Berlinale: Kulinarisches Kino

Regisseur Philippe Mora »Monsieur Mayonnaise« (2016)

Regisseur Philippe Mora »Monsieur Mayonnaise« (2016)

Im Film »Monsieur Mayonnaise« begibt sich der Regisseur Philippe Mora auf familiäre Spurensuche

Das »kulinarische Kino« der Berlinale lässt der Filmfreund, der nicht 95 Euro für Film und Menü ausgeben mag, normalerweise weise links liegen. Zum Glück aber laufen die Filme einen Tag später noch einmal ohne großes Fressen und manchmal sind auch solche darunter, die nicht nur für kulinarische Feinschmecker von Interesse sind. In diesem Jahr ist das »Monsieur Mayonaise«, in dem sich der Regisseur Philippe Mora auf Entdeckungsreise begibt – in die eigene Familiengeschichte.

Warum etwa mochte sein 1992 verstorbener Vater George(s) nicht in deutsche Autos steigen? Was hatte er gemacht in Frankreich, bevor er mit seiner Frau und dem Nachwuchs Anfang der fünfziger Jahre nach Australien kam? Erst kurz vor seinem Tod hat er dem Sohn davon erzählt. Dem läuft jetzt die Zeit davon: wird er überhaupt noch Zeitzeugen finden, die Auskunft geben können über die frühen Jahre seines Vaters? Er findet sie – und das sind die bewegendsten Momente dieses Films, zumal der Auftritt eines 105jährigen Résistancekämpfers. Denn Georg Morawski (so der Geburtsname von Philippe Moras Vater) war ein deutscher Jude, der 1933 Medizin studierte, die Bücherverbrennungen miterlebte, daraufhin nach Paris emigrierte und sich der Résistance anschloss. Später, nach der Besetzung von Paris, konnte er mit falschen Papieren und einer neuen Identität als Georges Pierre Morand nach Südfrankreich entkommen, wo er jüdische Kinder unterrichte und ihnen zur Flucht in die Schweiz verhalf - dabei hatte er übrigens einen prominenten Mitkämpfer, den Pantomimen Marcel Marceau, der Moras Patenonkel wurde.

Philippe Moras Spurensuche führt ihn von seinem kalifornischen Wohnsitz nach Philadelphia (wo er einen der Jungen trifft, denen sein Vater damals über die Schweizer Grenze half – heute ist der Kinderpsychiater), nach Paris, Berlin und Leipzig (dem Geburtsort seines Vaters) und nach Australien, zu seiner Mutter Mirka, die der Deportation nach Auschwitz nur knapp entkam und später eine anerkannte Malerin wurde. An all diesen Orten setzt Mora die Geschichte seines Vaters in Bilder für eine graphic novel um. Der Film greift, gerade zu Beginn, immer wieder auf Montagen zurück, die verschiedenstes Material zusammenbringen: Familienfilme aus dem Australien der fünfziger Jahre, dokumentarische Aufnahmen und kurze Szenen aus Moras Filmen, den Horrorfilmen ebenso wie den Bildern aus Nazideutschland, die »Swastika« versammelt. Das wirkt für den Zuschauer ähnlich verstörend wie es die Premiere von Moras Dokumentarfilm »Swastika« 1973 auf dem Festival von Cannes war. Denn die farbigen home movies von Hitler und Eva Braun auf dem Obersalzberg hatte man bis dahin noch nicht gesehen, Mora hatte sie in Washington aufgespürt. Der beste Umgang mit der Geschichte bestehe für einen Juden darin, einen guten Sinn für Humor zu entwickeln, kommentiert Mora, der seine frühe Vorliebe für Horrorfilme auch als eine Möglichkeit beschreibt, Traumata zu verarbeiten.

»How french mayonnaise defeated the Nazis« (wie es auf dem Plakat heißt), das muss man selber sehen. Er eröffnet eine weitere Facette im Bild des Filmemachers Philippe Mora, den ältere Kinogänger noch von seinen frühen Programmkinoerfolgen wie »Mad Dog Morgan« (1976, mit Dennis Hopper in der Titelrolle des australischen Outlaws) und »The Return of Captain Imvincible« (1982, eine Superheldenparodie mit Songs des »Rocky Horror Picture Show«-Komponisten Richard O’Brien) kennen. Moras filmisches Werk sich nicht so leiht auf einen Nenner bringen, neben dem ganz und gar ernsthaften alien encounter-Film »Communion« mit Christopher Walken inszenierte er auch die ersten beiden Nachfolgefilme zu Joe Dantes allseits geschätzten Werwolffilm »The Howling«, die man eher als trashig in Erinnerung hat. Dass er zudem als bildender Künstler, als Maler ebenso wie als Verfasser von graphic novels, tätig ist, dürfte Filminteressierten ebenfalls nicht unbedingt bekannt sein. Als ich ihn zu Beginn des Festivals wiedertraf, freute er sich auf Andres Veiels »Beuys« und auf das Wiedersehen mit Klaus Staeck, denn die hatten ihm in den sechziger Jahren in London, als er seine ersten Bilder und Installationen ausstellte, Unterstützung zuteil werden lassen. »Monsieur Mayonnaise« ist auch eine Annäherung an Moras Werk, führt er doch die verschiedenen Fäden zusammen.»

»Monsieur Mayonnaise«, Australien/Deutschland/Frankreich/USA 2016; R: Trevor Graham; im ‚Kulinarischen Kino’ am 16.2. (mit Dinner), Wiederholunhg am 17.2.

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