Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg

Eigenwillig, immer noch
»Lorelei« (2020). © Freestyle Picture Company

»Lorelei« (2020). © Freestyle Picture Company

Die neue Leitung des Internationalen Filmfestivals Mannheim-Heidelberg hatte einen schweren Start – online. Aber das Programm enthielt viele Entdeckungen, ­darunter ein Film, der zu den ­besten von 2020 gehört

Mit den Legenden ist das ja so eine Sache – mitunter stehen sie auf wackligen Füßen. Aber die Regieheroen, mit denen sich die Mannheimer Filmwoche, wie das Festival früher hieß, brüstet, haben tatsächlich ihre Karrieren in Mannheim begonnen und ihre ersten Filme dort gezeigt. 1980 etwa lief »Permanent Vacation« von dem damals noch völlig unbekannten Jim Jarmusch, 1996 Thomas Vinterbergs Vor-Dogma-Film »Zwei Helden«, und 1968 hatte Roland Klicks »Bübchen« für kontroverse Diskussionen gesorgt. Rainer Werner Fassbinder zeigte seinen zweiten Film »Katzelmacher« 1969 in Mannheim, sein Debüt »Liebe ist kälter als der Tod« war ein paar Monate vorher auf der noch im Sommer veranstalteten Berlinale gelaufen. Die fand zum ersten Mal 1951 statt, die Mannheimer Filmwoche ein Jahr darauf – Deutschlands zweitältestes Filmfestival, und im Gegensatz zum Berliner »Schaufenster der freien Welt« entstanden aus dem filmkulturellen Umfeld der Filmclubs. 

Vielleicht dümpelte das Traditionsfestival in den letzten Jahren ein wenig herum – große überregionale Resonanz fand es jedenfalls nicht mehr. Man hätte dem neuen Team um Leiter Sascha Keilholz und Programmkurator Frédéric Jaeger bessere Startbedingungen gewünscht, als sie das Corona-Jahr 2020 bieten konnte – mit dem Lockdown seit Anfang November, der das Festival zu einer komplett digitalen Ausgabe zwang. Ihren Charakter als Newcomerfestival hat die Veranstaltung – natürlich – behalten, ebenso ein Kriterium, das immer schon zu Mannheim gehörte: Eigenwilligkeit. Das Spektrum des Wettbewerbs (der jetzt »On the Rise« heißt) reichte vom neorealistisch inspirierten »Una Promessa«, der von katastrophalen Arbeitsbedingungen im tiefsten Süden Italiens erzählt, bis hin zum bildgewaltigen und dennoch ziemlich spröden georgischen »Beginning« von Dea Kolumbegashivili, der ein paar Monate zuvor beim Festival von San Sebastián vier Preise abgeräumt hatte. Eine traumwandlerische Stimmung geht von dem chinesischen »Single Cycle« aus, der seine Protagonisten in Tableaus von Vereinzelung und Isolation zeigt und seine eher knappe Handlung – die Entfremdung einer Tochter von ihrer Mutter – immer wieder surreal überhöht.

Eine Mutter-Tochter-Beziehung steht auch im Mittelpunkt von »Asia«, einem Film der Israelin Ruthy Pribar. Asia (Alena Yiv) ist alleinerziehend, ihre Tochter Vika (Shira Haas) geht ihre eigenen Wege, rebelliert ein bisschen gegen die Mutter, die oft nicht zu Hause ist – bis die tödliche Krankheit der Mutter ein Zusammenrücken der beiden nötig macht. Es ist faszinierend, wie genau der Film gerade die Lebensbedingungen von Asia beobachtet, ihren Umgang mit den Patienten, ihre Nachbarschaft – ohne dabei sein emotionales Thema aus den Augen zu verlieren. Einen solchen Realismus findet man auch in »Lorelei« von Sabrina Doyle, einem düsteren Film über die amerikanische Provinz, der von den prekären Lebensverhältnissen handelt und sich als ein würdiger Nachfolger von »Winter's Bone« entpuppt.

In einer ganz anderen Schicht spielt »My Mexican Bretzel« von Nuria Gimenez: im gehobenen Bürgertum der Schweiz von den 40er bis in die 60er Jahre. Private Filme zeigen ein Ehepaar, das sich gegenseitig filmt, er arbeitet für ein Pharmaunternehmen, und im Off hören wir Exzerpte aus ihrem Tagebuch. Der Film zeigt das Ehepaar Leon und Vivian Barrett beim Boot- und Skifahren, mit Freunden, bei Urlaubs- und Dienstreisen – zu denen auch eine ins zerstörte Köln gehört. Vivian lebt in einem goldenen Käfig; es ist verwegen, aber man fühlt sich an Harald Brauns Wirtschaftswunderfilm »Der gläserne Turm« erinnert. Und Vivian bricht aus ihrem Käfig aus, leistet sich eine Liebschaft mit einem Mexikaner. Man spürt in diesen Bildern von damals auch den Geist von damals, etwa wenn Vivian (die nur selten die Kamera führt) ihren Mann in Machopose zeigt, ihn von unten filmt. »My Mexican Bretzel« ist so etwas wie ein Mockumentary, nur dass nichts gestellt ist: Nuria Gimenez hat die privaten Filme ihrer Großeltern verwendet und sie mit einem erfundenen Text unterlegt – ein ganz großer Wurf in der Geschichte des Found-Footage-Films, der ganz nebenbei auch viel über die Doppeldeutigkeit von Bildern erzählt. Zu Recht gewann die spanische Produktion den Hauptpreis des Festivals – und dieses 73-minütige Wunderwerk dürfte zu den besten Filmen des Jahres 2020 zählen.

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