Sittenbilder, 2014

THE IMITATION GAME

Start in die Award-Saison: Im kanadischen Toronto stellt Hollywood traditionell seine Herbstkollektion vor. Aber auch europäische  und deutsche Autorenfilmer zieht es in die Multikulti-Metropole

Wenn Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) spricht, dann tut er es in einer seltsamen, angelesenen Sprache, in der sich der unterwürfige Jargon der Dienstleistungsgesellschaft mit den Erfolgsversprechungen von Karriereseminaren und Konzernwebsites mischt. Vom Gelegenheitsdieb zum knallharten TV-Reporter arbeitet sich der Mann in Dan Gilroys Nightcrawler mit einer Mischung aus Naivität und Unverfrorenheit nach oben und bringt den lokalen Fernsehsendern die blutigsten Bilder von Autounfällen und Gewaltverbrechen. Die weiche Stimme, mit der er seine Plattitüden der Erfolgsgesellschaft nachbetet, lassen ihn gleichermaßen wie eine monströse Version des amerikanischen Traums und eine verlorene Seele erscheinen, die vollkommen losgelöst von gesellschaftlichen Codes agiert. Nightcrawler war einer der interessantesten Filme beim 39. Toronto International Film Festival, wo Hollywood mit Hinblick auf die beginnende Oscar-Rallye alljährlich seine Herbstkollektion vorstellt.

Von verlorenen Seelen im modernen Amerika erzählt auch Jason Reitmans sanfte Satire Men, Women & Children. Anhand von vier Familien zeigt der Film die Auswirkungen totaler elektronischer Vernetzung auf die Beziehungen zwischen Eltern und jugendlichen Kindern, die den Kontakt zu sich selbst, ihrer Sexualität und ihren Nächsten verloren haben – ein differenziertes Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft im Strudel des Informationszeitalters.

Auf ganz andere Weise neben sich stehen die Figuren in Noah Baumbachs While We’re Young. Ben Stiller und Naomi Watts spielen hier ein kinderloses Paar, das in Manhattan mit Hilfe zweier hipper Mittzwanziger seine Midlife-Crisis zu kompensieren versucht. Auch wenn die nach einem breiteren Publikum schielende Komödie nicht an den unwiderstehlichen Indie-Charme von Frances Ha anknüpfen kann, bietet Baumbach hier ein scharf gezeichnetes Psychogramm der Generation 40 plus, die an der eigenen Ent-Etablierung scheitert. Ähnlich asynchron zum eigenen Lebensalter schlenkert Keira Knightley in Lynn Sheltons Laggies durchs Ü30-Dasein und flüchtet sich nach einem Heiratsantrag ihres Lebensgefährten als Übernachtungsgast zu einer Sechzehnjährigen, die sie vor einem Supermarkt kennen gelernt hat.

Mehrere Biopics widmeten sich Genies, die sich auf ihre eigene Weise nicht den normativen Kräften der Gesellschaft beugen. Morten Tyldums The Imitation Game  erkundet das Leben und Wirken des britischen Mathematikers Alan Turing (Benedict Cumberbatch), der im Zweiten Weltkrieg die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma knackte und damit entscheidend zum Sieg der Alliierten beitrug. Dabei wird das tragische Potenzial der Biografie im letzten Viertel allerdings viel zu kurz abgehandelt. 1952 nämlich wurde Turing aufgrund seiner homosexuellen Neigungen von einem Gericht zu einer Hormonbehandlung verurteilt und nahm sich zwei Jahre später das Leben. Allen Filmbiografien ist gemeinsam, dass sie das außergewöhnliche Leben ihrer Figuren in äußerst konventionelle Erzählformate pressen, während sich die Hauptdarsteller mit Hinblick auf die Oscar-Saison tapfer um Kopf und Kragen spielen.

Nicht nur den Oscar-Sehnsüchten amerikanischer Filmemacher bietet das Festival in der entspannten kanadischen Multikulti-Metropole einen guten Nährboden. Mit Christian Petzolds Phoenix, Giulio Ricciarellis Im Labyrinth des Schweigens und Baran bo Odars Who Am I – Kein System ist sicher feierten gleich drei prominente deutsche Produktionen hier ihre Weltpremiere. Auch erfahrene Arthouse-Regisseure wie François Ozon und Susanne Bier stellten ihre neuen Werke in Toronto vor. Während Bier in A Second Chance, einer Geschichte um Kindstod und ein gestohlenes Baby, den Bogen der Dramatisierung entschieden überspannt, ist Ozon in der Transgendergeschichte von The New Girlfriend voll in seinem Element. Ein äußerst vergnügliches, wunderschön fotografiertes Verwirrspiel über weibliche wie männliche Rollenmuster, das fast schon Almodóvar’sche Qualitäten entwickelt – und den fabelhaften Romain Duris als die mit Abstand schönste Frau des Festivals präsentierte.

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