Kritik zu Wunderkinder

© Kinowelt

Die Ukraine in den 40er Jahren: Wechselnde Besatzer bestimmen das Schicksal dreier musikalisch begabter Kinder aus unterschiedlichen Familien

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Endlich wird das grandiose, zartgelb geflieste Treppenhaus im Haus des Rundfunks als Kinoschauplatz entdeckt: Im Hörsaal des RBB probt eine alte Geigenvirtuosin, in der Pause berichtet ihre Assistentin von einem beharrlichen alten Mann, der ihr einen Umschlag überbringen ließ. Als die alte Dame ein handgezeichnetes Notenblatt herauszieht, nimmt ihr Gesicht jenen in die Ferne blickenden Zug an, mit dem sich eine Rückblende ankündigt, wie das eben so gemacht wird, wenn eine Geschichte aus der Nazizeit erzählt werden soll, im Auftrag des Fernsehens. »Das ist Abrascha, keiner konnte so gut spielen wie er«, sagt sie noch, und dann öffnen sich die Schleusen in die Vergangenheit, 1941 in der Ukraine, auf dem Lande, wo die Pianistin Larissa und der Violinist Abrascha als Wunderkinder der klassischen Musik und als Vorzeigekünstler des Kommunismus gefeiert werden. Mit ihrer Musik überwinden sie die Grenzen von Rasse und Klasse, und treffen mitten ins Herz von Hanna, die als Tochter eines deutschen Brauereibesitzers hier im Luxus lebt. Langsam kommen sich die Kinder näher, doch bald wird das musikalische Bündnis durch die historischen Entwicklungen bedroht. Nach dem Einmarsch der deutschen Armee gilt Hannas Vater Max (Kai Wiesinger) plötzlich als deutscher Spion, und muss in einem Lagerraum im Keller versteckt werden.

Mit der Frage »Warum ist Hanna jetzt unser Feind?«, bohrt Larissa mittenhinein in die Absurditäten des Krieges, wo Staatsordnungen und Kriegsentwicklungen Schicksale bestimmen. Mal versteckt sich die deutsche Familie vor den russischen Soldaten im Keller und in einer einsam im Wald gelegenen Hütte, dann wieder die russischen Familien von Abrascha und Larissa, die wegen ihrer jüdischen Abstammung verfolgt werden. Es ist ein Bäumchenwechsle-dich-Spiel in der Ukraine, und wäre es nicht so existenziell, dann wäre es lachhaft. Eine gewisse Bereitschaft zu Vorurteil und Intoleranz nistet in allen drei so schicksalhaft verbundenen Familien. Doch die vielbeschworene, toleranzfördernde Kraft der Musik verwandelt die Automatik des staatlichen Gehorsams in freundschaftliche Loyalität, in Widerstand und Rebellion. So wird taktiert und paktiert, und um Leben gefeilscht, die Familien helfen sich gegenseitig, offen oder verdeckt, eine Gefälligkeit hier, eine Gefälligkeit dort, bis zum dramatischen Höhepunkt, in dem die jüdischen Kinder vor den Nazifunktionären um ihr Leben spielen müssen.

Produziert wurde Wunderkinder von Atze Brauner, dessen Herkunft und Geschichte ihn wachsam gemacht haben für Geschichten über das Sterben und Überleben im Holocaust. Markus O. Rosenmüller, nicht zu verwechseln mit Marcus H. Rosenmüller, dem Regisseur von Wer früher stirbt ist länger tot und anderen bizarren Moritaten, erzählt eine anrührende Geschichte, in weitgehend gediegenen Bildern, die seine Herkunft aus dem Fernsehen verraten und doch hier und da aus den Bildkonventionen ausbrechen.

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