72. Film Festival in Locarno

Familiengeschichten
»The Last Black Man in San Francisco« (2019). © A24

»The Last Black Man in San Francisco« (2019). © A24

Lili Hinstin hat nach dem Weggang von Carlo Chatrian nach Berlin die künstlerische Leitung des altehrwürdigen Festivals von Locarno in der Schweiz übernommen. Die Ausrichtung des Festivals zwischen Autorenfilm und Publikumsfestival hat sie beibehalten

Es bleibt ein Spagat: Wie fast alle Festivals muss auch Locarno jedes Jahr von neuem die Balance finden zwischen einem Wettbewerb (der neuen Talenten des Weltkinos eine Plattform gibt) und den Abendfilmen auf der 7500 Besucher fassenden Piazza Grande (die nicht unwesentlich zur Finanzierung beitragen und die Attraktivität für die Touristen ausmachen). Das ist in diesem Jahr der neuen künstlerischen Leiterin Lili Hinstin gelungen. Quentin Tarantinos »Once Upon a Time in … Hollywood« erwies sich nicht nur als Publikumshit auf der ausverkauften Piazza, sondern füllte zusätzlich noch 1800 weitere Plätze in einem Kinosaal). Der Hauptpreis allerdings ging am Ende an einen verdienten Veteranen des Autorenkinos, den sechzigjährigen Portugiesen Pedro Costa, dessen »Vitalina Varela« zudem der gleichnamigen Hauptdarstellerin den Preis für die beste weibliche Darstellerin einbrachte. In »Vitalina Varela« setzt Pedro Costa seine Erkundungen im Armenviertel von Lissabon in gewohnt tableauartigen Bildern fort, die Titelfigur kam schon in seinem vorangegangenen Film »Horse Money« vor, für den er 2014 in Locarno den Preis für die beste Regie erhielt.

Costas Erzählweise, die dokumentarische und fiktive Elemente mischt, zog sich durch eine Reihe der diesjährigen Locarno-Filme (war aber auch schon bei der Berlinale zu beobachten, weshalb viele Festivals die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm mittlerweile aufgegeben haben). Das reichte im zweiten Wettbewerb »Cineasti del presente« vom preisgekrönten rumänisch-serbischen »Ivana cea Groaznica«, der allerdings oft eher an eine Daily Soap erinnerte, bis zum – leider preislosen – »L'apprendistato« von Davide Maldi, einem meiner persönlichen Lieblingsfilme, der mit großer Zuneigung eine Handvoll Jungen während ihrer Ausbildung an einer Hotelfachschule be­­o­b­achtet und in den Mittelpunkt den unangepassten Luca stellt, der vom Lande kommt und so ganz anders ist.

Ohne Auszeichnung blieb im Wettbewerb auch (der allerdings in Sundance preisgekrönte) »The Last Black Man in San Francisco« von Joe Talbot, inspiriert von der Familiengeschichte des Hauptdarstellers Jimmie Fails. Er bettet seine tragikomische Geschichte um Gentrifizierung ein in ein San Francisco zwischen herrschaftlichen Häusern und Umweltverschmutzung. Der genaue, anteilnehmende Blick auf bedrückende Verhältnisse prägte für mich die besten Filme des Wettbewerbs in Locarno. Etwa im koreanischen »Pa-Go« von Park Jung-bum, in dem eine Polizistin fast alle Einwohner eines Fischerortes als Schuldige ermittelt, in Rabah Ameur-Zaimeches »Terminal Sud«, in dem ein aufrechter Arzt in einem ungenannten nordafrikanischen Land zwischen die Fronten von Polizeiapparat und Rebellen gerät, oder im brasilianischen »A Febre« von Maya Da-Rin, in dem ein Indio, der seit Jahren im Hafen von Manaus arbeitet, sich mit seiner Herkunft auseinandersetzen muss. Der Film bekam den Preis für den besten Darsteller (Regis Myrupu), was auch eine Auszeichnung für die Produktionsfirma Komplizen Film war, die ihn koproduziert hatte. Komplizen Film (Maren Ade, Jonas Dornbach, Janine Jackowski) selber, vor allem bekannt für »Toni Erdmann«, wurde in diesem Jahr mit dem Produzentenpreis ausgezeichnet.

Deutschland war im Hauptprogramm vertreten mit »7500« (Piazza Grande), dem Langfilmdebüt des Studentenfilm-Oscar-Gewinners Patrick Vollrath, einem Thriller über eine Flugzeugentführung, erzählt (fast) in Echtzeit, bei der die Kamera die ganze Zeit über im Cockpit verbleibt, und mit »Das freiwillige Jahr« (Wettbewerb) von Ulrich Köhler und Henner Winckler, einer reduziert erzählten Geschichte zwischen der unentschlossenen Tochter (Maj-Britt Klenke), die es sich am Tag ihrer Abreise nach Südamerika plötzlich anders überlegt, und ihrem dominanten Vater (Sebastian Rudolph). Eine hundertprozentige WDR-Produktion, sollte der Film gleichwohl einen Kinoverleih finden. Das wünscht man auch »La Sainte famille«, der außer Wettbewerb gezeigten zweiten Regiearbeit des Schauspielers Louis-Do de Lencquesaing, eine so dicht wie lässig erzählte tragikomische Familiengeschichte.

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