DokuBaku 2019

Baku im Herbst
Zuschauer im Festivalkino »Salaam« Foto: Elturan Mammadov

Zuschauer im Festivalkino »Salaam« Foto: Elturan Mammadov

Die Hauptstadt von Aserbaidschan hat seit 2017 ein internationales Dokumentarfilmfestival. In diesem Jahr liefen auf der DokuBaku 38 Arbeiten – die auch Einblick in die regionale Produktion gaben

Wenn man in Baku vom Flughafen in die Stadt fährt, kommt man an einem gewaltigen Ausstellungsgebäude vorbei, das in seiner geschwungenen Form der Unterschrift des allgegenwärtigen Präsidenten nachempfunden ist. Das sagt ziemlich viel aus über die manchmal sehr eigene Verbindung von Personenkult und Modernisierung in einer Stadt, in der man vielleicht nur als Fremder einen Film wie Veit Helmers »The Bra«, deutsch »Vom Lokführer, der die Liebe suchte«, drehen kann. Ein Zugführer will hier seiner Besitzerin einen blauen BH zurückbringen, der bei einer Fahrt mitten durch das lebendige Viertel hängen geblieben ist, das die Bewohner von Baku »Shanghai« nennen. Ein Besuch im Shanghai des Septembers 2019 stimmt ein bisschen zornig, ein bisschen melancholisch. Der Zug fährt längst nicht mehr durch das Viertel hindurch, die Hälfte der erdgeschossigen Häuser ist abgerissen, bald wird Shanghai nur noch eine Erinnerung sein, aufgehoben in Helmers Spielfilm und einer Dokumentation über die Dreharbeiten, die sich zu einem Porträt des Viertels und seiner Menschen weitet, von denen es einige gar nicht so gern sehen, als cineastische Kulisse zu dienen. »Once Upon a Time in Shanghai« heißt diese Dokumentation von Leyli Gafarova.

Zu sehen war sie bei der dritten Ausgabe von DokuBaku, dem Dokumentarfilmfestival, auf dem mit tatkräftiger Unterstützung des lokalen Goethe-Instituts eine Momentaufnahme der einheimischen und internationalen Produktion gegeben wird. Auch einen weiteren der gezeigten Filme kann man zum Anlass für eine kritische Drehortbesichtigung verwenden: »Saving Salaam« schildert in der Form eines Direct Cinema den zivilgesellschaftlichen Kampf um einen vergangenheits- und symbolreichen Ort, der viel mehr als ein Kino, nämlich ein Hort kultureller Selbstbestimmung ist. Trotz ihres Ad-hoc-Charakters ist diese Gemeinschaftsarbeit unter Leitung von Orkhan Adigozelov nicht nur die Wiedergabe einer tapferen Besetzungsaktion, sondern auch Reflexion einer langen Kulturgeschichte eines Gebäudes, das wie das besagte Stadtviertel einer blinden Modernisierung zum Opfer fallen sollte. Und wenn am Ende das Partisanenlied »Bella Ciao« erklingt, ahnt man, dass solche Filme an die Grenzen dessen gehen, was an cineastischen Widerstand möglich ist. Beide Filme (die zu meinen Lieblingsprojekten gehören) sehen in der Bewahrung einen Akt der Selbstbehauptung.

Vielleicht wäre dies als ein Leitmotiv bei der Auswahl der Filme für DokuBaku – 38 in 25 Vorstellungen – auszumachen: das dokumentarische Filmen als Geste gegen das Vergessen. Das hat manchmal einen nostalgisch wehmütigen Aspekt, etwa wenn es um den Alltag alter Frauen in ärmlich-idyllischer Natur geht oder um Wolfssagen portugiesischer Hirten. Es kann aber auch schmerzhaft gegenwärtig sein wie in dem – auch bei uns gelaufenen – »Taste of Cement« von Ziad Kalthoum, der Krieg und Aufbau, Trauma und Ausbeutung in Syrien und im Libanon montiert. Ein Film übrigens, der wie der Preisträger »The Disappearance of My Mother« von Beniamino Baresseni zeigt, dass genaue Beobachtung und filmische Poesie keine Widersprüche sind. Filme können eine Form des kollektiven Gedächtnisses sein, in dem die Geschichte nicht ausschließlich von den Gewinnern geschrieben wird. Allein das macht sie politisch, auch wenn sie sich aus dem einen oder anderen Grund der direkten Stellungnahme enthalten (müssen). Als bester Kurzfilm wurde »In Between« von Samir Karahoda aus Kosovo ausgezeichnet. Eine Geschichte der Hoffnung und der Gerechtigkeit, verdichtet in der Anstrengung, genau gleiche Häuser für die Kinder zu bauen, deren Rückkehr aus erzwungener Migration ersehnt wird. Und übrigens ein Beispiel dafür, wie Dokumentarfilme auf eine Poesie des Alltäglichen kommen, die sich ein Drehbuchautor nie einfallen lassen könnte.

Das Dokumentarfilmfestival DokuBaku bietet dem Besucher zwei Seiten. Das eine ist ein Sample von internationalen Dokumentarfilmen, im kurzen wie im abendfüllenden Format, das zweite aber, für den weit gereisten Festivalbesucher vielleicht noch interessanter, ein Überblick über das lokale Geschehen auf dem Gebiet des dokumentarischen Arbeitens. Wobei das Dokumentarische nicht dogmatisch gesehen wird: Auch Essayistisches und Animationsfilme haben ihre Chance. Und so unterschiedlich wie das Filmangebot sind die drei hauptsächlichen Spielstätten: der Kapellhof als ausgesprochen kommunikativer und offener Begegnungsort, das erwähnte Cinema Salaam mit seinem Charme selbstverwalteter cineastischer Leidenschaft und das etwas mondänere Landmark im Souterrain eines Bürokomplexes. Drei Kinos, die zugleich verschiedene cineastische Attitüden und ein wenig auch verschiedene Seiten dieser Stadt repräsentieren.

Die Gründer und Leiter, Imam Hasanov, Veronika Janatkova und Oktay Namazov, haben ein Programm zusammengestellt, das zwischen Übersicht und Statement eine Balance findet. Auch der Film, der den Publikumspreis erhielt, Laura Coppens' »Taste of Hope« aus der Schweiz, lässt sich verstehen im Kontext von Bewahren und Widerstand: Die Geschichte einer kleinen kollektiven Teefabrikation, die gegen den Strom von Kapital und Macht zu überleben versteht. Vielleicht ist genau dies die Aufgabe des dokumentarischen Films derzeit: die Suche nach Zeichen der Hoffnung.

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