68. Internationales Film Festival in San Sebastian

Schuld und Trauer
»Der Rausch« (Another Round, 2020) mit Mads Mikkelsen. © Weltkino

»Der Rausch« (Another Round, 2020) mit Mads Mikkelsen. © Weltkino

San Sebastián war das erste A-Festival nach Venedig, das wieder physisch stattfand – mit einer klaren Gewinnerin

»Wrap your troubles in dreams and dream all your troubles away«, säuselte es gleich in den ersten Minuten von der Leinwand des Kursaals im baskischen San Sebastián, wo Ende September die Internationalen Filmfestspiele unter erschwerten Corona-Bedingungen stattfanden. Eröffnet wurde mit »Rifkin's Festival«, Woody Allens 2019 hier vor Ort gedrehter Komödie, gewohnt selbstreferenziell und erstaunlich pointenarm. Und dessen Eingangssong, ein Jazzstandard aus dem Jahr 1930, klang leicht ironisch zugleich angesichts der sozial distanzierenden Pandemiemaßnahmen. Es wirkte wie ein Wunder, wie solidarisch, geordnet und sicher es letztlich über die Bühne ging. Zu verdanken war es der besonnen und koordiniert agierenden Festivalleitung unter José Luis Rebordinos, die mit großem Aufwand Maßnahmen installierte. So konnte auch das reguläre Publikum Filme sehen, und es wurde vermieden, dass San Sebastián zum abgeriegelten Branchentreff wurde. 

Auf das Programm hatte Corona vor allem qualitativ Einfluss, mit weitaus weniger Filmen und Vorstellungen und einem rund um die Hälfte reduzierten Sitzkontingent. Schmerzhaft war vor allem die abgesagte Retrospektive, die einen weltweit herausragenden Ruf hat. Die dem koreanischen Kino der 50er und 60er Jahre gewidmete Filmreihe soll 2021 nachgeholt werden. Im Wettbewerb allerdings, sonst hinter den drei Großen Berlin, Cannes und Venedig immer zweite Riege, sowie in den Nebenreihen liefen diesmal 17 Beiträge des ausgefallenen Cannes-Jahrgangs, darunter Hochkarätiges wie das Coming-Out-Vexierspiel »Sommer 85« von François Ozon und Thomas Vinterbergs Trinker-Tragikomödie »Another Round«, deren Männer-Ensemble um Mads Mikkelsen am Ende gemeinsam den Darstellerpreis erhielt. Die große Gewinnerin war allerdings eine nahezu Unbekannte: Die Georgierin Dea Kulumbegashvili überzeugte in ihrem Regiedebüt »Dasatskisi« (Beginn) mit dem bildgewaltigen Porträt einer Frau, die der einengenden Welt der Zeugen Jehovas entfliehen will, die Jury um Präsident Luca Guadagnino derart, dass das Drama gleich vier Hauptpreise abräumte: die Goldene Muschel als bester Film und Auszeichnungen für Regie, Drehbuch und Ia Sukhitashvili als beste Darstellerin. Das mag man einseitig finden, doch »Dasatskisi« war der alles überragende Film des Wettbewerbs, ein verstörendes Werk, dessen Bilder nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Aus Spanien selbst lief im Wettbewerb diesmal nur ein einheimischer Beitrag. »Akelarre« erzählt in oft betörenden Bildern von einer Hexenverfolgung im Jahr 1609, die Pablo Agüeros Film mit großer postmoderner Geste zur misogynen Machenschaft eines Richters gegen junge Feministinnen umdeutet und damit lediglich Mythen der baskischen Geschichte wiederholt, ohne eine eigene Haltung zu haben. Wie relevant Filmemacher von spanischer Gegenwart erzählen können, zeigte Isabel Lamberti mit ihrem Regiedebüt »La última primavera« (Sektion: New Directors). Sie porträtiert eine Roma-Familie, die aus ihrer Barackensiedlung außerhalb Madrids vertrieben werden soll. Mitglieder spielen sich in diesem Doku-Fiction-Hybrid selbst und ihre Überlebenskunst am Rande der Wohlstandsgesellschaft wirkt gerade dadurch nie voyeuristisch, sondern sehr würdevoll.

Der aufsehenerregendste Beitrag aus Spanien war allerdings kein Spielfilm, sondern ein achtstündiges Serienepos. »Patria« nach dem Romanbestseller von Fernando Aramburu erzählt aus verschiedenen Perspektiven und auf mehreren Zeitebenen die Geschichte zweier ehemals befreundeter Familien, die seit dem ungeklärten ETA-Mord an einem der Väter entfremdet sind. In gedeckten Farbtönen aufwendig und präzise inszeniert, entsteht eine Atmosphäre, in der die Vergangenheit sich wie ein Schleier über die Gegenwart legt und Schuld und Trauer in das Leben der Protagonisten eindringen. Die Anspannung zur Weltpremiere war am Ort des Geschehens, wo bis heute die Wunden der Terrorjahre noch lange nicht verheilt sind, entsprechend hoch. Mit dem parallelen Serienstart in 27 Ländern allerdings dürfte der Diskurs um den Umgang mit der jüngeren Geschichte an Dynamik gewinnen, so verbittert und verhärtet die Fronten auch sind.

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