieden, aus der Hauptfigur Esther eine Musikerin zu machen. So wird es dynamischer und unterscheidet sich zugleich stärker von der realen Deborah. Das Konservatorium, in dem sie Anschluss findet, ist inspiriert von der Barenboim-Said-Akademie hier in Berlin, der Musikhochschule für Stipendiaten aus dem Nahen Osten, Juden und Muslime, ein ganz besonderer, fast utopischer Ort, wie er wohl nur in Berlin möglich ist. Ich liebe Berlin, ich bin mit einem Deutschen verheiratet, meine Kinder sind hier geboren, ich habe es zu meiner Heimat gemacht. Und mich fasziniert die Geschichte. Zum Holocaust gibt es zahlreiche deutsche Produktionen, wir wollten mit »Unorthodox« vom Alltag und vom Leben heute erzählen. Viele Serien derzeit sind extrem düster und apokalyptisch, wir wollten dem etwas zutiefst Hoffnungsvolles entgegensetzen.

Wie haben Sie die Balance gefunden zwischen dieser Emanzipationsgeschichte und dem authentischen Porträt einer Community, die sich nach außen abschottet?

Es ist keine Serie über diese orthodoxe Community, sondern über die Ehe zweier junger Menschen, die im Grunde nicht wissen, was sie tun. Sie sind beide auf der Suche nach ihrer Identität. Wir wollten auf keinen Fall diese spezifische Gemeinde kritisieren — überall auf der Welt suchen junge Menschen nach ihrer Identität, unabhängig von den Erwartungen ihrer Eltern und dem Umfeld, in dem sie aufgewachsen sind, das hat etwas sehr Universelles. Ich hoffe, dass sich auch Zuschauer damit identifizieren können, die kaum etwas über das Judentum und speziell die chassidische Kultur wissen..

Wie schwierig war es, die Darsteller zu finden, allen voran Shira Haas als Esther?

Wir haben sehr, sehr lange gesucht, hatten Castings in London, Zürich, Deutschland und mit vielen Schauspielern in Israel. Wir haben uns mehr als 60 junge Frauen angeschaut. Als wir Shira fanden, waren wir uns sofort einig: Sie ist es! Es war ein magischer Moment, wie ich es zuvor nur einmal erlebt habe. Und das war mit Jonas Nay für »Deutschland 83«.

Regie führte Maria Schrader, mit der Sie bei »Deutschland 83/86/89« als Schauspielerin zusammenarbeiteten . . .

Ich gab ihr schon früh das Buch zu lesen, weil ich ihren Stefan-Zweig-Film Vor der Morgenröte so liebte. Wir heuerten dann einen Großteil des Teams an, allen voran Kameramann Wolfgang Thaler und Szenenbildnerin Silke Fischer. Sie prägen den Look des Mehrteilers, allein schon durch die Locations, die Silke in Berlin gefunden hat, wie das Musikinstrumentenmuseum, das bei uns das Konservatorium ist. Wir wollten Berlin als farbenfrohen, hellen Ort zeigen, im Gegensatz zu den abgedunkelten Innenräumen in Brooklyn und der altmodischen Welt, aus der Esther kommt.

»Unorthodox« startet weltweit auf Netflix. Was sind Ihre Erwartungen?

Ich muss zugeben, mir darüber keine Gedanken gemacht zu haben. Man muss an das glauben, was man tut, sich mit Leidenschaft hineinstürzen. Wenn ich schon vorher denken würde, wie es ankommt, könnte ich es nicht machen. Es ist zwar universell, aber auf sehr spezifische, persönliche Weise. Und »globale Nische« ist zusammengenommen größer als man denkt! Deswegen ist ein globaler Streamingdienst wie Netflix ideal dafür.

Was interessiert Sie als Erzählerin an Deutschlands Geschichte, und was zeichnet Ihren Blick aus distanzierter Nähe aus?

Mich ziehen Dinge an, die neu und unbekannt für mich sind. »Deutschland 83/86« und »Unorthodox« erzählen von Figuren, die eine fremde Welt für sich entdecken, ein bisschen wie Alice im Wunderland.

Sie leben seit 2002 in Berlin. Wie erleben Sie den Wandel der Stadt und den Alltag heute?

Damals war definitiv weniger Straßenverkehr, das fällt mir als Radfahrerin immer wieder auf. Berlin hat sich wie keine andere Stadt verändert in den letzten 30 Jahren; es ist einzigartig, auch in seinem Charakter, in seiner Resilienz und eigenartigen Mischung aus Grantigkeit und Offenheit. Ein sehr entspanntes Gefühl von Freiheit, das Gegenteil von New York, woher ich komme.

Wie nehmen Sie den Rechtsruck und wachsenden Antisemitismus wahr?

Der macht mir hier ebenso Sorgen wie in den USA. Natürlich ist es sehr beängstigend und schmerzhaft, aber ich glaube nicht, dass es speziell etwas mit Deutschland und seiner Vergangenheit zu tun hat. Es ist ein globales Problem.

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Meinung zum Thema

Kommentare

Mit "TV-Show" ist doch sicher eine Serie gemeint. Da wurde nicht richtig übersetzt. Im Amerikanischen sagt man zwar "TV-Show" oder nur "Show", aber im Deutschen meinen diese Begriffe doch etwas anderes.

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